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Bildkritik: Eckenknick Reloaded

Perspektive, zum Dritten …

Kürzlich stellte Ihnen Doc Baumann hier einen falsch konstruierte Eckenknick aus der Werbung vor. Aber auch sein Tipp, wie man das besser machen könnte, war nicht fehlerfrei. Dazu gab es gerechtfertigte Kritik und die Vorstellung eines Weges, wie man das korrekt hinbekommt. Und auch dazu kamen weitere Hinweise: Die Ansicht eines solchen Eselsohres hinge immer ja auch vom Blickwinkel ab …

Eckenknick

Ja, ich weiß. Spätestens seit der Sache mit dem dicken Buch, das man sowohl schön rechtwinklig von vorn sehen kann und gleichzeitig von der Seite, also in seiner ganzen Stärke mit allen Seiten, ist mir klar, dass solche Ansichten natürlich immer auch vom Blickwinkel abhängen.

Aber mal ehrlich: Als Ludwig Wiese zu meinem Eckenknick-Vorschlag anmerkte: „Der einfache Eckenknick wirkt mit Schattenwurf und Abdunklung perfekt, ist jedoch in dieser Form in der Realität nicht möglich. Schön, aber falsch“ – hätte ich da schreiben sollen: „Na klar, schon richtig – aber wenn man von der Seite schaut, dann liegt die umgeklappte Ecke eben nicht mehr auf der geometrisch exakt konstruierten Linie, sondern, je nachdem, darüber oder darunter?“ Hätte ich natürlich schreiben können, und es wäre nicht falsch gewesen. Aber das wäre mir dann doch zu sehr als Rechthaberei erschienen. Und ich will ja nicht um jeden Preis recht haben, sondern lerne gern noch immer was dazu. Und so, wie ich es gemeint hatte, war es falsch.

Und so gab es zu meiner Richtigstellung mehrere Kommentare, die genau auf diesen Sachverhalt hinwiesen: „nikonist“ schrieb: „Die Erklärung von Ludwig Wiese ist völlig korrekt, für die Darstellung und damit für die Größe der Katheten ist aber auf alle Fälle noch der Blickwinkel entscheidend.“

Noch ausführlicher erklärte es Horst Fenchel, der seit vielen Jahren immer wieder hilfreiche Anmerkungen zur Bildkritik übermittelt: „Ihre einfache Photoshop-Lösung sieht für mich nicht nur realistisch aus, sie ist es auch … unter bestimmten Umständen. Erinnern Sie sich noch an das Foto vom Buch, mit unverzerrter Aufsicht und  gleichzeitiger Ansicht von zwei Seiten fotografiert? Hier wurde beim Fotografieren die Parallelverschiebung angewandt. Fotografiert man also mit einer Parallelverschiebung (Shift-Optik) ein Blatt mit umgeknickter Ecke von oben, dann liegt die Spitze nicht mehr zwingend auf der gedachten Verbindungslinie zwischen Zustand a) ungefaltet und b) 180° gefaltet, so wie Herr Wiese es beschreibt.

Knicken Sie einfach mal ein Blatt um, so wie in Ihrem Beispiel, und schauen Sie von oben drauf. Sobald Sie die Blickrichtung ändern, also zum Beispiel von weiter unten auf das Blatt schauen, „wandert“ auch die Position der Spitze der umgeknickten Ecke, in diesem Fall nach oben (wie in Ihrer Photoshop-Version). Ludwig Wiese führt den Beweis korrekt … aber eben nur für einen einzigen „Blick-Punkt“. Ihre Photoshop-Lösung ist also nicht wirklich falsch (im Gegensatz zum gruseligen Beispiel aus der Werbung).“

Wohl wahr! Betrachten wir also mal vier Fotos einer solchen Ecke:

Eckenknick
Bild 1 zeigt den strengen Blick genau von oben. Die eingezeichnete diagonale Linie verbindet die Ecke im ungeknickten Zustand mit dem Punkt, auf dem sie liegt, wenn sie vollständig um 180° gefaltet worden ist. Diese Linie wurde auf der Rückseite des Blattes an derselben Stelle eingezeichnet. Wie es sein sollte, setzt sie sich bei diesem Blickwinkel bruchlos in der auf der Vorderseite des Papiers fort.

Eckenknick
Bei Bild 2 dagegen ist das ganz anders: Hier liegt die umgelegte Ecke ein ganzes Stück oberhalb der Diagonalen. Das ist weder falsch konstruiert noch falsch fotografiert, sondern zeigt einfach den Blick leicht von der Seite – was auch daran zu erkennen ist, dass die rechte senkrechte Kante des Blattes nicht mehr vertikal verläuft, sondern perspektivisch verzerrt schräg (gelbe Linie).
Eckenknick
Doch was ist bei Bild 3 passiert? Die Ecke liegt auch hier oberhalb der Diagonalen, wo sie eigentlich hingehört – aber sowohl die senkrechte wie die waagerechte Kante des Papiers sind streng rechtwinklig ausgerichtet. Und das lediglich fotografiert und nicht in Photoshop nachbearbeitet.
Bei Bild 4 begegnen wir derselben Situation, nur liegt die Ecke diesmal unterhalb der Diagonalen.

Nun, bei Bild 2 und 3 habe ich mich mit der Kamera von der unteren Papierkante entfernt und aus dieser Position aufgenommen, in Bild 4 dagegen die entgegengesetzte Richtung gewählt. Für Bild 2 habe ich die Kamera schräg gehalten – für Bild 3 und 4 dagegen parallel zum Boden. Allerdings lag in diesen beiden Fällen die Ecke nicht mehr genau unter der Kamera, also in der senkrechten Achse durch die Mitte des Objektivs zum Sensor, sondern ein ganzes Stück seitlich davon. Das Papier befand sich also nicht mittig auf der Aufnahme, sondern lag in einer ihrer Ecken. Das entspricht dem Effekt, den Horst Fenchel für die Shift-Optik beschreibt.

Fazit also: Meine ursprüngliche Bildkritik an der eingerollten Ecke war richtig, und auch mein Vorschlag, wie man ein einfaches Eselsohr konstruieren kann, war nicht wirklich falsch. Allerdings gehen wir in der Regel davon aus, eine Seite genau von oben zu betrachten, und daher sollte bei einer solchen Darstellung die in beliebigem Winkel umgeknickte Ecke möglichst auf der beschriebenen Diagonalen liegen.

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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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2 Kommentare

  1. Spannend wäre hier gewesen, die Bildfolge zu sehen, wenn sich die Ecke unter dem jeweiligen veränderten Blickwinkel bewegt… Zeigt sich dann auch wieder die gedachte Linie, die (immer?) rechtwinklig auf der Hypothenuse steht – bei verändertem Blickwinkel dann nur an anderer Position?

    1. In der Tat hat mir Herr Fechel das als Videosequenz geschickt, in der man sehen kann, wie die Spitze der umgeknickten Ecke je nach Winkel wandert. Im Idealfall liegt sie wie beim ersten Bild auf der Linie zwischen Original-Ecke und um 180° gefalteten, und dann verschiebt sie sich je nachdem nach oben oder unten jenseits dieser Linie wie in den Bildern 2 bis 4. Wenn ich Ihre Frage richtig verstehe: Die gedachte Linie (= Höhe in Ausrichtung zum rechten Winkel) steht nur bei der 180°-Klappung (oder bei 0°) rechtwinklig auf der Hypotheuse; in den anderen Fällen, wie aus den Bidlern oben ersichtlich, verändert sich dieser Winkel mit dem Blickwinkel

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