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Warum wir die KI fürchten und was das über uns verrät

Es ist ein seltsames Schauspiel. Während ein Teil der Welt im Rausch einer neuen technologischen Verheißung schwelgt, zieht sich Europa in sein Schneckenhaus zurück und zittert. Viele Menschen in Europa scheinen die KI zu fürchten. Die Künstliche Intelligenz, anderswo als Motor für Wohlstand und Fortschritt gefeiert, erscheint uns vor allem als digitaler Golem, der nur darauf wartet, sich gegen seine Schöpfer zu wenden. Wir malen Dystopien an die Wand, während in den Garagen des Silicon Valley und den Laboren Shenzhens bereits die nächste Utopie programmiert wird. Doch woher rührt diese tief sitzende, fast schon lustvoll zelebrierte Paranoia? Ist sie nur das Echo alter Schauergeschichten oder offenbart sie eine tiefere Wahrheit über unseren Kontinent?

Unser kulturelles Erbgut: Von Frankenstein zu HAL 9000

Die Wurzeln unserer Skepsis sind tief und literarisch. Unser kulturelles Erbgut ist durchtränkt von Erzählungen, in denen die Schöpfung den Schöpfer vernichtet. Mary Shelleys „Frankenstein“ ist mehr als nur ein Roman; es ist die Gründungsurkunde der europäischen Technikangst. Die Kreatur, aus Ehrgeiz und Hybris geboren, wird zur Nemesis. Fritz Langs „Metropolis“ goss diese Furcht in das Bild der Maschinen-Maria, die eine ganze Gesellschaft ins Verderben stürzt. Und als Stanley Kubrick uns mit HAL 9000 konfrontierte, wurde die Warnung endgültig existenziell: Die Maschine, deren Logik wir nicht mehr durchdringen, entzieht uns die Kontrolle – erst über das Raumschiff, dann über unser Schicksal. Diese Narrative sind keine bloße Unterhaltung; sie sind die geistigen Brandmauern, die wir um jede neue Technologie errichten. Sie programmieren uns auf Misstrauen und lehren uns, im Fortschritt stets den Keim des Untergangs zu suchen.

Der Glaubenskrieg im Leuchtkasten

Nirgendwo wird dieser Konflikt derzeit so greifbar wie in unserem eigenen Metier: der Fotografie und Bildbearbeitung. KI-Werkzeuge wie „Generative Fill“ sind nicht einfach nur neue Pinsel im digitalen Malkasten. Sie sind der aalglatte, verführerische Vorbote jener Zukunft, die uns so beunruhigt. Was für den amerikanischen Pragmatiker ein Effizienzgewinn und für den asiatischen Ästheten ein Mittel zur Perfektionierung ist, gerät bei uns zum Glaubenskrieg. Hier prallen die Welten aufeinander: Der Anspruch auf Authentizität und dokumentarische Wahrheit kollidiert mit einer Technologie, die Realität nach Belieben formbar macht.

Die Angst des professionellen Bildgestalters ist dabei exemplarisch. Es ist nicht die Furcht vor dem Werkzeug selbst, sondern die Furcht vor der eigenen Entwertung. Was bleibt von der Kunstfertigkeit, vom geschulten Auge, von der jahrelang erarbeiteten Expertise, wenn ein Algorithmus in Sekunden Ergebnisse liefert, die früher Stunden mühevoller Arbeit erforderten? Die KI rüttelt am Fundament des kreativen Selbstverständnisses. Sie stellt die Frage nach der Autorschaft und droht, den Künstler vom Schöpfer zum bloßen Bediener, zum Kurator maschinell generierter Vorschläge zu degradieren.

Dialektik der Kontinente: Wohlstandsangst versus Aufstiegshunger

Diese europäische Befindlichkeit wird im globalen Vergleich erst richtig deutlich. In weiten Teilen Asiens, wo die gelebte Erfahrung des rasanten Aufstiegs die kollektive Erinnerung prägt, ist Technik kein Feind, sondern ein Versprechen. Die KI ist der nächste logische Schritt auf der Leiter zu mehr Wohlstand und Lebensqualität. Wer den Sprung vom Reisfeld ins Smart Home in einer Generation miterlebt hat, entwickelt keine Angst vor Disruption, sondern eine Gier danach. Die Dystopie ist ein Luxusproblem für jene, die bereits alles haben und nun fürchten, es zu verlieren.

Die amerikanische Haltung wiederum ist von einem radikalen Pragmatismus geprägt, der oft an Gier grenzt. KI ist hier vor allem ein Geschäftsmodell, ein Spielfeld für die nächste marktbeherrschende Idee. Die Frage ist nicht „Sollten wir?“, sondern „Wer ist der Erste?“. Ethische Bedenken und gesellschaftliche Folgen werden als Kollateralschaden verbucht, der sich später schon irgendwie regeln lässt – notfalls vor Gericht. Disruption ist kein Risiko, sondern das erklärte Ziel.

Vom Zauderer zum Zukunftsgestalter

Und wir in Europa? Wir stehen im Regen unserer eigenen Bedenken. Unsere ökologischen Sorgen, so berechtigt sie sind, werden zum Vorwand, um die enormen Rechenleistungen der KI zu verteufeln, anstatt sie als potenzielles Werkzeug zur Lösung ebenjener Probleme zu begreifen.

Doch vielleicht ist unsere zögerliche Haltung nicht nur eine Schwäche. Vielleicht birgt die europäische Skepsis auch eine Chance. Die Fähigkeit, kritisch zu hinterfragen, Risiken abzuwägen und nicht jedem Hype blind zu folgen, könnte sich als wertvolle Ressource erweisen. Die Bedingung ist jedoch, dass aus der kritischen Distanz kein lähmender Stillstand wird. Statt uns in der Rolle des ewigen Mahners zu gefallen, müssen wir lernen, die KI als dialektisches Werkzeug zu begreifen. Wir müssen zu Regisseuren werden, die die KI virtuos dirigieren, statt uns von ihr dominieren zu lassen. Wir müssen die Fragen stellen, die der Algorithmus nicht kennt: die Fragen nach Bedeutung, Kontext und Absicht.

Unsere Aufgabe ist es nicht, die Dystopie zu verhindern, indem wir die Technik ablehnen, sondern eine bessere Utopie zu entwerfen, in der die Maschine dem Menschen dient – und nicht umgekehrt. Das erfordert Mut, Neugier, geistige Beweglichkeit und die Bereitschaft, die Kontrolle nicht aufzugeben, sondern sie auf einer neuen, intelligenteren Ebene auszuüben.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

5 Kommentare

  1. Deutschland zählt zu den weltweit führenden Nationen in der KI‑Forschung (je nach Metrik Top‑5 bis Top‑8).Wenn wir Startups besser fördern und die Skalierung vor allem durch deutlich mehr privates Wagniskapital erleichtern,können aus dieser Basis international wettbewerbsfähige KI‑Produkte entstehen.

  2. Daswird wohl auch damit zusammenhängen, daß die Älteren hierzulande (die „Jungen“ sind schon hoffnungslos an den Mist verloren gegangen) zumindesdt zu ahnen beginnen, daß das „I“ in KI *N*I*C*H*T*S*, aber auch überhaupt-oder-gar-nichts mit „Intelligenz “ zu tun hat! Das „I“ kommt eher von „I“deologie, oder Kr“I“m“I“nal“I“tät, „I“diot“I“e und einem unaussprechlichen Klumpen Propagand“I“. Wenn es sich wirklich um „Intelligenz“ im positiven humanen Sinne handeln würde, wäre die Sache ja wesentlich positiver zu sehen, aber JENE „KI“ ist für einen erheblichen Teil der Es-Ce-Ha verantwortlich, die über uns alle ausgeschüttet wird. Kurz: „KI = Betrug“. Im übertragenen und insbes. im kriminologischen Ur-Sinn.
    Welchesredlichen „KI“-Projekt wäre denn TATSÄCHLICH zur Erschaffung künstlicher Intelligenz erschaffen worden? Die Programmierer/Trainer wissen doch selbst am besten, daß das schon mal die Große Anfangslüge ist!. Kein Projekt – zumindest die ganz „großen“ – ist doch nach wie vor nicht auf Erlangung umfassenden „Allgemeinwissens als Grundlage für „Intelligenz“ ausgerichtet. Sie werden stattdessen mit geklautem Kram, der i.d.R, aus Blödsinn besteht, abgerichtet – also KÖNNEN sie nur denselben Quatsch wieder hervorkäuen. Und allzu viele – insbes. die jungen – glauben diesen Mist dann auch noch, Ohne Hinterfragen & nachprüfen. Das zu tun, wäre „intelligent“, aber das tun ja nur die wenigsten. Die „Intelligenz“ der „KI“ zieht die Intelligenz insbes. der jungen auf ihr Niveau herab – und das ist beängstigend niedrig.

    Womöglich – wahrscheinlich! – sind die Leute in Europa eher in der Lage, den Mist hinter den „KI“-Progs für die Massen zu erkennen. Vielleicht schon daher, daß es hier erst einmal für neue Technologien Behinderungen bis Verbote gibt, bis die Produkte dieser Technologie beweisen konnten, daß sie in den Händen eingewiesener Mitbürger nicht mehr unmittelbar tödlich sind. In den Verunreinigten Staaten tendiert man eher dazu, erst mal alles zu erlauben und laufen zu lassen, bis die Berge von Toten und Verletzten bzw. die Schadenssumme Überhand nimmt. Hier möchte man genau das vermeiden, die Zahlen der Verletzten/Toten strengstens gegen Null zu treiben. Das ermöglicht dann natürlich keine schnelle Ausbreitung einer Technik, aber sie wird von mehr Leuten bei gesundem Leib und Leben dann benutzt werden können. Die Toten, die Teslas & CO schon übern Haufen gefahren haben, können das fehlerbereinigte, verbesserte Modell nicht mehr kaufen, aber die hierzulande von dem Selbstfahrer-Boom Geschützten können das.

    …und ein paar von DENEN wird dann – vielleicht… – WIRKLICH die „Künstliche Intelligenz“ voranbringen, die dieses Namen wirklich verdient…

    1. Bevor man Projekte der Künstlichen Intelligenz kritisiert, weil sie keine echte Intelligenz hervorbrächte, sollte man sich mal überlegen, ob die geplante Kritik nicht ebenso treffend wäre, wenn man „KI-Systeme“ durch „Menschen“ ersetzte. Ob also wir Menschen unsere hohen Anforderungen an echte Intelligenz immer oder auch nur in den meisten Fällen erfüllen.

  3. „sie sind die geistigen Brandmauern, die wir um jede neue Technologie errichten. Sie programmieren uns auf Misstrauen und lehren uns, im Fortschritt stets den Keim des Untergangs zu suchen.“

    Da habe ich aufgehört zu lesen und möchte dazu anmerken:
    Begleiter und Ergebnis des verlogenen Mythos’ von Wachstum, Fortschritt und Entwicklung,
    der die letzten 2000 Jahre prägte, sind Giftmüll, Hunger, Völkermord und Sklaverei.

    in Anlehnung an: http://oneclickcheck.com/mother-earth-becoming-tired-cannot-sustain-impacts-war/
    deutsch: https://salomablog.wordpress.com/2017/11/10/mutter-erde-wird-muede-und-kann-keine-weiteren-auswirkungen-des-krieges-mehr-aufrecht-erhalten/

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