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Die Logik der Gegner der Corona-Einschränkungen

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„Schade, dass die Sonne nicht nachts scheint – tagsüber ist es ja sowieso hell.“ Was hat dieser Satz mit Argumenten gegen Corona-bedingte Einschränkungen zu tun? Nun, beide weisen dieselbe logische Struktur auf. Und was ist von Wissenschaftlern zu halten, die heute dies und morgen jenes sagen? Doc Baumann hat sich die Kritiken näher angeschaut.

Die Logik der Gegner der Corona-Einschränkungen
„Schade, dass die Sonne nicht nachts scheint …“ / Foto und Montage: Doc Baumann

Wieso ist dieser Satz so erheiternd: „Schade, dass die Sonne nicht nachts scheint – tagsüber ist es ja sowieso hell.“ Weil er offensichtlich ignoriert, dass die Sonne Voraussetzung der Helligkeit ist und die erwünschte Wirkung nachts nicht eintreten kann, weil sie dann auf der anderen Seite der Erde steht. Wir lachen, weil der Satz so dumm ist.

Insofern ist es erstaunlich, dass über viele Argumente von Kritikern der Corona-bedingten Einschränkungen nicht ebenso laut gelacht wird. Denn die logische Struktur ihrer Behauptungen ist dieselbe: Die Voraussetzung in diesem Falle: Die Verbreitung des Covid-19-Virus wird verhindert, indem die Kontakte der Menschen untereinander auf das Allernötigste reduziert werden. Dank dieser staatlichen Einschränkungen ist es gelungen, die Anzahl der Infizierten und folglich der Erkrankten in Deutschland vergleichsweise niedrig zu halten. Es gibt mit bisher rund 8600 Toten (die sich eindeutig auf das Virus zurückführen lassen) eher weniger Opfer als bei einer Grippe-Epidemie.

Was soll also die ganze Aufregung? Warum brauchen wir noch – und überhaupt – Kontakteinschränkungen? Weil die Voraussetzung dafür, dass es „nur“ so wenige Tote gegeben hat, gerade darin besteht, dass die Einschränkungen verhängt und weitestgehend befolgt wurden. Was geschieht, wenn das nicht – oder zu spät – geschieht, lehrt der Blick auf andere Länder: So gibt es in den USA dank Trumps Versäumnissen bisher rund 110000 Tote und fast 1,9 Millionen nachweislich Infizierte. Diese oft veröffentlichten Zahlen sind zugegebenermaßen ein unfairer Vergleich, denn die USA haben viel mehr Einwohner als Deutschland. Aber die relativen Zahlen sehen auch nicht besser aus: Pro einer Million Einwohner gibt es in den USA mehr als das Dreifache an Toten, In Großbritannien sogar fast das Sechsfache.

Und auch dort gibt es – verspätete – Ausgangs- und Kontaktsperren, die noch Schlimmeres verhindert haben. Der Vergleich mit einer milden Grippe (von der noch Gesundheitsminister Spahn zu Beginn der Pandemie phantasierte) ist also rein quantitativ nicht aufrechtzuerhalten. Nur weil die Kritiker ignorieren, dass allein die Einschränkungen zu vergleichsweise geringen Infizierten- und Todeszahlen geführt haben, können sie überhaupt auf diese niedrigen Zahlen verweisen. Sie fordern also den Wegfall der Bedingung, die den aktuellen, vorgeblich „harmlosen“ Zustand erst ermöglicht hat.

Dabei nehmen Sie eine zweite Ausbreitungsquelle billigend in Kauf. Wie die Bevölkerung reagiert, wenn wegen einiger Ignoranten die zuvor gelockerten Einschränkungen wieder verschärft werden müssen, sieht man derzeit etwa in Göttingen. Der lokal stark gestiegene Reproduktionsfaktor (also die Anzahl der Menschen, die ein Infizierter ansteckt) hat zu erneuten Maßnahmen wie Schulschließungen und Quarantäne-Verfügungen geführt. Und womöglich sind es dieselben Leute, die dagegen protestieren, die sich zuvor über die Einschränkungen aufgeregt haben.

Um ein näherliegendes Beispiel als das der doch bitte nachts scheinenden Sonne zu nehmen: In Deutschland gibt es vergleichsweise wenige Verkehrstote und schwere Unfälle (wenn auch immer noch viel zu viele). Wozu brauchen wir also Verkehrsregeln, Ampeln, Verbotsschilder? Es funktioniert doch alles recht gut! Also fordern wir: Weg mit diesen Einschränkungen unseres Rechts auf freie Fahrt! Jeder soll fahren können, wie und wo er oder sie  will – rechts oder links, so schnell, wie er Lust hat, ohne Vorfahrts- oder Abstandsregeln.

Hier muss man nicht erst erklären, wie hirnrissig diese Argumentation wäre. Und abermals: dieselbe dumme unlogische Struktur wie bei den Anti-Einschränkungs-Forderungen.

Also, zusammengefasst:

Der Lockdown ist die notwendige Bedingung für einen nicht-katastrophalen Verlauf der Pandemie. Der nicht-katastrophale Verlauf ist die Begründung der Kritiker dafür, dass die Pandemie eigentlich völlig harmlos ist. Darum wollen sie die Bedingung für den nicht-katastrophalen Verlauf abschaffen.

Die unglaubwürdigen Wissenschaftler

Ein anderes „Argument“, das man aus dieser Ecke oft zu hören kriegt: Die Wissenschaftler sind sich ja selbst nicht einig, die einen sagen dies, die anderen sagen das. Und vor allem: Sie behaupten heute dies und morgen jenes.

Stimmt! Nehmen wir mal wieder eine Analogie zu Hilfe. In Ihrem Nachbarhaus zieht eine neue Familie ein. Sie macht zunächst auf Sie einen zwar etwas merkwürdigen, aber nicht gerade bedrohlichen Eindruck. Fragte man Sie nach Ihrer Einschätzung, würden Sie vielleicht sagen: „Bisschen komische Typen, aber wohl nicht weiter schlimm.“ In den nächsten Tagen werden Sie aus dem Nebenhaus bis spät in die Nacht von lauter Musik bei geöffneten Fenstern am Schlafen gehindert. Müll fliegt aus den Fenstern. Ihre Einschätzung verändert sich langsam. Irgendwann klingeln Sie am Nachbarhaus und wollen sich beschweren – die Tür wird Ihnen vor der Nase zugeknallt. Sie empfinden die Nachbarn nun als erheblich störend. Am nächsten Tag ist Ihre Hauswand mit Hass-Graffitis vollgeschmiert, die Spur führt eindeutig ins Nebenhaus. Sie klingeln erneut. Diesmal können Sie immerhin einen Beschwerdesatz loswerden – im nächsten Augenblick liegen Sie mit gebrochenem Nasenbein auf dem Boden. Nun halten Sie diese Nachbarn für ziemlich gefährlich.

Ich lese gerade ein Buch über Bayes’ Theorem (eine wichtige Regel der Wahrscheinlichkeitsrechnung, die damit zu tun hat, dass wir die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis eintritt, zu einem späteren Zeitpunkt anders einschätzen als zuvor, nachdem wir neue Erfahrungen mit dem Phänomen gemacht haben). Auf der ersten Seite zitiert die Autorin eine erhellende Aussage von John Meynard Keynes: „Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung. Und Sie?“

Es ist völlig normal, dass Sie Zeit brauchen, um Ihre neuen Nachbarn einzuschätzen, und je mehr Erfahrungen Sie mit ihnen sammeln, um so besser begründet kann Ihr Urteil über sie sein. Die Bewohner des übernächsten Hauses sehen das vielleicht in Nuancen anders; wenn die Dame des Hauses sich beklagt: „Der Typ hat mir die Schneidezähne ausgeschlagen!“, dann steht das nicht unbedingt in Widerspruch zu Ihrer Aussage: „Er hat mir die Nase gebrochen“, auch wenn die Sätze nicht identisch sind.

In den Wissenschaften ist es genau so. Forscher haben unterschiedliche Ansätze und kommen anfangs zu abweichenden Ergebnissen; je länger der Forschungsprozess dauert, um so mehr nähern sich diese Ergebnisse in der Regel an. Von Laien wird das oft interpretiert als „Die sind sich ja nicht mal untereinander einig und widersprechen sich!“ (Das hört man zum Beispiel oft von sogenannten „Klima-Skeptikern“.) Wenn Forscher Anfang März 2020 etwas über das Virus mitteilten, was dem damaligen Stand ihres Wissens entsprach, und inzwischen drei Monate Zeit hatten, es näher unter die Lupe zu nehmen und mehr Fallzahlen auszuwerten, so ist es doch völlig normal, dass sie von den aktuellen Erkenntnissen ausgehen und nicht von denen vor einem Vierteljahr. Oder möchte jemand ernsthaft fordern, sie sollten doch bitteschön konsequent bei ihrer Einschätzung von damals bleiben? Und auch die sich daraus ergebenden Empfehlungen auf der überholten Erkenntnisbasis formulieren?

(Am Rande: Auch in der DOCMA-Redaktion sind wir uns nicht immer einig, welcher Weg in Photoshop die beste und eleganteste Lösungsvariante ist. Darf man daraus den Schluss ziehen, man könne mit Photoshop überhaupt nicht sinnvoll arbeiten, da ja selbst die Experten unterschiedlicher Meinung zu diesem Problem seien?)

Einschränkung unserer Freiheit, Ausnutzen der Situation

Selbstverständlich gibt es berechtigte Sorgen über die wirtschaftliche Situation und das Ausnutzen der Krise durch Politiker. Wer monatelang mit Kindern in den eigenen vier Wänden isoliert war, kaum aus dem Haus konnte, Spielplätze, Kitas und Schulen geschlossen vorfand, dem fällt mehr als nur die Decke auf den Kopf. Wer seiner Arbeit nicht mehr nachgehen kann, keine Aufträge erhält, aber weiter private und berufliche Ausgaben (aber keine Rücklagen) hat, dem steht das Wasser höher als bis zum Hals.

Diese Einschränkungen hat nicht das Virus verordnet, sondern unsere Politiker. Sind sie also verantwortlich und haftbar? Diese Katastrophe ist zwar auch zu Teilen auf menschliche Handlungen zurückzuführen, aber höchstwahrscheinlich natürlichen Ursprungs. Wenn uns ein Komet auf den Kopf fiele und halb Europa verwüstete, wäre auch nicht alles wie zuvor und die Überlebenden müssten sehen, wie sie über die Runden kommen. Viele Forderungen klingen so, als seien die Politiker schuld an der Pandemie.

Ich bin sicher: Wenn die Bundesregierung die Einschränkungen nicht verordnet hätte und wir unter Infizierten- und Todeszahlen zu leiden hätten wie in Großbritannien und anderen Ländern, wären viele von denen, die heute mit Protestplakaten gegen die „Corona-Lüge“ auf den Plätzen stehen oder das Web zumüllen, die ersten, die sich darüber beklagen würden, dass die Regierung so kurzsichtig war und sie nicht besser geschützt hat.

Natürlich sind die Pharma-Konzerne profitorientiert und es ist ihnen alles Mögliche zuzutrauen. Natürlich wirft es Fragen auf, wenn die Weltgesundheitsorganiation in so hohem Maße von den Spenden eines Mannes abhängig ist – aber wie gut, dass Bill Gates diese Spenden überweist, wo sein Präsident gleichzeitig auf dem (bisherigen) Höhepunkt der Pandemie die US-Zahlungen an die WHO einstellt.

Und natürlich gibt es Politiker, die die Situation schamlos ausnutzen. Nur sitzen die – wenig erstaunlich – politisch im selben Boot wie viele der Protestierenden. So wurde zum Beispiel kürzlich bekannt, dass Ricardo Salles, der für Umwelt zuständige Minister des brasilianischen Präsidenten Bolsonaro (der die Gefährlichkeit der Pandemie nach wie vor leugnet), in einer Kabinettsitzung sagte: „Wir haben gerade Ruhe, da die Presse ja nur über Covid redet, und deshalb sollten wir jetzt die Rinderherde durchwinken und die ganzen Regeln ändern. Und die Normen vereinfachen.“ Also, großflächige Abholzung des Amazonas-Regenwalds, so lange die Menschen woanders hinschauen. Rechtspopulistische Politiker wie Bolsonaro, Trump, Johnson und andere sind mit ihren Verharmlosungen und Verzögerungen für zehntausende Tote, hunderttausende Kranke, Leid in den Familien und wirtschaftlichen Zusammenbruch mitverantwortlich. Das scheint die Demonstranten aber nicht zu kümmern.

Wie wäre es, wenn man ihre Forderungen einfach mal ernst nähme? Ganz konsequent. Also, wer ohne Maske rumläuft und sich nicht an Abstandsregeln hält – bitte schön! Aber wenn eine solche Person oder eine aus ihrem Haushalt erkrankt, zahlt nicht die Krankenkasse die Kosten, sondern die Betreffenden aus eigener Tasche. Wer sich nicht impfen lassen will, wenn es einen Wirkstoff gibt – okay! Aber im Falle der Infektion und Erkrankung: siehe oben. Und wenn eine solche Person nachweislich jemanden ansteckt, kann dessen Krankenkasse die Behandlungskosten einklagen. Da das Risiko angeblich so gering ist, kann man das doch für die Durchsetzung der eigenen Freiheit (des Stärkeren) in Kauf nehmen. Oder?

Ähnlich könnte man mit der mangelnden Bereitschaft zur Organspende umgehen: Wer widerspricht, darf das gern tun. Nur wenn er oder sie später selbst mal ein Ersatzorgan benötigen sollte, ist das leider nicht möglich.

In vergleichbarer Weise könnte man auch Reichsbürger ernst nehmen. Sie erkennen die Legitimität der Bundesrepublik Deutschland nicht an und leben auf ihrem eigenen Staatsgebiet? In Ordnung, akzeptiert. Sie verweigern Steuerzahlungen? Auch akzeptiert. Als Bürger eines fremden Staates müssten sie dann allerdings ein paar tausend Verträge mit der Bundesrepublik schließen, was, wie die Brexit-Verhandlungen zeigen, weder einfach noch billig ist. Wie sieht’s mit Zoll an den Landesgrenzen aus? Wie mit eventuellen Einreiseverboten wegen fehlender Verträge? Wie mit der Lieferung von Wasser, Strom oder Gas in ein fremdes Staatsgebiet. Wie mit der Nutzung von Straßen und der gesamten Infrastruktur eines fremdem Landes? Die Kosten dürften wohl das Vieltausendfache der verweigerten Steuern betragen.

Was ist daraus zu lernen? Manche Forderungen fallen kläglich in sich zusammen, wenn man ganz einfach die Instrumente der Logik bemüht. Da muss man oft gar nicht empirisch oder politisch argumentieren. Solche Denkgebäude sind schlicht mit der Logik nicht zu vereinbaren und lösen sich bei genauerer Betrachtung in heiße Luft auf, oder schlichter und volkstümlich ausgedrückt: Sie sind dumm.

Noch was zur konstruktiven Ergänzung: Die Firma Nopar International unseres langjährigen Sponsors des DOCMA Awards seit 2003, Stefan Schmitt, hat sich in der Corona-Flaute ein neues Produkt ausgedacht: eine transparente Ganzgesichtsmaske, die von der Stirn bis zum Kinn und seitlich bis zu den Ohren reicht. Vorteil: Keine eingeschränkte Atmung, keine beschlagenen Brillen, leicht und kratzfest, schnell zu desinfizieren. Und das Ganze gibt’s auch noch mit individualisierten Aufklebern, etwa für Firmen, Organisationen, Medien usw. Weitere Details zum Drip Protector und Preise finden Sie hier.

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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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