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Die Diesel-Lüge – nachgerechnet

Die Diesel-Lüge
Die Diesel-Lüge – Verkehrsminister Scheuer: Mit falschen Berechnungen Konzern-Profite steigern statt Hardware-Nachrüstung durchsetzen / Ausgangsfoto: Studio Weichselbaumer/Wikimedia / Montage: Doc Baumann

Die Autoindustrie, allen voran VW, hat Millionen Käufer von Diesel-Autos betrogen und dafür gesorgt, dass die Umwelt und die Gesundheit der Menschen weiter geschädigt werden. Als Strafe für diese gezielten Täuschungen hat Verkehrsminister Scheuer nun vorgeschlagen, dass die Autobauer – statt für Hardware-Nachrüstung aufzukommen – Millionen Neuwagen verkaufen dürfen. Zum Schutz der Umwelt? Nein, meint Doc Baumann: Die Diesel-Lüge geht weiter.

Diesel-Autos, deren Schadstoffausstoß nicht der gesetzlichen Norm entspricht, nicht den Anforderungen des Umweltschutzes und auch nicht den Zusagen, die ihren Besitzern beim Kauf gemacht wurden, sollen nach den Vorstellungen von Verkehrsminister Scheuer nicht mit Hardware nachgerüstet werden. Ein solcher Einbau würde die notleidenden Autobauer an den Rand des Ruins bringen. Stattdessen sollen ihre Fahrer gefälligst Neuwagen kaufen und so die Profite der Automobilhersteller weiter in die Höhe treiben. Ein paar Euro sollen die zur Motivationssteigerung als Umstiegsangebot locker machen.

Ich will es mal positiv ausdrücken: Verkehrsminister Andreas Scheuer ist ja noch jung und hat in seinem Amt wenig Erfahrung. Da er aber auch Wirtschaftswissenschaften studiert hat, kann sein bedenklicher Umgang mit Zahlen nicht nur am Alter liegen. Womöglich spielt da auch schon ein bisschen Zukunftsplanung im Dienste der Industrie mit, wie man das von anderen wechselwilligen Politikern zur Genüge kennt. Entlastend kommt hinzu, dass er CSU-Mitglied ist, da hat man bekanntlich, wie sein Noch-Vorsitzender gerade vorführt, eine etwas andere Sicht auf die Welt und auf das, was gut und richtig, „christlich“ und „sozial“ ist.

Man könnte es so ausdrücken: „Es liegen keine Belege dafür vor, dass sich der Minister mit seiner Entscheidung nicht für einen gut dotierten Posten in der Auto-Industrie ins Gespräch bringen will … Nach meiner vorsichtigen Bewertung sprechen gute Gründe dafür, dass es sich um eine gezielte Maßnahme handelt, um möglicherweise die Öffentlichkeit von den Betrügereien der Automobilbauer abzulenken.“ Eine Unterstellung? Na klar! Wenn ich damit recht haben sollte, bleibe ich Journalist. Erweist sich die Unterstellung dagegen als falsch, habe ich beste Chancen, als Staatssekretär [nach aktuellen Stand: nur noch Abteilungsleiter mit Besoldungsgruppe B9 – das lohnt ja kaum noch] ins Bundesinnenministerium zu wechseln. Zur Erinnerung: Die Sätze in Anführungen sind die kaum veränderten Worte von Ex-Verfassungsschutzpräsident Maaßen, der als Strafmaßnahme für seine nachweislich falschen Behauptungen über die fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Chemnitz auf diesen hohen Posten befördert wurde. Aber vielleicht reicht es ja nicht aus, nur unbewiesene und falsche Behauptungen zu verbreiten – vielleicht müssen die auch noch mit Propaganda und Verharmlosungen im Interesse von Rechtsradikalen verbunden werden. (Da die Parteispitzen inzwischen wohl gemerkt haben, dass diese Entscheidung drei Vierteln der Bundesbürger nicht nachvollziehbar ist und das Vertrauen in diese Regierung rapide sinkt, soll über Maaßens Zukunft erneut verhandelt werden. Wenn Sie diesen Text lesen, kann also alles Mögliche entschieden worden sein.)


Die Diesel-Lüge klingt zunächst ja ganz plausibel: Ein sofortiger Umstieg auf Wagen, die die aktuellen Abgasnormen einhalten (tatsächlich – glaubt das jemand? Derzeit überschreiten die die Höchstwerte erheblich), schont die Umwelt umgehend. Diese Aussage ist aus mehreren Gründen erstaunlich: Zum einen bedeutet sie, dass die Industrie zwar auf die Schnelle Millionen von Diesel-Neuwagen produzieren und an den Mann (und selbstverständlich die Frau) bringen könnte – aber nicht die kleinen Aggregate, die zur Behandlung der Abgase nötig wären.

Zum zweiten vermittelt der Minister mit dieser Forderung den Eindruck, die einzige Schadstoffbelastung der Umwelt sei jene, die beim Betrieb von (Diesel-)Autos anfällt. Eine weitere Diesel-Lüge. Denn er verschweigt dabei – oder weiß er es einfach nicht? –, dass ein gewaltiger Berg an Schadstoffen plus Ressourcenverbrauch bereits anfällt, wenn ein Auto hergestellt wird.

Es gibt im Web einen schönen Rechner bei Spiegel Online, mit dem Sie mit wenigen Eingaben herausfinden können, ab wann der Neukauf eines Autos mit besseren Verbrauchs- und Abgaswerten die Umweltbelastung durch seine Produktion ausgleicht. Nehmen wir an, Sie fahren einen Pkw mit Dieselmotor, der dem Durchschnittsverbrauch von knapp 7 Litern auf 100 km entspricht. Gehen wir von einer jährlichen Fahrstrecke von 10.000 km aus. Lohnt es sich, einen Diesel-Mittelklassewagen mit der neuesten Technologie zu kaufen? Oder genauer: Nach welcher Zeit werden der Umwelt mehr Schadstoffe erspart, als die Produktion dieses Wagens nach sich zieht? Was schätzen Sie? Es sind 13 Jahre! Fahren Sie Ihren Wagen so lange?

(Meinen Benziner nutze ich seit 20 Jahren und er verbraucht rund 10 Liter auf 100 km. Wenn ich einen Mittelklassewagen mit Elektromotor kaufen würde – wann hätte der sich umweltmäßig amortisiert? Nach 16 Jahren!)

Die ministerielle Diesel-Lüge würde aber nicht nur der Autoindustrie einen gewaltigen Profit-Schub geben; sie würde auch Millionen Kfz-Besitzer finanziell in die Röhre gucken lassen. Für ihren alten Wagen kriegen sie nicht mehr viel (obwohl die im Export tätigen Gebrauchtwagenhändler bereits das große Geschäft wittern, weil sich die Autos im weniger umweltsensiblen Ausland noch immer prima verkloppen lassen). Also, ein paar Tausend für den Alten, ein paar Tausend Umstiegsprämie – und da soll die Rechnung für einen Wagen, den man eigentlich sehr viel länger fahren wollte, aufgehen?


Hoffnung kann man noch auf die Justiz setzen, wenn die demnächst über Sammelklagen betrogener Käufer urteilen wird. Gerichte haben ja nun auch die ersten Fahrverbote für ältere Diesel-Modelle in bestimmten hochbelasteten Regionen ausgesprochen. Darunter leiden werden allerdings zunächst nicht die betrügerischen Konzerne, sondern allein die Besitzer, die in gutem Glauben einen Diesel erworben hatten. Vielleicht muss die Industrie irgendwann für ihre Diesel-Lüge ja doch noch Millionen Autofahrer angemessen entschädigen. Und Strafzahlungen leisten wie in den USA. Auch wenn Verkehrsminister und Bundesregierung derzeit noch ihre schützende Hand über die Konzerne halten. Ob die Verantwortlichen wohl irgendwann ihre Zeit im Knast absitzen, so wie jeder kleine Versicherungsbetrüger, der einen Auffahrunfall inszeniert? Wo kommt wohl diese ganze Politikverdrossenheit her und der Zulauf zu rechten Sprücheklopfern ohne wirkliche Lösungsvorschläge? (Bestimmt sind am Diesel-Skandal irgendwie auch wieder die Flüchtlinge und der Islam schuld.)

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist übrigens, dass ausgerechnet die Grünen, die das Bundesland Hessen zusammen mit der CDU regieren, nun eine Klage gegen das anstehende Diesel-Fahrverbot in Frankfurt unterstützen. Und gleichzeitig bei der anstehenden Landtagswahl mit Umweltthemen anzutreten wagen. Keine Frage: Für Diesel-Besitzer ist das Fahrverbot eine Katastrophe, für die sie nichts können. Die Lösung kann aber nicht sein, mit den Schadstoffschleudern weiterzufahren, sondern umgehend die Verursacher zur Verantwortung zu ziehen und zur Hardware-Nachrüstung zu verpflichten.

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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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