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Indianer! (Oder: Winnetou darf nicht sterben)

Der Kinderfilm Der junge Häuptling Winnetou läuft zwar weiterhin in deutschen Kinos, aber das Buch und diverse Spiele zum Film hat der Ravensburger Verlag jetzt aus dem Programm genommen, weil der Titel „die Gefühle anderer verletzt“ hätte. Das Wort Indianer steht schon länger auf dem Index mancher Aktivisten.

Indianer! (Oder: Winnetou darf nicht sterben)
Aus einer Anleitung zu einem Ravensburger-Spiel, dem letzten Hinweis auf Winnetou auf der Website des Verlags

Wenn man heute auf der Website des Ravensburger Verlags nach Winnetou sucht, findet man nur noch eine Spielanleitung, die wohl zu löschen vergessen worden ist. Alles andere scheint in ein Gedankenloch gefallen zu sein, um einen Begriff aus George Orwells 1984 aufzugreifen – die Winnetou-Produkte werden nicht nur nicht mehr ausgeliefert, sondern es soll so aussehen, als hätte es sie nie gegeben. Der Verlag hielt es nicht einmal für nötig, dazu eine Pressemeldung zu veröffentlichen, sondern beschränkte sich auf einen Beitrag auf Instagram:

Indianer! (Oder: Winnetou darf nicht sterben)
Kein Winnetou mehr bei Ravensburger, wie man auf Instagram nachlesen kann.

Wie viele negative Rückmeldungen zum Winnetou-Buch es wirklich gab und wer sie vorbrachte, bleibt unklar, aber die negativen Rückmeldungen zum Stopp der Auslieferung sind zahlreich; entsprechende Kommentare auf der Facebook-Seite von Ravensburger erhielten jedenfalls viele hundert Likes, und die häufigste Reaktion auf alles, was Ravensburger dort dieser Tage postet, ist wütend.

Das Thema der amerikanischen Ureinwohner gilt ja schon länger als sensibel, wobei es seltener amerikanische Indigene sind, die Anstoß nehmen, als biodeutsche Aktivisten. Bettina Jarasch, die Spitzenkandidatin der Berliner Grünen, hatte sich jüngst in die Nesseln gesetzt, weil sie auf die Frage, was sie als Kind mal werden wollte, spontan mit „Indianerhäuptling!“ geantwortet hatte. Da das Wort Indianer als diskriminierend gilt, musste sie Buße tun und sich für ihre „unreflektierten Kindheitserinnerungen“ entschuldigen. Dass sich Kinder – wie noch zu meiner Zeit – als Indianer/indigene Amerikaner verkleiden, geht schon mal gar nicht.

Indianer! (Oder: Winnetou darf nicht sterben)
Karl Mays „Der Schatz im Silbersee“ (1894) war mein allererstes Buch, als ich vielleicht 5 oder 6 war und mir mein Vater daraus vorlesen musste. Mich hatte es damals motiviert, schnell selbst lesen zu lernen.

Nun dürfte jedem klar sein, dass die Abenteuerromane Karl Mays, die für die Indianerbegeistung von Kindern hauptsächlich verantwortlich sind, einen eher märchenhaften Charakter haben. Er verfügte ja über keine Erfahrungen aus erster Hand und hielt sich an Reiseberichte, die voller Klischees, Stereotypen und schlicht Falschinformationen waren. Auf der anderen Seite ist es aber auch Karl May zuzuschreiben, dass in Deutschland schon lange ein positives Bild der Indigenen vorherrscht. Bösewichter und (manchmal etwas penetrante) Gutmenschen beschrieb er auf Seiten der Ureinwohner wie der europäischen Einwanderer, aber die Erzschurken waren bei ihm stets Europäer wie der Bandit Santer. Rassismus war May weitgehend fremd; Amerikaner und Europäer sah er als moralisch wie intellektuell gleichrangig an. Es ist auch nicht so, dass May den Kolonialismus und seine Folgen für die Ureinwohner ausgeklammert hätte; ganz im Gegenteil wurde dieser in seinen Romanen thematisiert.

Dem von Karl Mays Winnetou-Reihe inspirierten Kinofilm Der junge Häuptling Winnetou wird vorgeworfen, er hätte „nichts mit der Realität zu tun“ – wie es bei Abenteuerfilmen und Büchern für Kinder allerdings die Regel ist. Wenn das künftig ein Ausschlusskriterium sein soll, bliebe noch viel zu tun: Müsste man nicht den Vertrieb der Kleinen Raupe Nimmersatt einstellen, weil darin nichts vom Pestizid-Einsatz in der Landwirtschaft zu lesen ist? Darf man Kindern nicht länger aus Oh, wie schön ist Panama vorlesen, weil das Leben in diesem mittelamerikanischen Staat ganz schief dargestellt wird?

Und was ist ernsthaft gegen das Wort Indianer einzuwenden, das rassistisch und diskriminierend sein soll? Klar: Der Ursprung war ein Missverständnis. Kolumbus wollte ja keinen neuen Kontinent entdecken, sondern einen westlichen Seeweg nach Indien, womit im damaligem Sprachgebrauch der größere Teil Asiens gemeint war. Bei der Berechnung dieses Weges hatte er sich allerdings gründlich verrechnet; dieser war viel viel weiter als gedacht und von seiner kleinen Flotte unmöglich zu bewältigen, aber zum Glück lag Amerika im Wege, das Kolumbus bis an sein Lebensende für Indien, und dessen Bewohner entsprechend für Inder hielt. Der Irrtum klärte sich schnell auf, und da wir im Deutschen zwischen Inder und Indianer unterscheiden, ist schon seit Jahrhunderten keine Verwechslung mehr möglich: Inder sind die Einwohner des indischen Subkontinents, Indianer dagegen Ureinwohner Nord-, Mittel- und Südamerikas. Ob jemand von Indianern diskriminierend spricht, hängt wie bei anderen Begriffen auch allein von der Absicht des Sprechers ab, und gerade durch Karl Mays Einfluss ist das Bild der amerikanischen Ureinwohner in Deutschland tendenziell positiv.

Indianer! (Oder: Winnetou darf nicht sterben)
Zumindest dieses Indianer-Buch hat Ravensburger immer noch im Sortiment.

Man könnte einwenden, dass Indianer keine selbstgewählte Bezeichnung ist, und man würde wohl stattdessen eine solche bevorzugen – wenn es sie denn gäbe. Die einzigen Alternativen sind allerdings beschreibende Formulierungen wie Native Americans oder (in Kanada) First Nations. Manche Indigene lehnen eine so umfassende Bezeichnung auch gänzlich ab, weil sie sich als Angehörige eines Stammes, alle indigenen Stämme Amerikas aber nicht als Einheit sehen. Für die indigenen Amerikaner ist das nicht unproblematisch, da sie sich nicht einfach als Indigene definieren können. Eine offizielle indigene Identität hat nur, wer als Mitglied eines Stammes akzeptiert wird, und solche Stammesidentitäten sind weitgehend fiktiv, nachdem schon lange nicht mehr nur innerhalb des eigenen Stammes geheiratet wird – falls das überhaupt jemals streng praktiziert wurde.

Das Fehlen einer Eigenbezeichnung ist nicht überraschend. Schon deshalb nicht, weil die Indigenen verschiedene Sprachen sprechen, die wiederum verschiedenen, kaum verwandten Sprachfamilien angehören. Selbst wenn ein Stamm ein Wort für alle Indigenen Amerikas hätte, wäre es für alle anderen ein Fremdwort. Und dann ist es weltweit generell so, dass Menschen zwar ein Wort für Angehörige ihres Stammes haben, und meist auch eines für Menschen (im Gegensatz zu Tieren) – wobei das manchmal ein und dasselbe ist. Warum aber sollten sie einen Begriff entwickeln, der die Menschen ihres Kontinents von denen anderer Kontinente unterscheidet, von deren Existenz niemand weiß? Dazu hätten sie keinen Anlass. Auch nachdem die ersten Europäer in Amerika auftauchten und es zu friedlichen Kontakten wie auch zu Konflikten mit ihnen kam, betrachteten die Indigenen das als Angelegenheiten zwischen ihrem Stamm und einer fremden Gruppe, nicht zwischen Amerikanern und Europäern insgesamt.

Indianer! (Oder: Winnetou darf nicht sterben)
Comanche, die Sprache der Komantschen, gehört zur Uto-aztekischen Sprachfamilie; der Apache Winnetou, der eine Na-Dené-Sprache sprach, hätte den Häuptling der Komantschen nicht verstanden.

Dass die amerikanischen Indigenen bis heute über kein Wort verfügen, das sie alle bezeichnet, heißt aber nicht, dass es falsch oder unangemessen wäre, wenn andere für ihre Zwecke ein solches Wort prägen. Die Europäer sahen mehr die Ähnlichkeiten der amerikanischen Ureinwohner untereinander als deren Unterschiede, denn es ist völlig normal, dass man kleine Unterschiede zu anderen Gruppen um so stärker wahrnimmt, je näher man ihnen selbst ist.

Fremdbezeichnungen sind ohnehin weit verbreitet. Betrachten wir das Beispiel, das uns am nächsten liegt, nämlich Deutschland und die Deutschen. Diese Wörter gehen auf ein Adjektiv diutisc oder theodisk zurück, das zum Volk gehörig hieß. Gemeint war die Sprache, also eine Volkssprache im Gegensatz zum Latein oder den daraus entstandenen romanischen Sprachen, wie sie die damals bereits christianisierten Europäer sprachen. Ursprünglich waren damit die Sprachen aller Heiden gemeint, später, in der Zeit Karls des Großen, vor allem das Althochdeutsche. Aus der Bezeichnung einer Sprache wurde schließlich ein Begriff für die Menschen, die sie sprachen, also die Deutschen, und das Land, in dem sie lebten, hieß entsprechend Deutschland.

Die Deutschsprachigen des Mittelalters akzeptierten diese Bezeichnung für sich, aber in den Nachbarländern wurde sie selten aufgegriffen. In Skandinavien immerhin verwendet man das von theodisk abgeleitete Tysk und Tyskland. Italiener bezeichnen die Menschen und die Sprache als tedesco, aber das Land heißt Germania. Engländer kennen das auf diutisc zurückgehende Wort Dutch, mit dem aber die Niederländer gemeint sind, die ihrerseits von Duitsland sprechen.

Der Name für Deutschland in den europäischen Sprachen

Daneben sind viele vom lateinischen Germania abgeleitete Namen verbreitet, das vom griechischen Γερμανοί beziehungsweise dem lateinischen Germani für die dort lebenden Stämme kommt. Das Wort ist vom Ursprung her wohl keltisch und könnte die Nachbarn oder die Schreienden bedeuten – vielleicht ein Hinweis darauf, dass man ihre Sprache nicht verstand. So oder so führt diese Fremdbezeichnung in die Irre, denn die heutigen Deutschen stammen ja nicht nur von Germanen, sondern im Osten auch von Slawen und im Südwesten und Süden von Kelten ab, um nur die wichtigsten Ethnien unter unseren Vorfahren zu nennen. Viele Bezeichnungen für Deutschland und die Deutschen leiten sich vom Namen der Alemannen ab, der nur ein germanischer Stamm von vielen war. Ähnliches gilt für Saksa und Saksamaa, wie Deutschland auf Finnisch beziehungsweise Estnisch heißt; damit sind die Sachsen gemeint, einst eine lose Gruppierung von Stämmen im heutigen Westfalen, Niedersachsen und dem Westen von Sachsen-Anhalt. Auch Sachsen ist möglicherweise eine Fremdbezeichnung, die von diesen später selbst angenommen wurde. Problematischer sind in slawischen Ländern verbreitete Namen wie Niemcy (Polen) Nemecko (Tschechien und Slowakei) oder Niméččyna (Ukraine); auch die Ungarn haben mit Németország ein verwandtes Wort übernommen. Es bedeutet so viel wie Fremder, eigentlich aber Stummer – jemand, der nicht reagierte, wenn man ihn in einer slawischen Sprache ansprach.

Wir werden also mit Namen belegt, die sich teilweise auf einzelne Stämme wie die Alemannen oder Sachsen beziehen, mit denen viele von uns nichts zu tun haben (wollen), oder uns wahlweise als Schreiende oder Stumme verunglimpfen. Selbst die von uns selbst bevorzugte Bezeichnung verweist nur darauf, dass wir anders als die zivilisierteren Christen keine romanische Sprache sprechen. Wir könnten nun beleidigt reagieren und uns über Diskriminierung beklagen, wenn jemand ohne böse Absicht eines dieser Wörter gebraucht – aber andererseits, warum sollten wir?

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

22 Kommentare

  1. Völlig richtig erkannt: es sind nicht die indigenen Völker, die Anstoß nehmen, sondern deutsche Aktivisten. Das alleine sollte zum Nachdenken anregen.
    Ich finde es erschreckend, wie manche Menschen offenbar nicht mehr in der Lage sind, Fiktion von Realität zu unterscheiden.
    Was kommt als Nächstes? Preusslers ‘Kleine Hexe’ verbieten? Weil Bild der Frau (nicht das Presseerzeugniss gemeint) als alle Frauen sind Hexen?
    Räuber Hotzenplotz nicht realitätsnah am Schurkentum? Wachtmeister Dimpfelmoser: Polizisten als Witzfigur dargestellt?
    Ehrlich, gibt es nichts wichtigeres im Leben als sich mit so etwas zu beschäftigen?
    Shitstorm bitte unter meinen Kommentar

        1. Auf sealioning fällt keins mehr rein. Es gibt genug Material – und nicht erst seit gestern – um sich über Rassismus zu informieren. Aber da du Gegenrede als »canceln« bezeichnest, hast du sicher gar kein Interesse, deine »Meinung« durch Fakten korrigieren zu lassen und greifst zur typischen Methode der Ablenkung durch Einfordern von »Nachweisen«, »Erklärungen«, was auch immer. Zu durchschaubar.

    1. Und genau das ist whataboutism. Die Beispiele, die du hier bringst, zeugen von genau der tiefen Ignoranz privilegierter (meist) weißer Menschen. SELBSTVERSTÄNDLICH sind es Indigene, die – nein, nicht »Anstoß nehmen – sondern seit Jahrhunderten strukturellem Rassismus ausgesetzt sind. Die Unterdrückung hält auch dadurch weiter an, dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung keine Stimme bekommen. Was dann zur Folge hat, dass Menschen wie du _glauben_ (wenn ich es gutmütig ausdrücke) oder aber _behaupten_ (nämlich wider besseres Wissen), dass den Betroffenen das alles egal wäre.

      1. Ja, es ist natürlich sehr bequem einfach zu behaupten, den Betroffenen sei das in Wahrheit gar nicht wichtig. Und es wird natürlich auch immer ein mehr oder weniger Betroffener zu finden sein, der sich entsprechend äußert und dann als Legitimation herhalten kann. So wie sich ja auch Hildmann, Pirincci und Naidoo mit den deutschen Rechtsradikalen verbrüdert haben, obwohl sie von denen im Fall einer Machtergreifung wohl nicht viel Nettes zu erwarten hätten. Vermutlich eine Art von Stockholm-Syndrom.

        Bei dieser Diskussion sollte man aber wohl noch einen weiteren Fakt berücksichtigen. Nämlich den, dass dieser vermeintliche Skandal um das vermeintliche Canceln offenbar von der BILD inszeniert wurde, die, ausgehend von der Initiative des Ravensburger Verlags, behauptete, dass die Winnetou-Filme nun nicht mehr im TV gezeigt werden dürften. Was ganz offensichtlich eine Fake-Meldung ist. Das ZDF zeigt diese Filme unverändert weiterhin. Die ARD hat schlicht keine Rechte mehr an den Filmen, kann sie also daher nicht mehr zeigen. Und das schon seit Jahren. Damit bandelt die BILD einmal mehr mit den rechten Verschwörungs-Märchenerzählern und den sogenannten “Querdenkern” an, die diese Masche schon länger fahren. Mustergültig etwa im Fall von Böhmermanns satirischem “Schmähgedicht” und dem “Skandal” um das satirisch umgedichtete Kinderlied “Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad”, das im WDR ausgestrahlt wurde. Beide wurden von rechten Aktivisten in den sozialen Medien aus dem Kontext gerissen und ihre eigentliche Bedeutung so ins Gegenteil verkehrt. Und das wurde natürlich immer wieder wiederholt und massenhaft verbreitet (gemäß dem Goebbelsschen Diktum “Wenn man eine große Lüge nur oft genug wiederholt, wird sie auch irgendwann geglaubt werden”), so dass viele, die den Beitrag im Original nicht gesehen hatten, darauf hereinfielen. So funktioniert rechte Propaganda (derzeit übrigens auch sehr plastisch praktiziert von Vladimir Putins Propaganda-Apparat). Natürlich wäre Böhmermanns “Schmähgedicht”, ohne den erklärenden Kontext, beleidigend, rassistisch und unangemessen. Aber ohne den erklärenden Kontext, der zu dem “Schmähgedicht” nun mal untrennbar dazu gehört, gibt das “Schmähgedicht” halt auch nicht mehr die Intention Böhmermanns wieder. Der Skandal liegt somit auf Seiten derer, die das Gedicht aus dem Zusammenhang gerissen zitierten. Mit, seien wir ehrlich, allzu durchsichtiger Absicht.

        Genauso verhält es sich offensichtlich auch mit dieser Skandalisierung durch die BILD, die sich unter dem Slogan zusammenfassen ließe: “How to create a Lynch Mob”. Und die von Palimpalim-Vorzeige-Intellektuellen wie Didi Hallervorden, Didi Nuhr und anderen willig reproduziert wird.

  2. Ein sehr informativer Artikel.
    Was mich an den “Aktivisten” am meisten stört ist, dass ihre Beweggründe im Grunde rassistisch sind. Wer sind sie, dass sie sich für andere Gruppen “unwohl” fühlen dürfen? Das ist üble kulturelle Aneignung, die sie ja so anprangern.

    1. Ein bissel komplizierter ist es schon, denn es haben sich ja durchaus auch indigene Amerikaner “unwohl” zu diesem Thema geäußert. Wenngleich es natürlich der BILD sogleich gelungen ist irgendwo auch welche auszugraben, die das vorgeblich für albern hielten. Aber Pirincci und Hildmann tummeln sich ja auch gern unter Rechtsradikalen. Es gibt also nichts was zu bizarr wäre. Und man könnte natürlich auch argumentieren, dass es auch rassistisch sei, wenn man sich nicht gegen Unrecht engagieren darf, nur weil man nicht der betroffenen Ethnie angehört.

      Ich sehe hier eher ein anderes Problem, denn was hier geschieht droht einer Geschichtsklitterung gleichzukommen und obendrein eine Menge Kulturgüter zu tilgen oder mindestens zu verfälschen, deren Problempotenzial zum Zeitpunkt ihrer Entstehung, aus der damaligen Perspektive, zum Teil schlicht nicht erkannt werden konnte. Und das Bild der damaligen Zeit und der Urheber wird dadurch verfälscht.

      Zudem muss man sich klar machen wie viele Werke betroffen wären, wenn man wirklich umfassend und objektiv urteilen würde. In “Peter Pan” und allen Werken, die sich an ihn anlehnen, wie z.B. Spielbergs “Hook”, gibt es ja auch diese Indianerkinder, die man, ich wage kaum darauf hinzuweisen, auch als rassistische Stereotype einordnen könnte. Aber ich glaube nicht, dass es dem Problembewusstsein und der Kultur dienen würde, diese oder gar die ganzen Werke zu tilgen. Ich befürchte eher das Gegenteil. Mich erinnert das ein bisschen an eine Doku, die ich gestern auf Arte gesehen habe. Da ging es um zwei Serienmörder, einen in Polen, einen in der DDR, etwa zur gleichen Zeit. Laut Regime konnte es aber im “real existierenden Sozialismus” gar keine Serienmorde geben. Darum wurden sie unter den Teppich gekehrt soweit es eben ging. An den Realitäten hat das nichts geändert. Im Gegenteil, es hat nur noch mehr Opfer gegeben. Aber die Ideologen fühlten sich besser.

  3. das nenn ich amal: dummes, eurozentristisches techtfertigungsgeschwurbel mit whataboutism.
    nur weil alle möglichen stämme im norden „germanen“ [also die mannen mit den geren] von den römer¡nnen so genannt wurden rechtfertigt noch lange nicht, das wort „indianer“ zu verwenden.

    grimm-brüder, struwelpeter, hatschibratschi, tim + struppi und karl may!
    es reicht mit der verdummblödung der kinder !!!

    danke ravensbrück für den respektvollen umgang !!!

    1. Nein, „Germanen“ hat nichts mit „Mannen mit Geren“ zu tun; das ist eine Volksetymologie.
      Und der Verlag heißt „Ravensburger“, weil er in Ravensburg seinen Sitz hat.
      Das muss jetzt erst mal reichen; auf Argumente würde ich auch ausführlicher antworten.

  4. Wir haben in den letzten Jahren so eine Art Empörungs-Pandemie. Es wäre sicher interessant dieses Phänomen mal systematisch und umfassend zu erforschen. Und wahrscheinlich wäre es sogar dringend notwendig, weil es sich immer mehr zu einem gesamtgesellschaftlichen Selbstzerstörungsmechanismus entwickelt. Offenbar gibt es eine große Grundbereitschaft oder sogar ein Grundbedürfnis sich über irgendwas aufzuregen. Dafür bedarf es dann stets nur eines geringen Anlasses und sehr geringen Wissens. Ja dieses Wissen ist in der Regel sogar extrem selektiv. Alles was der Empörung abträglich wäre wird aussortiert.

    Beispiele gibt es derzeit in Massen. Sei es diese “Indianer”-Geschichte, Vegetarismus, Veganismus, Frutarismus… bis hin zu den so genannten Lichtessern – da findet offenbar sogar so was wie ein Wettbewerb um die extremste und dümmste Form der Ablehnung des Status Quo statt – MeToo (wo die unzweifelhaft gute Sache nahezu sämtliche rechtsstaatlichen Grundsätze verdrängt), Impf-Skepsis, Umvolkungs-Fantastereien… bis hin zum völligen Realitätsverlust wie QAnon.

    Nehmen wir Vegetarismus. Es gibt gute Argumente dafür zur Zeit. Tierquälerei durch Massentierhaltung, Klima-Katastrophe. Diese Argumente genügen aber nicht. Viele Vegetarier wollen uns auch erzählen, dass der Mensch von Natur aus Vegetarier sei – wegen seines Gebisses und seines Verdauungstrakts – und vertreten das mit aller Militanz. Mit Argumenten lässt sich das auch kaum glaubhaft machen, denn Menschen essen ihr Fleisch für gewöhnlich ja nicht roh, wozu sie Raubtierzähne und -verdauungstrakt bräuchten. Schon seit Jahrtausenden nicht mehr. Wie wohl alle Arten waren auch die Menschen im Laufe ihrer Evolution immer wieder zu Opportunismus gezwungen und haben dabei irgendwann angefangen Fleisch zu essen. Nicht ungewöhnlich. Es wurden auch schon Hirsche beobachtet, die Vögel gefressen haben. Will man also den Menschen das Fleisch essen verbieten könnte man auch ebenso gut den Walen zurufen: “He ihr Wale, hört auf Plankton zu naschen! Eure Vorfahren waren fleischfressende Wölfe. Und überhaupt, raus aus dem Wasser!”. Aber Vegetarismus ist natürlich nur ein Beispiel.

    Viel besorgniserregender sind Verschwörungsfantastereien wie QAnon, die maßgeblich auf erfundene “Fakten” zurückgehen, die sich irgendwelche von Umsturz-Fantasien getriebene Soziopathen aus populären Medien wie Film, TV, Sci-Fi-Büchern und Games zusammengeklaut haben um sich selbst gegen das bestehende System zu verschwören und viele andere durch Betrug für sich zu instrumentalisieren. Solche Verschwörungserzählungen verdrehen jegliche Realitäten, erklären Fakten zu Lügen und Lügen zu Fakten, behaupten für Meinungsfreiheit zu kämpfen, erklären aber alle, die anderer Meinung sind zu Feinden und bedrohen sie. Mit dem Ziel Freiheit und Demokratie durch ein faschistisches Regime zu ersetzen. Die Herrschaft des Mobs, das wusste schon Aristoteles, ist nur die Vorstufe zum Totalitarismus, in dem sich die Charismatiker und Populisten die Spitzenplätze aneignen. Und wie der Sturm auf das Kapitol und der auf das Reichstagsgebaude gezeigt haben, sind viele Menschen durch solchen Blödsinn leicht instrumentierbar.

  5. Sehr geehrter Herr Hußmann,
    vielen Dank für Ihren detaillierten Artikel. Es tut gut zu wissen, dass man mit seiner Meinung nicht alleine steht. Diese von einer Minderzahl angefachte Cancel-Bewegung macht sehr viele wütend, weil deren Gründe einfach an der Haaren herbeigezogen sind.
    Ich wünsche Ihnen persönlich alles Gute, bleiben Sie weiter so objektiv und kritisch!

  6. Noch eine Anmerkung: Natürlich ist es faktisch nicht korrekt die indigene Bevölkerung der USA als “Indianer” zu bezeichnen. Es wurde aber über eine lange Zeit getan. Wenn man es nun nicht mehr tun will, ist das natürlich in Ordnung, wenn man eine angemessenere Form dafür findet. Es wäre aber fatal, wenn man das Wort aus Dokumenten der Zeit oder über die Zeit verbannen würde, in der das Wort benutzt wurde, denn das würde die Geschichte verfälschen. Es gibt noch andere Beispiele. Das Wort “Eskimo” beispielsweise. Wer heute politisch korrekt sein will, sagt “Inuit”. Die Inuit sind aber tatsächlich nur eines von vielen Eskimovölkern. Das zahlreichste zwar, aber eben nur die Eskimo, die auf Grönland und in Nordostkanada beheimatet sind. Darüber hinaus gibt es noch Inuvialut, Yupik, Sukpiak, Inupiat und andere. Wenn man nun alle Eskimo als “Inuit” bezeichnet ist das ein wenig so als würde man alle Europäer als Franzosen bezeichnen. Ich habe noch mit keinem Eskimo gesprochen und weiß daher nicht wie die das beurteilen. Mir erscheint das aber nicht korrekt. Übrigens ist auch die Bedeutung und Herkunft des Worts “Eskimo” nicht eindeutig geklärt und sehr umstritten. Die Behauptung, dass es “Fleischfresser” bedeute und als Beleidigung zu verstehen sei, ist nicht erwiesen. Und eher schädlich finde ich es auch das (unzweifelhaft vollkommen unangemessene) N-Wort aus Büchern wie Mark Twains “Huckleberry Finn” zu entfernen. Dieses Wort wird da zwar extrem oft benutzt, auch vom Protagonisten Huck Finn, aber doch eben nur deshalb, weil es in jener Zeit eben so selbstverständlich benutzt wurde, weil Huck ein kleiner, naiver Junge ist, der nachplappert was die Erwachsenen plappern. Wesentlich an der Geschichte ist doch, dass Huck wie selbstverständlich mit dem entflohenen Sklaven Jim in Freundschaft den Mississippi herunter reist und ihm bei der Flucht in die Freiheit hilft. Tilgt man das N-Wort, verfälscht man das Bild jener Zeit und lässt sie besser aussehen als sie wirklich war.

    1. Ja, da stolpern Leute mit dem besten Willen und Halbwissen in irgendwelche Fallen. Wie jener US-Journalist, der über Nelson Mandela sagte, er sei „the first African American president of South Africa“ – denn „black“ zu sagen war ja verboten –, nur dass Mandela natürlich gar kein Amerikaner war. Oder wenn man hierzulande sagt, jemand sei „ein Sinti und Roma“, obwohl er ein Rom und vielleicht auch ein Sinto, beziehungsweise sie eine Romnja und vielleicht auch eine Sintiza ist (eigentlich sind ja alle Sinti Roma, aber „Roma“ wird auch im Sinne vom „Roma, die keine Sinti sind“ gebraucht). Wenn man mal auf die heutzutage übliche Empörung verzichtet, ist es immer noch am wirkungsvollsten, ganz gelassen darauf hinzuweisen, als was man angeredet werden möchte. Bei allem Schlechten, das es in der Welt gibt: Die allermeisten Menschen wollen einem gar nichts Böses.

      1. Und wenn sie es doch wollen, merkt man das in der Regel schnell. Es ist natürlich schon kompliziert, weil man natürlich nicht über jeden ad hoc wissen kann was er ist und wie er gern angesprochen werden möchte. Das ist ja schon mit dem “Du” und “Sie” nicht immer so einfach. In den allermeisten Zusammenhängen ist es aber gar nicht von Bedeutung welcher Ethnie man angehört oder welche Hautfarbe man hat. Und wenn es dann doch mal irgendwie benannt werden muss, lässt sich der Situation angemessen, bestimmt auch eine verträgliche Lösung dafür finden, ohne jemandem auf den Schlips zu treten. Besonders ärgerlich, gerade in der heutigen Zeit, ist, dass solche Themen immer sofort von irgendwelchen Leuten instrumentalisiert werden und Differenzierungen kaum noch möglich sind, sondern nur noch Schwarz und Weiß, dafür oder dagegen, man gehört entweder zu der einen oder der anderen Gruppe. Da sollten wir im 21. Jahrhundert doch eigentlich weiter sein.

  7. Wenn diese Energie verwendet würde, sich mit den echten Problemen dieser Welt zu beschäftigen und nach Lösungen zu suchen, dann wäre das meiner Meinung nach sehr viel sinnvoller!!! Wer in der Situation ist, sich mit solchen »Problemen« in dieser Art und Weise zu beschäftigen, scheint wohl keine wirklich wichtigen Aufgaben im Leben zu haben! Vielen Dank, lieber Michael Hußmann, das mal so zu reflektieren. (Wollte mich eigentlich mit so einem Sch…… nicht beschäftigen, weil mir meine Zeit dafür zu schade ist. Deswegen: Danke, für diese Aufbereitung.) Mit herzlichen Grüßen, Klaus May

  8. Danke Herr Hussmann – wobei sie einem Schweizer verzeihen mögen, dass CH-Tastaturen kein “sz” oder “scharfes S” ermöglichen.
    Mir ist nun aufgefallen, dass meine Hautfarbe von Adobe nicht als “weiss” genommen wird, sondern meist den Bildinhalt verfälscht. Bin ich nun ein Weisser oder nicht? Bei Afrikanern kann ich mit “Tiefen anheben” gut arbeiten. Sollte man sie also “Tiefe” nennen? Da ich mich als sogen. Weisser unwohl fühle, wird wohl nun Adobe den Weissabgleich modifizieren. Schliesslich werden in solchen Diskussionen Minderheiten berücksichtigt. Mehrheiten intressieren kaum. Ist das noch Demokratie oder habe ich etwas falsch verstanden?

    1. Natürlich ermöglichen CH-Tastaturen ein “sz” oder scharfes “S”.
      Auf Windows-PCs: alt-Taste plus 225 oder 0223 auf dem Zahlenblock = ß
      Auf Macs: Die S-Taste lange drücken und dann (wirst sehen wann) die Nummer 1. Oder alt + S-Taste = ß
      Auf Linux: alt-gr + S-Taste = ß
      Freundliche Grüße
      eitschpii

    2. Nun gehe ich mal davon aus, dass Sie nicht nur “weiß” sind (oder was man “weiß” nennt), sondern auch noch andere Eigenschaften haben mit denen sie womöglich auch irgendwo zu einer Minderheit gehören, mal gehört haben oder mal gehören werden, wie wir alle. Damit ist der Schutz von Minderheiten im allgemeinen Interesse und ein Grundpfeiler der Demokratie. Davon abgesehen deutet ihre Interpretation der Farbkorrekturfunktionen der Adobe-Programme schon auf eine Wahrnehmung hin, die Sie unzweifelhaft als Angehörigen einer Minderheit ausweist.

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