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Nein, ich bin nicht der Fotograf

Gestern begründete mein Kollege Olaf Giermann, weshalb das Smartphone heutzutage meist eine Immer-dabei-Kamera ersetzen kann. So scheinen das die meisten Fotografen zu sehen; die aktuellen Verkaufszahlen der Kamerahersteller beweisen es. Aber es gibt noch einen besonderen Grund, weshalb auch ich mich mit Smartphone statt Kamera manchmal wohler fühle.

In den letzten Tagen veröffentlichten Canon, Fuji und Sony ihre Quartalsergebnisse, und das Bild, das diese Berichte zeichnen, ist praktisch identisch: Die Verkäufe von Digitalkameras gehen insgesamt zurück (während sich Fuji mit den Instax-Sofortbildkameras einen Wachstumsmarkt erschlossen hat), wobei sich nur die höherwertigen Modelle und insbesondere die Systemkameras gut behaupten können. Die Hersteller haben die Zeichen der Zeit erkannt und fahren die Entwicklung und Produktion von Kompaktkameras bis etwa 300 Euro zurück – für die Bilder, die früher mit solchen Kameras gemacht wurden, ist heute überwiegend das sowieso vorhandene und subventionierte Smartphone zuständig. Bei Fuji beispielsweise machen die Modelle der X-Reihe, von denen die meisten in der Preisklasse von 600 Euro und mehr liegen, schon rund zwei Drittel der verkauften Stückzahl aus; in einem Jahr sollen es mehr als drei Viertel sein.

Das iPhone reicht für Gelegenheitsfotos, auch wenn ein optisches Zoom und ein Raw-Modus mehr Flexibilität lassen würden.

Das iPhone reicht für Gelegenheitsfotos, auch wenn ein optisches Zoom und ein Raw-Modus mehr Flexibilität lassen würden.

Auch ich greife inzwischen oft zum iPhone statt zur Kamera, obwohl ich nach wie vor auch noch eine kleine Kompaktkamera besitze und sie auch nutze. Deren optisches Zoom weiß ich ebenso zu schätzen wie die Vorteile eines Raw-Workflow, den ich bei kleinen wie großen Kameras bevorzuge. Wenn ich aber immer öfter alle Kameras zuhause lasse und mich für fotografische Aufgaben auf das Smartphone verlasse, dann hat das nicht nur etwas mit Bequemlichkeit zu tun.

Jürgen Ehlers, Geograph am Tag und Krimiautor bei Nacht, führt vor, was er bei der Recherche zu seinem Buch gelernt hat.

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Ich verdiene zwar meinen Lebensunterhalt damit, über Themen rund um die Fotografie zu schreiben, aber als Fotograf bin ich bekennender Amateur – ich fotografiere allein aus Liebhaberei. Bei manchen Veranstaltungen habe ich freien Eintritt, weil ich meine Fotos zur Verfügung stelle, aber eine Einnahmequelle ist meine Fotografie nicht. Wenn beispielsweise einer der zahlreichen Krimiautoren, die ich bei Lesungen fotografiert habe, eines meiner Bilder für die Eigenwerbung verwenden will, gebe ich regelmäßig mein OK – ein Copyright-Hinweis reicht.

Das Problem ist nur: Wenn man mit einer größeren Kamera ’rumläuft, gilt man sofort als „der Fotograf“, und wenn man das nicht professionell macht, wird man immer wieder darum gebeten, diesen oder jenen Event doch bitte kostenlos zu dokumentieren. Ich mag das nicht. Bei guten Freunden mache ich schon mal eine Ausnahme und fast wäre ich dieser Tage sogar zum Hochzeitsfotografen geworden, was ich normalerweise strikt ablehne. Eine Hochzeit in Norwegen, das Brautpaar vor einem Polarlicht, das wäre es gewesen. Aber dann würde die DOCMA nicht fertig werden, so dass ich leider absagen musste.

Wenn ich dagegen die Kamera zuhause lasse und gegebenenfalls mein Handy zum Fotografieren zücke, bin ich nicht mehr der Fotograf, sondern nur ein weiterer Dödel mit seinem iPhone, einer wie alle anderen. Das entspannt, und allein deshalb schon liebe ich die Kamerafunktion meines Smartphones.

Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann

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  1. shashi

    „Das Problem ist nur: Wenn man mit einer größeren Kamera ’rumläuft, gilt man sofort als „der Fotograf“, und wenn man das nicht professionell macht, wird man immer wieder darum gebeten, diesen oder jenen Event doch bitte kostenlos zu dokumentieren. Ich mag das nicht.“

    Hm, eine seltsame Theorie.
    Sie tragen doch die Ausrüstung, um für sich selbst GUTE Fotos zu machen? Wenn Sie nun die Ausrüstung gegen ein Telefon tauschen, erreichen Sie doch nicht mehr das, was Sie wollten.
    Lassen Sie sich wirklich von fremden Leuten sagen, was Sie tun sollen? – Ich denke eher, dass Sie hier ein Argument konstruiert haben, das mächtig gewaltig hinkt. 🙂

    MfG – Frank

  2. Michael J. Hußmann

    Nun, hier handelt es sich weder um eine Theorie noch um ein Argument; ich beschreibe einfach meine Erfahrungen. Was nicht ausschließt, dass andere Menschen andere Erfahrungen machen.

  3. shashi

    Herr Hußmann, dann frage ich Sie: Warum trugen Sie jemals eine „größere Kamera“ mit sich herum? Was war Ihr Ziel?

    MfG – Frank

  4. gerke

    . . . und ich war bis vor kurzem einer von denen, die überzeugt waren, wer «ein Phone» hat, braucht gar keine andere Kamera!

    Wo ich jetzt aber beim DOCMA Award eine tolle Kamera gewonnen habe, stelle ich fest: mit der «richtigen Kamera» in der Hand «knipse» ich nicht einfach schnell mal so rum – sondern gebe mir irgendwie mehr Mühe, bin konzentrierter, wähle den Betrachtungswinkel und Bildausschnitt sorgfältiger . . . ich fotografiere bewusster! Als ob man anstatt «ein Bierchen trinken» nun «ein Gläschen Wein» geniessen würde!

    Ich habe meine «Wandlung» bei Familie und Kollegen bewusst nicht kommuniziert – es kamen dann aber plötzlich positive Rückmeldungen, die nicht mehr «nur» das Motiv (immer noch erste Priorität) betrafen, sondern auch die Bildqualität, die Farben.

    Schade aber auch, dass man damit nicht telefonieren kann 😉

  5. shashi

    😀

    „Als ob man anstatt «ein Bierchen trinken» nun «ein Gläschen Wein» geniessen würde!“

    Hm, das haben Sie schön gesagt. – Die Fotografie lebt!

    MfG – Frank

  6. 7engelunterwegs

    …ganz andere Variante: geht doch mal ganz unbewaffnet! ich habe das grade für mich entdeckt und das ist so was von entspannt! Als Handy-Verweigerer fehlt mir dieses Teil sowieso nicht und Unterwegs-Bilder liegen meist nur dumm auf der Festplatte rum. Nur damit ich am Handy was zum spielen habe, brauche ich das nicht.
    Grüße von Christa

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