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Die hohe Kunst der klugen Frage: Warum gutes Prompting eine philosophische Disziplin ist

Man muss sich Sokrates nicht zwangsläufig mit einem VR-Headset vorstellen, um zu erkennen, dass seine Methode heute relevanter ist denn je. Der alte Grieche, der auf dem Athener Marktplatz durch hartnäckiges Fragen die Gewissheiten seiner Mitbürger erschütterte, würde im Zeitalter der generativen KI vermutlich triumphieren. Denn die Kommunikation mit einer künstlichen Intelligenz ist im Kern ein sokratischer Dialog, bei dem die Qualität der Antwort unmittelbar von der Präzision der Frage abhängt. Wer heute mit Werkzeugen der Künstlichen Intelligenz arbeitet, betreibt beim Prompting, ob bewusst oder unbewusst, angewandte Philosophie.

Die Philosophin Amanda Askell, die beim KI-Unternehmen Anthropic arbeitet, brachte es in einem Podcast auf eine einfache Formel: Man solle eine KI wie einen hochintelligenten, aber vollkommen kontextfreien Praktikanten behandeln. Einen Praktikanten, der zwar über das gesamte Wissen der Welt verfügt, aber keinerlei Ahnung von unseren unausgesprochenen Annahmen, kulturellen Codes oder ironischen Brechungen hat. Der beiläufige Zuruf „Mach mal ein schönes Porträt“ führt daher selten zu einem Meisterwerk, sondern eher zum digitalen Äquivalent eines ratlosen Blicks. Die Maschine versteht nicht die Intention, sie prozessiert die Instruktion. Hier beginnt die eigentliche Arbeit, die weit über technisches Know-how hinausgeht und zur kognitiven Disziplin wird: der Kunst des Prompt-Designs.

Präzision, Kontext und die Tücke der Annahme

Das grundlegende Missverständnis im Umgang mit KI liegt in der Projektion menschlicher Fähigkeiten auf ein nicht-menschliches System. Wir sind es gewohnt, in Andeutungen zu kommunizieren, weil wir einen riesigen Fundus an geteiltem Wissen und gemeinsamer Erfahrung besitzen. Eine KI besitzt diesen nicht. Ihr fehlt der soziale Kitt, der unsere Worte mit Bedeutung auflädt. Genau an dieser Schnittstelle erweist sich philosophisches Rüstzeug als unschätzbarer Vorteil. Philosophie schult die Fähigkeit, die eigenen Gedanken zu zerlegen, implizite Annahmen aufzudecken und vage Vorstellungen in eine logisch strukturierte und unmissverständliche Sprache zu überführen.

Jeder gute Prompt ist im Grunde ein kleiner sprachphilosophischer Akt. Er muss sein eigenes Universum an Bedeutung in sich tragen. Die vage Idee von „einem Hund im Park“ muss dekonstruiert werden: Welche Rasse? Welche Tageszeit und damit Lichtstimmung? Welche Emotion soll der Hund ausstrahlen – verspielte Energie oder stoische Ruhe? Ist der Park eine gepflegte Anlage im englischen Stil oder eine wilde, naturbelassene Wiese? Jede dieser Entscheidungen formt das Ergebnis. Wer hier nachlässig ist, überlässt die entscheidenden kreativen Weichenstellungen dem Zufall oder, genauer gesagt, den statistischen Wahrscheinlichkeiten im Datensatz des Modells. Gutes Prompting ist die aktive Übernahme der gestalterischen Kontrolle.

Vom Gedanken zum Bild: Die angewandte Semiotik des Prompt-Designs

Die Arbeit mit Bildgeneratoren macht diesen Prozess besonders anschaulich. Ein Bild-Prompt ist kein Wunsch, sondern ein detailliertes Regiebuch für die Maschine. Er definiert die Szene, die Akteure, die Kameraeinstellung, die Lichtführung und die malerische oder fotografische Technik. Die Semiotik, die Lehre von den Zeichen und ihrer Bedeutung, wird hier zum praktischen Werkzeug. Begriffe wie „goldene Stunde“, „Chiaroscuro“, „Weitwinkelobjektiv“ oder „harter Schlagschatten“ sind keine bloßen Adjektive, sondern hochverdichtete Codes, die für die KI klare visuelle Anweisungen darstellen.

Nehmen wir das Beispiel eines Porträts. Der einfache Befehl „Porträt einer alten Frau“ ist eine leere Leinwand. Die philosophische Herangehensweise fragt: Was konstituiert visuell das Konzept „Alter“? Sind es die Falten, die als „gegerbte Haut“ oder „feine Linien um die Augen“ beschrieben werden können? Ist es der Blick, der als „melancholisch“, „weise“ oder „verschmitzt“ definiert wird? Welche kunsthistorische Referenz soll die KI nutzen? Ein „Porträt im Stil von Rembrandt“ evoziert sofort ein spezifisches Licht- und Schattenspiel, eine bestimmte Farbpalette und eine emotionale Tiefe, die mit „im Stil von Andy Warhol“ völlig anders ausfallen würde.

Dasselbe Prinzip gilt für Textmodelle. Eine Anweisung wie „Schreibe über die Vorteile von Photoshop“ wird generische Ergebnisse liefern. Weist man der KI jedoch eine Rolle zu („Du bist ein erfahrener Retuscheur, der einem skeptischen Analogfotografen die subtilen Vorzüge der non-destruktiven Bearbeitung erklärt“) und gibt ihr Strukturvorgaben, wird das Resultat ungleich differenzierter und überzeugender.

Der Dialog als Werkzeug: Selbstreflexion durch KI

Die vielleicht tiefgreifendste Erkenntnis aus der philosophischen Auseinandersetzung mit dem Prompting ist, dass es sich nicht um einen einmaligen Befehl, sondern um einen iterativen Dialog handelt. Selten ist der erste Prompt der beste. Die Kunst besteht darin, die Antwort der KI zu analysieren, die Abweichung von der eigenen Vision zu verstehen und den nächsten Prompt auf Basis dieser Erkenntnis zu schärfen. Dieser Prozess des schrittweisen Verfeinerns ist nichts anderes als ein angewandter hermeneutischer Zirkel: ein sich wiederholender Zyklus aus Frage, Antwort und einem tieferen Verständnis auf der nächsten Ebene.

Letztlich zwingt uns die Notwendigkeit, einer Maschine unsere kreative Vision zu erklären, zu einer radikalen Form der Selbstreflexion. Wir können nur das präzise formulieren, was wir selbst klar gedacht haben. Die KI wird so zum Spiegel unserer eigenen Vorstellungskraft. Sie deckt auf, wo unsere Ideen noch vage sind und wo wir uns auf unhinterfragte Klischees verlassen. Vielleicht ist das die größte Ironie: Um mit der fortschrittlichsten Technologie unserer Zeit wirkungsvoll zu kommunizieren, müssen wir auf eine der ältesten menschlichen Fähigkeiten zurückgreifen – die Kunst, eine wirklich gute Frage zu stellen.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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