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Neo-Emotionen für die Bildsprache? Warum die besten Motive von morgen heute vielleicht noch keine Namen haben

Wer heute mit Bildern arbeitet, agiert in einem emotionalen Spannungsfeld, das Arsenal und Minenfeld zugleich ist. Die Jagd nach dem authentischen, dem berührenden Moment ist härter denn je. In diesem Ringen um Relevanz erweist sich eine soziologische Studie als unverhoffte Schatzkarte zum emotionalen Zeitgeist. Sie liefert nicht nur Futter für Akademiker, sondern vor allem einen entscheidenden Kompass für alle, die mit Kamera, Photoshop oder KI-Prompts nach dem entscheidenden Bild suchen, das mehr ist als nur eine Wiederholung des Altbekannten. Vielleicht klingt das Folgende für die Älteren unter uns etwas esoterisch, aber es könnte dabei helfen, auch in Zukunft noch relevante Bilder zu machen. Zumindest, wenn man sich darauf einlässt.

Eco-Grief
Eco-Grief

Jenseits von Lächeln und Träne: Die neue Gefühlswelt

Jahrzehntelang hat sich die Emotionsforschung an der Frage abgearbeitet, wie viele universelle Grundgefühle es gibt – eine Suche, die für die Bildpraxis oft in klischierten Darstellungen von Freude, Wut oder Trauer mündete. Marci D. Cottinghams Forschungsagenda zu den „Neo-Emotionen“ bricht radikal mit dieser Tradition starrer Taxonomien. Sie argumentiert, dass unser Vokabular der rasanten Entwicklung unserer Gefühlswelt hinterherhinkt. In der Lücke zwischen dem, was wir fühlen, und dem, was wir benennen können, entstehen neue Begriffe, die unter dem Schlagwort der „Neo-Emotionen“ zusammengefast werden.

Doomsrolling
Doomscrolling

Begriffe wie „Doomscrolling“ – das zwanghafte Konsumieren schlechter Nachrichten – oder „Eco-Grief“, die spezifische Trauer angesichts der ökologischen Zerstörung, sind in diesem Kontext mehr als nur Modewörter. Sie sind präzise sprachliche Werkzeuge für komplexe, kollektive Erfahrungen, die nach einer visuellen Entsprechung verlangen. Für Bildschaffende könnte das eine Befreiung werden. Endlich gibt es einen wissenschaftlich fundierten Grund, die ausgetretenen Pfade der emotionalen Symbolik zu verlassen. Wer heute „Eco-Grief“ inszeniert, muss nicht mehr den zehnten sterbenden Eisbären ablichten. Er kann das Gefühl der Ohnmacht, der vorweggenommenen Trauer um eine Zukunft, die vielleicht nie kommt, in eine neue, subtilere und dadurch umso wirkungsvollere Bildsprache übersetzen. Wer diese neuen Gefühlslagen erkennt, benennt und ins Bild setzt, wird vom reinen Abbilder zum Chronisten einer Gegenwart, die sich selbst gerade neu zu verstehen lernt.

Das Vokabular des Zeitgeists: Woher die neuen Emotionen kommen

Cottingham verortet die Entstehung dieser neuen Gefühle vor allem an drei Knotenpunkten moderner Gesellschaften: der Digitalisierung, globalen Krisen und sozialen Bewegungen. Digitale Plattformen fungieren dabei als riesige Laboratorien, in denen im Sekundentakt neue Begriffe für geteilte Erfahrungen geprägt, getestet und verbreitet werden. Für Kreative bedeutet das: Wer wissen will, was morgen emotional relevant ist, muss heute auf TikTok, Reddit oder in den Kommentarspalten der Nachrichtenportale stöbern. Hier, im ungeschliffenen Diskurs der Nutzer, manifestiert sich der emotionale Bedarf, der die Bildsprache von morgen prägen wird.

Black Joy
Black Joy

Diese Erkenntnis hat direkte Auswirkungen auf die bildnerische Praxis. Die Rastlosigkeit des „Doomscrollings“ lässt sich technisch umsetzen – durch Glitch-Effekte, Bewegungsunschärfe oder eine fragmentierte Komposition. Die Vielschichtigkeit von „Black Joy“, das Cottingham nicht als simple Freude, sondern als bewusste Praxis der Resilienz und des Glücks im Angesicht von systemischem Rassismus und Leid beschreibt, fordert die Porträtfotografie heraus, über das einfache Lächeln hinauszugehen und die Spannung zwischen Schmerz und Stolz in einem einzigen Ausdruck sichtbar zu machen.

Das Wissen um diese Begriffe und ihre Kontexte wird nach Cottingham in Anlehnung an Bourdieu zu einer Form von „emotionalem Kapital“. Wer diese Sprache spricht und visuell übersetzen kann, beweist nicht nur technisches Können, sondern auch kulturelle Anschlussfähigkeit und hebt seine Arbeit aus der Masse heraus.

Vom Wort zum Werk: Konkrete Impulse für die Bildpraxis

Ganz klar: Die Studie liefert keine einfachen Rezepte, aber sie schärft den Blick für die Nuancen, die in Zukunft ein gutes Bild von einem herausragenden unterscheiden könnte. Nehmen wir „Solastalgia“, ein vom Philosophen Glenn Albrecht geprägter Begriff, den Cottingham aufgreift. Er beschreibt nicht einfach Traurigkeit über Umweltzerstörung, sondern den spezifischen Schmerz, den man empfindet, wenn der vertraute Heimatort sich vor den eigenen Augen negativ verändert – eine Art Heimweh, obwohl man zu Hause ist. Ein Fotograf, der diesen Unterschied kennt, wird einen sterbenden Wald nicht als allgemeines Symbol, sondern als verlorenen persönlichen Zufluchtsort inszenieren und so eine viel tiefere emotionale Resonanz erzielen.

Ein weiteres Beispiel ist „Compersion“, ein Begriff aus der Polyamorie-Bewegung der 1970er Jahre, der das Gegenteil von Eifersucht beschreibt: die Freude, die man für das Glück des Partners mit einer anderen Person empfindet. Ein solches Konzept fordert unsere tief verankerten visuellen Codes von Liebe und Besitzdenken heraus und eröffnet völlig neue Wege, Beziehungen und Intimität darzustellen. Cottinghams Arbeit ist somit ein Plädoyer für eine aufmerksame Beobachtungsgabe und die Bereitschaft, Mehrdeutigkeiten zuzulassen. Sie ermutigt dazu, Bilder zu schaffen, die nicht alle Fragen beantworten, sondern den Betrachter in den „denkend-fühlenden Prozess“ einbeziehen, in dem Kognition und Emotion verschmelzen.

Möglicherweise ist die Auseinandersetzung mit Neo-Emotionen eine Investition in die eigene Relevanz. Sie bietet zumindest einen unerschöpflichen Fundus an neuen Themen und visuellen Strategien, um der Komplexität der modernen Welt gerecht zu werden. Wer aufhört, nur nach bekannten Gefühlen zu suchen, und stattdessen beginnt, die noch unbenannten sichtbar zu machen, arbeitet nicht nur am Puls der Zeit, sondern gestaltet ihn aktiv mit. Im Übrigen war es ausgesprochen spannend, was die unterschiedlichen Bild-KIs von Midjourney, Nano Banana, Seedream und Mystik so erzeugten, wenn man sie mit diesen Emotion-Vokabeln und deren Erklärung fütterte. Ob die hier nun gezeigten Bilder diese Neo-Emotionen wirklich ins Bild bringen, lassen wir mal dahingestellt. Es sich ja schließlich nur Maschinen.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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