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Multiblitz ist zurück: Warum eine 78 Jahre alte Idee heute relevanter sein könnte als je zuvor

Die Nachricht schlägt in der Szene ein wie – nun ja, wie ein Blitz. Multiblitz, jene deutsche Traditionsmarke, die für Generationen von Fotografen ein Synonym für unverwüstliche Studiotechnik war, kehrt zurück. Nach neun Jahren der Stille wagt die Marke unter dem Dach der Walser GmbH einen Neustart im Premium-Segement. Was auf den ersten Blick nur wie ein cleverer Marketing-Schachzug mit Nostalgie-Bonus wirkt, wirft bei genauerer Betrachtung eine fundamentale Frage auf: Ist dies die Wiedergeburt einer Legende, die im heutigen Marktumfeld aus Billig-Anbietern und etablierten Luxus-Marken eine echte Lücke füllt? Oder erleben wir hier nur den Versuch, einen Geist aus der Vergangenheit wiederzubeleben, dessen Zeit längst abgelaufen ist?

Vom Wirtschaftswunder zur Insolvenz: Der Mythos Multiblitz

Um die Relevanz dieser Rückkehr einzuordnen, muss man die Geschichte von Multiblitz verstehen. Gegründet 1948 von Dr. D. A. Mannesmann in Köln, war das Unternehmen ein Kind des deutschen Wiederaufbaus. Mit dem ersten deutschen Studioblitz legte Mannesmann den Grundstein für eine Erfolgsgeschichte, die über Jahrzehnte andauern sollte. Die Geräte, die in den Kölner Werkshallen gefertigt wurden, waren nicht einfach nur Lichtquellen. Sie waren ein Versprechen. Ein Versprechen von Zuverlässigkeit, Langlebigkeit und einer mechanischen Präzision. Produktmerkmale, die man heute oft vergeblich sucht. Wer einmal mit einem Reporter II oder einem Press Universal gearbeitet hat, erinnert sich an das satte Klicken der Schalter und das beruhigende Gefühl, ein Werkzeug in der Hand zu halten, das für die Ewigkeit gebaut schien.

Den wahren Durchbruch im Studiobereich markierte 1976 die Einführung des Ministudio 202. Es war die Demokratisierung des professionellen Lichts: ein kompakter, erschwinglicher, mobiler 200 w/s Kompaktblitz, der es unzähligen Fotografen ermöglichte, ihre kreativen Visionen umzusetzen, ohne das Budget einer Großproduktion zu benötigen. Multiblitz wurde zum Standard in Studios, Redaktionen und Fotoschulen. Der Name stand für deutsche Ingenieurskunst, die man sich leisten konnte und auf die man sich verlassen konnte – bedingungslos. Doch der Ruhm von gestern schützt nicht vor den Stürmen von morgen. Die Globalisierung, der immense Preisdruck durch aufstrebende Hersteller aus Fernost und eine vielleicht zu zögerliche Innovationspolitik führten die Marke ins Straucheln. 2017 kam das unausweichliche Ende: die Insolvenz. Der Blitz erlosch.

Strategie statt Nostalgie: Der Plan hinter der Wiedergeburt

Neun Jahre später, im Jahr 2026, wagt die Foto-Walser, selbst ein etablierter Name im Fotozubehör-Markt, den Neustart. Die Entscheidung, Multiblitz nicht als Massenprodukt, sondern als gezielt positionierte Premiummarke wiederzubeleben, ist bei genauerer Betrachtung ein strategisch kluger Zug. Der Markt ist heute polarisierter denn je. Auf der einen Seite stehen die etablierten Platzhirsche wie Profoto, Broncolor oder Elinchrom, die das Hochpreissegment mit Systemlösungen und App-gesteuerten Workflows bedienen. Auf der anderen Seite flutet eine Welle von Anbietern wie Godox den Markt mit erstaunlich leistungsfähigen und aggressiv bepreisten Geräten, deren Lebensdauer und Servicequalität jedoch oft Fragen aufwerfen.

Genau in diesem Spannungsfeld positioniert sich das neue Multiblitz. Die Strategie zielt nicht darauf ab, den billigsten oder den technologisch verspieltesten Blitz anzubieten. Stattdessen will man sich auf die ursprünglichen Tugenden der Marke besinnen: Robustheit, Reparierbarkeit, intuitive Bedienung und eine Lichtqualität, die professionellen Ansprüchen genügt. Die ersten Produkte, die nun verfügbar sind – Dauerlichter und Zubehör –, deuten diese Richtung an. Es geht um Werkzeuge für Anwender, die wissen, was sie tun, und die eine Technik schätzen, die nicht nach dem nächsten Firmware-Update veraltet ist oder bei einem Sturz vom Stativ zum wirtschaftlichen Totalschaden wird. Es scheint ein Bekenntnis zur Nachhaltigkeit in einem Metier, das von Schnelllebigkeit geprägt ist.

Zwischen Hoffnung und Herausforderung: Eine Einordnung

Die Wiederbelebung von Marken wie Multiblitz ist ein Symptom unserer Zeit. In der digitalisierten Welt, die immer komplexer, schneller und unübersichtlicher wird, wächst die Sehnsucht nach Ankerpunkten. Nach Produkten mit Geschichte, Charakter und einer nachvollziehbaren Funktion. Dieses Phänomen lässt sich auch bei Polaroid oder Kodak beobachten. Es ist die Suche nach dem Authentischen, dem Greifbaren in einer zunehmend virtuellen Umgebung. Der Name Multiblitz, verbunden mit dem Gütesiegel „Made in Germany“, bedient genau diese Sehnsucht.

Doch Nostalgie allein verkauft auf Dauer keine Blitzgeräte. Der Erfolg von Multiblitz wird davon abhängen, ob es gelingt, die eigene Geschichte nicht als Museumsstück zu präsentieren, sondern als Fundament für zeitgemäße Produkte. Die Herausforderung besteht darin, die Brücke zwischen der legendären Zuverlässigkeit von gestern und den Anforderungen der hybriden Fotografen und Videografen von heute zu schlagen. Es braucht Produkte, die nicht nur eine Seele haben, sondern die sich auch nahtlos in moderne Arbeitsabläufe integrieren lassen, ohne den Anwender mit überflüssigen Funktionen zu belasten. Wenn diese Balance gelingt, hat Multiblitz die Chance, eine Nische zu besetzen, die viele für längst verloren hielten: die des vernünftigen, verlässlichen und wertstabilen Profi-Werkzeugs. Ob das Licht am Ende des Tunnels hell genug leuchtet, um die Schatten der Vergangenheit zu vertreiben und eine neue Generation von Bildgestaltern zu inspirieren, wird sich zeigen.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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