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KI als Betriebssystem – wie sinnvoll ist das für Kreative?

Die Flut an Nachrichten über Künstliche Intelligenz ist zu einem steten Rauschen geworden. Fast täglich werden neue Modelle, Werkzeuge und angebliche Revolutionen angekündigt. Doch inmitten dieses Lärms gibt es Signale, die man nicht überhören sollte. Der jüngst veröffentlichte „State of Enterprise AI“-Report von OpenAI für das Jahr 2025 ist ein solches Signal. Er ist weniger eine Produktankündigung als vielmehr eine tiefgreifende Analyse darüber, wie sich die Spreu vom Weizen trennt. Die zentrale Erkenntnis lässt sich mit historischen Vergleichen untermauern: Wie schon bei der Einführung von Dampfmaschinen, Elektrizität oder dem Internet profitieren nicht jene am meisten, die eine Technologie lediglich einkaufen. Den entscheidenden Vorteil erarbeiten sich diejenigen, die ihre gesamten Prozesse radikal an die neuen Möglichkeiten anpassen. Wir stehen exakt an diesem Punkt, und für (Bild-)Kreative ist dies die Aufforderung, KI nicht länger als einzelnes Werkzeug, sondern als das Fundament ihrer zukünftigen Arbeit zu begreifen – als eine Art kreatives Betriebssystem.

Vom Werkzeug zur Werkbank: KI als operatives Zentrum

Der Bericht von OpenAI macht deutlich, dass führende Unternehmen KI nicht als Add-on für bestehende Arbeitsabläufe implementieren. Sie bauen ihre Abläufe um die KI herum neu auf. Für den einzelnen Kreativen oder das kleine Studio mag der Begriff „Enterprise AI“ zunächst weit entfernt und überdimensioniert klingen, doch das Prinzip ist übertragbar. Die Frage lautet nicht: „Welches KI-Tool kann mir bei der Retusche helfen?“, sondern: „Wie kann ein integriertes KI-System meinen gesamten Prozess von der Idee bis zur finalen Auslieferung optimieren und qualitativ verbessern?“

Stellen wir uns diesen Wandel mal ganz praktisch vor. Ein Fotograf, der das Prinzip „KI als Betriebssystem“ verinnerlicht hat, beginnt ein Projekt:

  • Phase 1: Konzeption und Vorvisualisierung.
    Anstatt auf Moodboards aus Stock-Bildern zu setzen, füttert er eine Bild-KI wie ChatGPT oder Gemini mit seinem eigenen Portfolio und präzisen Beschreibungen, um maßgeschneiderte Konzeptbilder für den Kunden zu entwickeln. Er kann Varianten von Lichtstimmungen, Kompositionen und sogar Modellen durchspielen, lange bevor die Kamera überhaupt ausgepackt wird. Das eingebaute Sprachmodell dieser Tools (oder ein externes, wenn man etwa mit Midjourney arbeiten will) hilft dabei, aus einer vagen Idee ein detailliertes Shooting-Konzept mit Shot-Listen und Requisiten-Vorschlägen zu formulieren.
  • Phase 2: Produktion und Assistenz. Während des Shootings könnten KI-gestützte Werkzeuge in Echtzeit Feedback zur Bildkomposition geben oder automatisch erste Bildbewertungen und Sortierungen vornehmen, basierend auf Schärfe, Ausdruck und vordefinierten Kriterien. Das Culling von Tausenden von Bildern nach einem Event-Shooting wird von Stunden auf Minuten reduziert.
  • Phase 3: Postproduktion und Veredelung. Hier geht es weit über das simple Entfernen von Hautunreinheiten hinaus. Ein KI-Betriebssystem ermöglicht es, einen einmal definierten Bildlook konsistent auf eine ganze Serie von hunderten Fotos anzuwenden, wobei die KI die individuellen Lichtverhältnisse jedes einzelnen Bildes berücksichtigt. Komplexe Maskierungen, die früher stundenlange Handarbeit erforderten, werden in Sekundenbruchteilen erledigt. Für Composings können Hintergründe oder einzelne Elemente passgenau zum Licht und zur Perspektive des Vordergrundmotivs generiert werden. Vieles davon kann Photoshop schon heute, wenn man nicht auf Firefly als Engine setzt.
  • Phase 4: Archivierung und Distribution. Nach Abschluss der Bearbeitung verschlagwortet eine KI das Bildmaterial automatisch und treffsicher, formuliert suchmaschinenoptimierte Bildbeschreibungen und schlägt sogar die besten Formate und Ausschnitte für verschiedene soziale Netzwerke vor.

In diesem Szenario ist die KI kein einzelner Pinsel in Photoshop mehr. Sie ist die Werkbank, auf der alle Werkzeuge liegen und intelligent miteinander interagieren. Sie wird zum unsichtbaren Assistenten, der Routineaufgaben übernimmt und so den Kopf freimacht für das, was den Profi auszeichnet: die kreative Vision und die finale, meisterhafte Ausführung.

Die Kluft zwischen Anwenden und Meistern

Genau hier zeigt sich jedoch eine gefährliche Falle, auf die auch wir bei DOCMA immer wieder hinweisen: Der Glaube, die Fähigkeit zur Bedienung einer App mache einen bereits zum Experten, ist auch und gerade in Zeiten von KI ein Trugschluss. Der OpenAI-Report bestätigt indirekt diese Sorge. Die Unternehmen, die lediglich hier und da ein KI-Tool einsetzen, sehen kaum nennenswerte Produktivitätsgewinne. Die wahren Gewinner sind jene, die eine tiefgreifende Kompetenz in ihrem Team mitbringen und neue Kompetenzen im Umgang mit den KI-Systemen entwickeln.

Für den Bildschaffenden bedeutet das: Es reicht nicht, Midjourney mit einfachen Prompts füttern zu können. Die wahre Meisterschaft liegt in der Orchestrierung des gesamten Prozesses. Es geht darum, die Stärken und Schwächen verschiedener Modelle zu kennen, Sprach- und Bild-KIs miteinander zu verketten und die Ergebnisse kritisch zu kuratieren.

Die Kompetenzlücke klafft nicht zwischen denen, die KI nutzen, und denen, die es nicht tun. Sie klafft zwischen der flüchtigen Anwendung eines Filters und dem Aufbau eines robusten, persönlichen KI-gestützten Arbeitsablaufs.
Der Report ist somit ein Weckruf. Er fordert uns auf, über den Tellerrand der einzelnen Anwendung hinauszublicken. Die Auseinandersetzung mit der Frage, wie man ein persönliches „KI-Betriebssystem“ für die eigene kreative Arbeit aufbaut – man könnte es auch weniger dramatisch eine Sammlung von Workflows nennen –, wird in den kommenden Jahren über Erfolg und Misserfolg in der Kreativwirtschaft entscheiden. Wer jetzt beginnt, seine Prozesse fundamental neu zu denken und die KI als integralen Partner zu begreifen, wird nicht nur effizienter, sondern vor allem kreativer arbeiten können. Die Technologie übernimmt das Handwerk, damit wir uns endlich voll und ganz auf die Kunst konzentrieren können.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

5 Kommentare

  1. Ein wirklich interessanter Artikel, der in eine ganz andere Richtung als nur Angst zu machen nach dem Motto: „Die KI nimmt dem Fotografen die Arbeit weg.“
    Allerdings habe ich 2 Minifragen:
    Im viertletzten Absatz heißt es: die eine tiefgreifende Kompetenz in ihrem Them mitbringen …“ Das Wort „Them“ habe ich so noch nicht benutzt. Bin ich nur nicht up to date? Oder wäre „Bereich“ oder so was in der Richtung nicht verständlicher?
    Beim letzten Satz habe ich auch noch mal Verständnisschwierigkeiten: „Die Technologie übernimmt das Vogel vom Handwerk, damit wir uns endlich voll und ganz auf die Kunst konzentrieren können.“ Was meinen Sie mit „das Vogel“?

  2. glauben sie wirklich dass Punkt 1 -4 hilft bessere Kunst zu produzieren, weil man sich anscheinend mehr konzentrieren kann? KI wird für einen sehr sehr kleinen Teil der Medienschaffenden einen kreativen Boost bringen, für die Masse der vermeindlich Kreativen wird es eine Nivellierung in Richtung Mittelmaß bedeuten. wie bei der DTP Revolution wird die Menge des Durchschnitts zunehmen, mehr wird nicht passieren.

    1. Wo steht denn, dass es helfen soll „bessere Kunst“ zu produzieren. Das wäre tatsächlich völliger Blödsinn. Im letzten Satz steht der Begriff „Kunst“. Der ist aber im Sinne der umgangssprachlichen Abgrenzung zwischen Kunst und Handwerk gemeint. Die vier Punkte können helfen Kreativ-Projekte besser umzusetzen. Kreativ-Projekte sind aber nicht unbedingt Kunst, wobei natürlich Kunst auch aus Kreativ-Projekten entstehen kann 🙂

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