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Das 180-Megapixel-Phantom: Fortschritt oder ein Schreckgespenst?

180 Megapixel in einer Kamera sind für die meisten Fotografen so sinnvoll wie ein Lastwagen für den Weg zum Bäcker – technisch beeindruckend, praktisch grotesk. Wer braucht das? Außer Pixel-Peepern, Angebern und vielleicht dem Louvre vermutlich niemand. Moderne KI macht aus 24 Megapixeln ohnehin alles, was das Herz begehrt.

In den digitalen Korridoren der Fotowelt geistert gerade ein neues Gerücht umher, ein Flüstern, das sich zu einem vernehmlichen Rauschen steigert: Fujifilm soll an einer Kamera mit 180 Megapixeln arbeiten. Einhundertachtzig. Diese Zahl allein besitzt eine fast hypnotische Kraft, ein Versprechen von nie da gewesener Detailfülle und Schärfe. Sie klingt nach Zukunft, nach dem nächsten großen Ding. Doch bei genauerer Betrachtung, befreit vom Marketing-Nebel, entpuppt sich dieser angebliche Fortschritt als ein ein weiterer potenzieller Irrweg. Es ist die Verlockung einer technischen Superlative, die für die allermeisten Anwender in der Praxis nicht nur keinen nennenswerten Vorteil böte, sondern einen Rattenschwanz an Problemen und Kosten nach sich zöge, der jeden vernünftigen Workflow sprengt. Bevor wir uns also dem Sirenengesang der Megapixel hingeben, sollten wir einen kühlen Kopf bewahren und die Frage stellen: Wer, außer dem Marketing, profitiert wirklich davon?

Die Lawine der Folgekosten

Stellen wir uns den Arbeitsalltag mit einer solchen Kamera vor. Jedes einzelne Bild, eine unkomprimierte Rohdatei, würde mühelos die Marke von 200 Megabyte überschreiten. Ein kurzer Ausflug am Wochenende mit ein paar hundert Aufnahmen? Das sind schnell 40 Gigabyte an Daten, die nicht nur sicher auf die Festplatte, sondern auch zusätzlich ins Backup wandern müssen. Wer professionell arbeitet, weiß, was das bedeutet: Die Investition in die Kamera selbst ist nur der Anfang einer teuren Kaskade. Es braucht größere, schnellere Speicherkarten, deren Kapazität nicht nach der ersten Stunde erschöpft ist. Es braucht potentere Rechner mit massiv ausgebautem Arbeitsspeicher und den schnellsten Prozessoren, nur um diese Datenmonster flüssig sichten und bearbeiten zu können. Die heimische Festplattensammlung wächst zu einem kleinen Rechenzentrum im Keller an, und die Kosten für Cloud-Speicher und Backup-Lösungen explodieren. Dieser ganze finanzielle und technische Aufrüstung – für was? Für die Möglichkeit, das Nummernschild eines Autos am Horizont entziffern zu können, das für die Bildaussage vollkommen irrelevant ist? Die Relation zwischen Aufwand und Nutzen gerät hier in eine bedenkliche Schieflage.

Intelligenz schlägt Brute-Force-Auflösung

Die Krux an der ganzen Debatte ist: Die Notwendigkeit für derart gigantische native Auflösungen wird durch den Fortschritt in einem anderen Bereich längst untergraben: der künstlichen Intelligenz. Moderne Softwarelösungen zur Bildvergrößerung haben in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Programme wie Gigapixel von Topaz Labs oder Photoshops „Super Resolution“-Funktion sind heute in der Lage, aus einer grundsoliden 24- oder 45-Megapixel-Datei ein Ergebnis zu errechnen, das für einen großformatigen Druck oder eine extreme Ausschnittvergrößerung mehr als ausreicht. Diese Algorithmen analysieren Bildinhalte und fügen strukturelle Details hinzu, die so überzeugend sind, dass der Unterschied zu einer nativ höher aufgelösten Aufnahme oft nur im direkten Vergleich beim 400%-Pixelpeepen zu sehen sind. Es macht bestimmt Spaß, dann nach Artefakten zu suchen. Aber das muss man mögen. Der Bild sieht man den Unterschied nicht an – ganz gleich ob gedruckt oder in Instagram-Auflösung.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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