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Objektive mit Floating Elements

Floating Elements bezeichnen eine Linsengruppe innerhalb eines Objektivs, die abhängig von der Entfernungseinstellung zusätzlich bewegt wird. Diese Technik optimiert die Abbildungsleistung über den gesamten Entfernungsbereich. Davon haben zunächst Retrofokus-Weitwinkel profitiert, später vereinzelt auch Makroobjektive.

Die Konstruktion der ersten Weitwinkelobjektive für Spiegelreflexkameras mit 35 Millimeter Brennweite war bereits eine technische Herausforderung, über die im Blog hier berichtet wurde. Die Bildfehler im Nahbereich zu korrigieren, wurde mit abnehmender Brennweite immer schwieriger. Das 1967 präsentierte NIKKOR-N Auto 24mm f/2.8 zeigte optischen Aufbau (9/7) und verfügte erstmals über Floating Elements, von Nikon Close-Range-Correction (CRC) genannt und „eine der bedeutendsten Fokussierungsinnovationen“. Damit konnte auch die Naheinstellgrenze auf respektable 30 Zentimeter reduziert werden. In den Folgejahren stattete Nikon über 30 weitere manuelle Objektive mit CRC aus, darunter auch diese: 20/2.8, 35/1.4 und 85/1.4. Die Photosynthesis-Website listet sie übersichtlich auf, die letzte Spalte der Tabelle verzeichnet diese und weitere Features.

Floating Elements
Links das Nikon 28/3.5 von 1960. Sieben Jahre später stellte Nikon das erste 28er Weitwinkel mit Floating Elements vor. Eine Linsengruppe (grün) wird abhängig von der Fokusentfernung zusätzlich bewegt und optimiert die Abbildungsleistung im Nahbereich.

Die 1979 vorgestellte AiS-Version des Micro-Nikkor 55/2.8 nutzte als erstes Makroobjektiv CRC-Technik. Die Vorgängermodelle waren, wie für diese Gattung üblich, für den Nahbereich optimiert. Gemessen am Preis von rund 400 D-Mark ließ die Abbildungsleistung in der Ferne zu wünschen übrig – dafür soll ihr Bokeh harmonischer gewesen sein. Ein viel diskutiertes Thema, doch diese Unschärfe bleibt eine Bildeigenschaft von ästhetischer und damit subjektiver Natur.

Die neue Technik erforderte enorme mechanische Präzision. Foren-Berichte über schwergängiges Fokussieren, verölte Blendenlamellen und gescheiterte Reparaturversuche in Eigenregie sorgten für Unmut: Die komplexe Mechanik des Objektivs verlangt Schmierstoffe mit besonderer Viskosität, die aber nicht spezifiziert werden. Einerseits ist die Anzahl negativer Berichte im Verhältnis zu einer halben Million verkaufter Objektive ausgesprochen klein. Andererseits sind sie häufig pauschal ohne Angabe einer Seriennummer und erlauben keinerlei Eingrenzung auf Charge oder Alter. Was zusammen genommen dafür sprechen könnte, das Nikon eine Lösung für das Problem im Produktionsprozess gefunden hat. Immerhin war das Objektiv bis 2021 im Lieferprogramm.

Objektive mit Floating Elements
Der Altglas-Report (Teil IV) berichtet ausführlich über die bei der Entwicklung von Normalbrennweiten mit Lichtstärke F/1.2 und ihre technischen Highlights wie asphärische Linsen und Floating Elements. Dem Tomioka 55/1.2 ist ein eigenes Kapitel gewidmet, das auch die Ergebnisse des Colorfoto Vergleichstests von 1980 betrachtet.

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Bernd Kieckhöfel

Bernd Kieckhöfel hat einige Jahre für eine lokale Zeitung gearbeitet und eine Reihe von Fachartikeln zur Mitarbeiterführung veröffentlicht. Seit 2014 schreibt er für Fotoespresso, DOCMA, FotoMagazin sowie c't Digitale Fotografie.

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2 Kommentare

  1. Hallo Herr Kieckhöfel,

    die Altglas-Kolumne lese ich stets mit großem Interesse, danke für die Infos!
    Kann man sagen, wann die Printausgabe Ihres Werks wieder lieferbar sein wird?

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