Visueller Sündenfall im Heute Journal: Das ZDF, die KI und das generierte Drama

Es sind jene Momente, die das Vertrauen in die mediale Wirklichkeitsabbildung fundamental erschüttern. Mitten im seriösen Nachrichtenflaggschiff des ZDF, dem heute journal, flimmerten Bilder über den Schirm, die einen Einsatz der US-Einwanderungsbehörde ICE zeigten: eine Frau, zwei Kinder, Beamte in martialischer Pose. Die Szenen wirkten beunruhigend echt, doch sie sind eine Fälschung – generiert von der künstlichen Intelligenz „Sora“ von Open AI.
Die Redaktion hatte das Material als Symbolbild eingesetzt, die entscheidende Kennzeichnung als synthetisches Produkt jedoch unterschlagen. Was folgte, war nicht nur eine hastige Korrektur und eine halbherzige Entschuldigung, sondern die Offenbarung eines tiefgreifenden Problems: die schleichende Erosion der visuellen Glaubwürdigkeit durch technische Bequemlichkeit und redaktionelle Sorglosigkeit.
Die Tücke des technischen Details
Technisch ist der Vorfall eine Lehrstunde in Sachen prozessualer Nachlässigkeit. Die Kennzeichnung als KI-Bild, oft nur ein flüchtiges Metadatenfeld oder eine fragile Textebene, ging auf dem Weg vom Schnittplatz zur Sendeanstalt „verloren“. Ein alltäglicher Fehler in digitalen Arbeitsabläufen, könnte man meinen. Doch in einem Umfeld, das von der Prämisse der Authentizität lebt, ist ein solcher Fehler keine Lappalie, sondern ein systemisches Versagen. Er zeigt, wie anfällig die Sicherungsketten in den Redaktionen sind, wenn unter Zeitdruck gearbeitet wird und das Bewusstsein für die Brisanz synthetischer Medien noch nicht in der DNA des journalistischen Handwerks verankert ist. Sich auf die Technik zu verlassen, ohne die Prozesse abzusichern, ist ein Spiel mit dem Feuer und führt zu Reputationsverlust.
Der ethische Kern des Problems
Damit berühren wir den eigentlichen Kern des Problems, der weit über verlorene Metadaten hinausgeht. Synthetische Bilder haben in einer Nachrichtensendung schlichtweg nichts verloren, es sei denn, die Berichterstattung thematisiert explizit die künstliche Intelligenz selbst. Die Ethik der Berichterstattung verlangt, dass Bilder die Wirklichkeit abbilden – nicht ihre Simulation. Wer KI-Bilder als Symbolbilder für reale Ereignisse nutzt, spielt mit dem Feuer. Die Zuschauer verlassen sich auf die Authentizität der Bilder, gerade bei öffentlich-rechtlichen Sendern, die sich gern als Bollwerk gegen Fake News inszenieren. Wird diese Erwartung enttäuscht, leidet nicht nur das einzelne Format, sondern das Fundament des Vertrauens in die vierte Gewalt.
KI ist längst zur Waffe im Kampf um die visuelle Wahrheit geworden. Ob manipulierte Gesichter von Aktivisten, Deepfake-Pornos oder staatlich orchestrierte Bildkampagnen – die Möglichkeiten, mit wenigen Klicks die Wirklichkeit zu verbiegen, sind grenzenlos. Was früher die Domäne von Spezialisten war, ist heute für Hans und Franz mit ein paar Mausklicks erreichbar. Die Folge: Die „Liar’s Dividend“, ein Lügner-Bonus für alle, die ertappt werden – denn wenn alles gefälscht sein könnte, ist plötzlich nichts mehr sicher. Die visuelle Wahrheit wird zum Spielball von Technik, Ideologie und Bequemlichkeit.
Kein Einzelfall: Die inszenierte Wirklichkeit
Dieser Vorfall reiht sich nahtlos ein in eine Kette von Vorkommnissen, die das Vertrauen in die redaktionelle Unvoreingenommenheit der Öffentlich-Rechtlichen erschüttern. Erinnert sei an die „Framing“-Debatte bei der ARD, an manipulativ verkürzte Diagramme zur Darstellung von Wahlergebnissen oder an die sorgfältige Auswahl von Interviewpartnern und Studiogästen. Die zementieren in ihren Rollen als oft eher ein gewünschtes Meinungsbild als die gesellschaftliche Vielfalt abzubilden. Auch wenn es um die Auswahl von Themen und Experten geht, scheint die Welt oft nur aus Klimarettern, Gender-Aktivisten und Umverteilungsfreunden zu bestehen.

Immer wieder Gegenstand von Kritik ist auch die Gewichtung von Themen oder die Art, wie Proteste und politische Bewegungen dargestellt werden: Mal wird allzu sehr zugespitzt, dann wider geglättet, mal wird ein gesellschaftlicher Trend zum „Hype“ erklärt, dann ein Problem systematisch kleingeredet. Diese Tendenz zur inszenierten Wirklichkeit findet in der Nutzung von KI-Bildern ihre vorläufige technologische Krönung. KI ist längst zur Waffe im Kampf um die visuelle Wahrheit geworden.
Fazit
Die entscheidende Frage, die sich aus diesem visuellen Sündenfall ergibt, ist daher keine rein technische oder medienethische mehr, sondern eine zutiefst demokratische. Wenn die Reaktionen das brüchig gewordene Vertrauen in Institutionen weiterhin so leichtfertig verspielen, leisten Medien, die die Realität nicht abbilden, sondern lieber simulieren, der Spaltung der Gesellschaft Vorschub. Sie liefern denjenigen Munition, die der Presse pauschal Lügen vorwerfen, und verunsichern jene, die auf eine nüchterne, faktenbasierte Berichterstattung angewiesen sind. Erweist der öffentlich-rechtliche Rundfunk der Demokratie damit einen Dienst? Die Antwort kann nur ein klares Nein sein. Vielleicht ist es an der Zeit für eine radikale Rückbesinnung: mehr Demut vor der komplexen Wirklichkeit und weniger Haltungsjouralismus im „Ich-berichte-mir-die-Welt-wie-sie-mir-gefällt“-Stil.






„Auch wenn es um die Auswahl von Themen und Experten geht, scheint die Welt oft nur aus Klimarettern, Gender-Aktivisten und Umverteilungsfreunden zu bestehen.“ Vermutlich irre ich mich, aber mir scheint die Auswahl bei Themen und Experten vor allem aus Neoliberalen „wir müssen den Gürtel enger schnallen (also wir, nicht die Experten natürlich) und sachlich und fundiert argumentierenden Klimawissenschaftlern zu bestehen. Gender-Aktivisten kann ich mich an keinen einzigen erinnern. Warum diese Abwertung: Klimaretter, Gender-Aktivist und Umverteilungsfreund?
In der Tat: Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen werden Gesprächspartner aus einem breiten politischen Spektrum eingeladen; eine Bevorzugung der genannten Gruppen kann ich nicht erkennen. Selbst Vertreter einer Partei mit verfassungsfeindlichen Bestrebungen kommen immer wieder zu Wort.
Mich stört eher, dass sich die Öffentlich-Rechtlichen scheuen, offensichtliche Tatsachen klar zu benennen, so lange sie politisch umstritten sind. Aber Tatsachen sind eben Tatsachen, und wenn manche Menschen sie aus ideologischen Gründen bestreiten, darf man darauf nicht im Sinne einer vermeintlichen Ausgewogenheit Rücksicht nehmen. Irgendjemand hatte es kürzlich mal auf den Punkt gebracht: Wenn die einen sagen, dass es regnet, and die anderen das bestreiten, sollte sich ein Journalist nicht darauf zurückziehen, dass die Wetterlage umstritten sei – er soll gefälligst aus dem Fenster schauen und herausfinden, was stimmt.
„er soll gefälligst aus dem Fenster schauen und herausfinden, was stimmt.“
Das halte ich für einen Teil des Problems und nicht für die Lösung. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Erstens sieht er bei dem Blick nur, ob es bei ihm vor dem Fernster regnet und nicht, wie es im weiteren Umkreis aussieht. Da wäre es mir manchmal lieber, er würde stattdessen verschiedene Wetterdienste befragen und eine Gesamtlage für eine Region herausarbeiten. Der andere Aspekt, der bei der Suche nach der Wahrheit leicht unter die Räder kommt, ist der in unserer Branche aktuell sehr beliebte Aktivismus: Statt aus der Beobachtung heraus zu sagen „es regnet“, wird der Umstand des Regnens eingeordnet und dabei vor den Gefahren gewarnt. Dann wird aus einfachem Landregen schnell ein Bedrohungsszenario mittlerer Warnstufe.
Das war ein zur Veranschaulichung dienendes Beispiel, und wenn man es so wörtlich interpretieren will, müsste man hinzufügen, dass sich alle Aussagen auf dieselbe Situationen beziehen – und nicht auf eine andere irgendwo anders.
Aber es gibt ja auch konkrete Beispiele, die genau so passiert sind: Beispielsweise ist es in den Radio- und Fernsehnachrichten üblich, dass nach größeren Demonstrationen die von der Polizei veröffentlichte Teilnehmerzahl und bestenfalls zusätzlich die von den Veranstaltern genannte Zahl erwähnt wird. Nun gab es vor zwei Jahren (oder so) einen Fall, in dem von unabhängiger Seite tatsächlich mal auf Basis von Luftbildern nachgezählt worden war, und diese Zahl lag näher bei der Angabe der Veranstalter und war sogar noch höher. Im Sinne einer falschen Ausgewogenheit zwei Zahlen zu nennen und es dem Zuschauer zu überlassen, wem er glauben schenkt, ist falsch, wenn man die Wahrheit herausfinden kann. Es gibt auch Fälle, in denen die Wahrheit ohnehin offenkundig und leicht belegbar ist, etwa wenn Donald Trump mal wieder Unsinn verbreitet, aber seiner Darstellung trotzdem gleiches Gewicht beigemessen wird. Das ist keine Ausgewogenheit, sondern da werden dem Zuschauer wichtige Informationen vorenthalten.
Ausgewogenheit hat ihren Platz dort, wo es unterschiedliche Meinungen und Einschätzungen gibt („Sollte die Wehrpflicht wieder in Kraft gesetzt werden oder nicht?“), oder schlicht unterschiedliche Interessen („Sollte der Mindestlohn heraufgesetzt werden oder nicht?“).
Da wäre es besser jedes Bildmaterial mit dem Hinweis „Symbolbild“ zu versehen. Das würde klarstellen, dass es sich nicht um Dokumentarfotos oder -videos handelt. Es hat sich leider eingebürgert, dass geschriebenes und gesprochenes Wort unbedingt mit visuellen Reizen illusttriert werden muss. Das kann manchmal hilfreich und nützliche sein, führte jedoch auch zu einem unnötigen Zwang der zu nichtssagenden, fehlerhaften Präsentationen. Dank der omnipräsenten visuellen Überflutung in Medien sind die kaum beherrschbar. In allen Massenmedien wird Personal reduziert, das schlägt sich auch in der Qualität nieder. Es mag zwar opportun sein hier das ZDF niederzumachen, doch sitzen eigentlich alle Medienmacher in einem Boot, manche mit mehr, manche mit weniger Zeitdruck. Es ist ja ein alter Witz, dass regelmäßige Druckwerke wie Zeitungen und Zeitschriften besser nur informative Nachrichten drucken sollten und den Rest der Seiten einfach weiß, also unbedruckt, lassen sollten. Das gilt sinngemäß auch für Bluescreens.
Seit Seedance 2.0 traue ich nichts mehr im Internet und damit ist das Internet fast tot.
Kann es sein, daß auch hier positiv kritische Kommentare nicht veröffentlicht werden? Ich habe Herrn Künne für seinen außergewöhnlichen Beitrag eines Medienmenschen gelobt, finde den Kommentar aber nicht.
Ergänzen. Möchte ich diesen um die Expertenauswahl zur Ukraine : Kiesewetter und Masalla statt Kujat und von Dohnani und um die Bitte an Herrn Hussmann, einfach die Anzahl der Auftritte von Frau Herrmann von der Taz in Relation zu den übrigen Teilnehmern in politischen talkshows zu setzen. Er hat ja noch zählen und Addieren gelernt, vermute ich
Sie haben ja noch schreiben und absenden gelernt, vermute ich 🙂 Denn anders kommen die Kommentare bei uns nicht ins System. Ich kann keinen weiteren Betrag von Ihnen finden, Sie aber im Umkehrschluss trösten: Natürlich werden hier auch kritische Kommentare veröffentlicht. Zumindest solange sie sachlich bleiben und niemanden beleidigen.
In den letzten ein oder zwei Wochen haben Sie keinen Kommentar gepostet. Auch im Spam-Ordner und im Papierkorb ist keiner zu finden. Von daher kann ich ausschließen, dass ein Kommentar von Ihnen gelöscht worden wäre.
Kleiner Nachtrag: Der KI-Fake im ZDF geschah „wissentlich“ bei FAZ.net
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/medienpolitik/zdf-chefredakteurin-schausten-widerspruechlich-zum-ki-skandal-110843845.html