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Die Blick-Maschine: Wie Netflix-Logik die Fotografie zerlegt und neu zusammensetzt

Die Logik, die heute Netflix-Serien für abgelenkte Smartphone-Nutzer optimiert, erobert mit stiller Gewalt die Welt der Bilder. Was für Film und Fernsehen gilt, sickert unaufhaltsam in die Bildagenturen und Kreativabteilungen durch. Der entscheidende Augenblick, einst die heilige Kuh der Fotografie, wird dabei ersetzt durch das algorithmisch montierte Mosaik. Wir erleben die schleichende Verwandlung des Fotografen vom Komponisten zum Rohstofflieferanten und der Fotografie von einer Kunstform zur reinen Montagetechnik. Die Frage ist nur noch, wie lange es den Blick fesselt.

Netflix-Logik: Das Diktat der Daten

Den Anstoß für diese Entwicklung lieferten die Streamingdienste. Als Matt Damon und Ben Affleck kürzlich ihren neuen Netflix-Film bewarben, plauderten sie aus dem Nähkästchen der modernen Filmproduktion. Der Streamer, so Damon, habe darauf bestanden, einen Teil der Action an den Anfang des Films zu verlegen, damit die Zuschauer nicht sofort wegschalten. Zudem sei die Bitte geäußert worden, den Plot drei- bis viermal im Dialog zu wiederholen, „weil die Leute an ihren Handys hängen, während sie gucken“ . Was Damon beschreibt, ist die Kapitulation der Dramaturgie vor der geteilten Aufmerksamkeit. Die klassische Drei-Akt-Struktur wird geopfert, um im Kampf gegen die Berieselung durch soziale Medien zu bestehen.

Diese Tendenz zum Hörspiel, bei dem Figuren erklären, was ohnehin zu sehen ist, findet sich in zahlreichen Produktionen wieder. Dahinter steckt mehr als nur der Versuch, ein breites Publikum zu erreichen. Es ist das Ergebnis einer datengestützten Optimierung. Drehbuchautoren, die anonym bleiben wollten, berichten von detaillierten Vorgaben, die sich auf KI-gestützte Analysen von Zuschauerreaktionen stützen. Bei Testvorführungen werden die Gesichter des Publikums gefilmt und deren Mimik per KI ausgewertet, um zu bestimmen, welche Figuren, Gags oder Szenen am besten ankommen. Das Ziel lautet „Clarity“: Alles muss sofort verständlich, eindeutig und ohne Reibungsverlust konsumierbar sein. Das Tempo wird diktiert – „pacing, pacing, pacing“ – und alle paar Minuten muss etwas Neues passieren, um die flüchtige Aufmerksamkeit zu binden.

Die Montage-Utopie der Bildagenturen

Was aber bedeutet diese Entwicklung für die Fotografie, wenn wir sie konsequent zu Ende denken? Stellen wir uns eine Utopie vor, in der Bildplattformen nicht nur Suchanfragen auswerten, sondern über die Kameras der Endgeräte direkt die Rezeption ihrer Bilder messen können. Die Agentur der Zukunft weiß nicht nur, dass ein Kunde nach „glückliche Familie“ sucht; sie weiß durch Eye-Tracking, wie lange sein Blick auf dem Lächeln der Mutter verweilt, ob seine Pupillen sich beim Anblick des spielenden Kindes weiten und welche (Haut-)Farbpalette seine nachweislich höchste emotionale Resonanz erzeugt.

In dieser Welt ist ein Bild kein fertiges Werk mehr. Es ist ein Baukasten. Fotografen liefern bestenfalls noch die Einzelteile: Hände in allen Hauttönen und Posen, Gesichter mit hunderten graduierten Gefühlsausdrücken, Hintergründe für jede erdenkliche Stimmung. Die eigentliche Arbeit verrichtet die Montage-Maschine. Sie komponiert in Echtzeit für jeden einzelnen Betrachter das Bild, das nach dessen biometrischen Daten die maximale Wirkung verspricht. Der eine sieht die Familie am sonnigen Strand, weil warme Farben bei ihm eine positive Reaktion auslösen. Die andere bekommt dieselbe Familie vor einer urbanen Skyline präsentiert, weil ihr Blickverlaufsmuster eine Vorliebe für klare Linien und kühle Töne verrät. Das universelle Bild ist tot; es lebe das unendlich personalisierte Mosaik.

Der Algorithmus als Normalisierungsmaschine

Die Logik dahinter ist verführerisch effizient. Warum sollte man auf den einen, perfekten Moment hoffen, wenn die KI aus Tausenden von Versatzstücken eine Million statistisch optimierter Momente generieren kann? Das Ergebnis ist der „Gourmet-Cheeseburger“, von dem man bei Netflix spricht: etwas, das allen schmeckt, weil es den kleinsten gemeinsamen Nenner bedient. Doch Algorithmen sind nicht kreativ, sie sind Normalisierungsmaschinen. Gibt man einer KI unzählige Gesichter und lässt sie daraus neue generieren, werden die Ergebnisse von Generation zu Generation ähnlicher. Am Ende starrt einen die gespenstische Variation ein und desselben optimierten Lächelns an. Die Abweichung, das Charakteristische, das Unperfekte – all das wird als statistisches Rauschen eliminiert.

In dieser schönen neuen Bildwelt verliert die Fotografie ihre Fähigkeit zu überraschen, zu irritieren oder zum Innehalten zu zwingen. Sie wird zu einem reinen Funktionsmedium, dessen einziger Zweck die Maximierung der Verweildauer ist. Die Ironie dabei ist, dass die Jagd nach der perfekten, messbaren Wirkung genau das zerstört, was ein Bild unvergesslich macht: seine Einzigartigkeit. Die Verantwortung wird an „die Daten“ delegiert, und Intuition wird durch statistische Wahrscheinlichkeit ersetzt. Am Ende, so schrieb es schon der Drehbuchautor William Goldman, weiß niemand wirklich, was funktioniert. Doch die Feldversuche, die Formel des Erfolgs mit Geld und Daten zu knacken, gehen unermüdlich weiter.

Man ist versucht, die Frage des Festivalleiters von Cannes, Thierry Frémaux, auf unsere Branche zu übertragen. Er fragte, welche Regisseure durch Streamer entdeckt worden seien, und erntete Schweigen. Man möchte ergänzen: Nennen Sie mir einen einzigen wegweisenden Fotografen, der durch einen Algorithmus entdeckt wurde. Kennen Sie einen?

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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