
Kürzlich hatte Michael Hußmann hier von einem Retro-Prototyp mit Lichtschachtsucher berichtet, den Canon auf der CP+ präsentiert hat – technisch limitiert aber dafür ästhetisch aufgeladen. Doch statt echter Innovation bleibt es beim Lifestyle-Accessoire. Die Frage drängt sich auf: Warum wagt Canon nicht den Sprung ins Mittelformat sondern überlässt die Zukunft der Konkurrenz?
Die Kamera, die keiner braucht – und alle wollen?
Manchmal fragt man sich, ob die Kamerabranche heimlich von Nostalgikern unterwandert wurde, die ihre Kindheitserinnerungen an den Geruch von Lederetuis und das leise Klicken mechanischer Hebel in die Gegenwart retten wollen. Canon, bislang eher als nüchterner Technologiekonzern bekannt, hat nun einen Prototypen vorgestellt, der aussieht wie die kleine Schwester einer Hasselblad aus der 500-Serie – nur eben digital, mit Type-1-Sensor, manuellem Fokus und einem Lichtschachtsucher, der Erinnerungen an die goldene Zeit der Mittelformatfotografie weckt.
Doch was steckt wirklich dahinter? Ist das die große Rückkehr der analogen Seele – oder nur ein weiteres Spielzeug für die Vitrine der Instagram-Generation?
Historie: Die Magie des Lichtschachts – und ihr Missverständnis
Der Lichtschachtsucher war einst das Fenster zur Welt der Profis. Rolleiflex, Hasselblad, Mamiya – sie alle standen für kompromisslose Bildqualität, entschleunigtes Arbeiten und eine Nähe zum Motiv, die heute fast exotisch wirkt. Die Bauchnabelperspektive, das leise Arbeiten, die ständige Bildkontrolle – das war mehr als nur Technik, das war eine Haltung.
Doch Canon kopiert nur die Hülle, nicht den Kern. Die Magie der alten Lichtschachtsucher-Kameras lag im Mittelformat, in der Tiefe und Plastizität der Bilder, im bewussten Umgang mit jedem Bild. Der neue Prototyp hingegen bleibt ein Zitat, ein ironischer Kommentar zur eigenen Geschichte – und vielleicht auch zur Hilflosigkeit einer Branche, die nicht weiß, wohin sie will.
Markt: Retro-Trend oder Innovationsbremse?
Retro ist in. Fujifilm verkauft die X100VI schneller, als sie produziert werden kann. Nikon feiert mit der Zf ein Comeback der analogen Ästhetik. OM System und Pentax bedienen Nischen, die von Puristen und Sammlern geliebt werden. Doch alle diese Kameras verbinden das Beste aus zwei Welten: authentisches Design und moderne Technik.
Canon hingegen bleibt beim Äußeren stehen. Während Fujifilm mit der GFX-Serie zeigt, wie man Mittelformat und Retro-Feeling zu einer neuen Qualität verschmilzt, bleibt Canon im Kompaktformat gefangen. Die Konkurrenz setzt auf technische Exzellenz und emotionale Bindung – Canon auf Lifestyle und Nostalgie. Das ist, als würde man einen Oldtimer mit dem Motor eines Rasenmähers ausstatten: hübsch anzusehen, aber im Alltag chancenlos.
Warum kein Mittelformat? Die verpasste Gelegenheit
Die eigentliche Provokation liegt darin, was Canon nicht tut. Die Technik wäre da, das Know-how auch. Ein echtes digitales Mittelformat mit Lichtschachtsucher, modularen Objektiven und moderner Elektronik – das wäre eine Hommage an die Klassiker und ein Statement für die Zukunft. Doch Canon bleibt beim Spielzeug, während Fujifilm und andere die Latte längst höher legen.
Vielleicht ist es die Angst vor dem Risiko, vielleicht die Hoffnung, mit Retro-Designs die Herzen der Sammler zu gewinnen. Doch wer nur auf die Vergangenheit setzt, verpasst die Chance, die Zukunft zu gestalten.
Fazit: Form ohne Funktion, Stil ohne Substanz?
Canon liefert mit dem Prototypen eine Kamera, die aussieht wie ein Versprechen. Die großen Lichtschachtsucher-Modelle waren Ikonen, weil sie Technik und Ästhetik vereinten. Der neue Prototyp ist ein Symbol für eine Branche, die sich im Spiegel der eigenen Geschichte verliert.
Die Frage bleibt: Will Canon wirklich wieder Maßstäbe setzen – oder reicht es, so zu tun? Die Antwort gibt die Kamera selbst: Sie ist hübsch, sie ist retro, sie ist ein Spielzeug. Aber sie ist nicht das, was die Fotografie heute braucht.







