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KI-Histotainment: Warum selbst fehlerhafte KI-generierte Dokus eine Chance für die Wissensvermittlung sind

Man muss es gesehen haben, um die Kritik zu verstehen: George Washington marschiert durch eine Szenerie, die aussieht, als hätte ein fiebernder Träumer sie gemalt. Seine Hände wirken, als wären sie aus Knetmasse, seine Mitstreiter tragen mitunter zwei Hüte übereinander, und die Stimmen klingen, als hätte man einen Geschichtsprofessor durch einen Synthesizer gejagt. Die Rede ist von dem KI-Histotainment „On This Day… 1776“, einer mit künstlicher Intelligenz angefertigten Dokumentation über die amerikanische Revolution. Das ist zusammengefasst die Kritik, die im Netz eine Welle des Spottes auslöste. Die Kommentare reichen von amüsiert bis entsetzt; der Begriff „AI Slop“ machte schnell die Runde. Doch während sich die digitale Welt in den sozialen Medien an den surrealen Pannen ergötzt, übersieht sie möglicherweise eine viel tiefgreifendere Entwicklung: den unbeholfenen, aber bedeutsamen ersten Schritt in eine neue Ära der Wissensvermittlung.

Wenn Spott die eigentliche Botschaft verdeckt

Die Kritik an dem Werk ist in Teilen nachvollziehbar und in einigen Punkten berechtigt. Zumindest, wenn man ganz, ganz genau hinsieht. Die Animationen geraten teils ins „Uncanny Valley“, jenem unbehaglichen Bereich, in dem Figuren fast, aber eben nicht ganz menschlich wirken. Manche historische Details werden mit einer Lässigkeit ignoriert, die jeden Historiker zusammenzucken lässt. Das Ganze wirkt trotz dramatischem Ton etwas seelenlos, mechanisch und unfreiwillig komisch.

Dem detailverliebten Betrachter erscheint das Video als perfekte Manifestation aller Aspekte, die man in der künstlichen Intelligenz den Untergang des kreativen Abendlandes sehen könnte. Doch diese auf der Oberfläche verharrende Betrachtung greift zu kurz. Sie verwechselt die Kinderkrankheiten einer neuen Technik mit ihrem grundsätzlichen Potenzial. Denn was wir hier sehen, ist nicht das fertige Produkt, sondern eher der Prototyp einer völlig neuen Form des Erzählens.

Geschichte jenseits des geschriebenen Wortes

Seit Jahrhunderten ist die Vermittlung komplexer historischer Zusammenhänge untrennbar mit dem geschriebenen Wort verbunden. Wer nicht lesen kann oder will, für den bleiben die Türen zu diesem Wissen oft verschlossen. Schulbücher, Fachliteratur und selbst die Texte in Museen setzen eine gewisses Maß an Lesekompetenz und -bereitschaft voraus, die längst nicht mehr jeder mitbringt. Genau hier liegt die verborgene Stärke von Formaten wie „On This Day… 1776“. Sie transformieren abstrakte Informationen in ein audiovisuelles Erlebnis. Sie machen Geschichte sichtbar und hörbar, auch wenn die Ausführung noch mangelhaft ist. Für einen Menschen, der sich von einem längeren Text im Schulbuch abschrecken lässt, kann eine solche, wenn auch in Details fehlerhafte, Visualisierung der erste, neugierig machende Kontakt mit der Materie sein. Es ist ein niedrigschwelliges Angebot, das als Sprungbrett dienen kann, um tiefer in ein Thema einzutauchen. Die KI-generierte Doku ist in diesem Sinne nicht der Ersatz für das Buch, eine Ausstellung oder einen längeren Artikel, sondern dessen multimediale Vorstufe – ein bunt bebilderter Türöffner zur Welt des Wissens. Vergleichbar also weniger mit einem Fachaufsatz als vielmehr mit einer Comic-Adaption.

Die alte Angst vor dem neuen Medium

Selbstverständlich birgt solches KI-Histotainment Risiken. Die Möglichkeit, mit KI nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch gezielt Falschinformationen zu streuen, liegt auf der Hand. Wer wollte, könnte mit derselben Technik täuschend echte, aber komplett erfundene historische Szenarien komponieren und Propaganda in einem nie dagewesenen Ausmaß verbreiten. Doch ist diese Gefahr wirklich neu? Jedes Medium in der Geschichte der Menschheit wurde für Manipulation und Desinformation missbraucht. Die Fotografie wurde von Anfang an retuschiert, der Film diente totalitären Regimen als Propagandainstrument, und das gedruckte Wort verbreitet seit jeher Lügen ebenso wie Wahrheiten. Die Herausforderung liegt also nicht in der Existenz der Technik selbst, sondern in der Entwicklung einer kritischen Medienkompetenz im Umgang mit ihr. Wir müssen lernen, KI-generierte Inhalte als das zu erkennen, was sie sind: eine Interpretation, eine Konstruktion – und nicht die Realität selbst. Aber – und da muss man den Kritikern recht geben – die Gefahr dürfte bei dieser technischen Umsetzen wohl kaum bestehen.

Fazit: Eine Einladung zur Teilhabe am Wissen

„On This Day… 1776“ ist in seiner jetzigen Form kein Meisterwerk. Es ist ein fehlerhafter und technisch unausgereifter Versuch. Doch es ist ein Versuch, der uns zwingt, über die Grenzen traditioneller Wissensvermittlung nachzudenken. Statt uns im Spott über Gummihaut zu verlieren, sollten wir die darin liegende Chance erkennen: die Demokratisierung des Zugangs zu Wissen. Für Millionen von Menschen, die aus den verschiedensten Gründen einen Bogen um das geschriebene Wort machen, bieten solche visuellen Formate eine vielleicht faszinierende Alternative und in jedem Fall eine Einladung zur Teilhabe. Die Aufgabe besteht nicht darin, diese Entwicklung aufzuhalten, sondern sie kritisch zu begleiten und die notwendigen Fähigkeiten zu vermitteln, um zwischen einer gut gemeinten Vereinfachung und einer böswilligen Fälschung unterscheiden zu können. Die Revolution der Wissensvermittlung hat gerade erst begonnen – und sie wird mit Sicherheit besser animiert sein als ihre ersten Prototypen.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

Kommentar

  1. Historische Dokumentationen setzten ja schon immer auf Spielszenen, in der Annahme, dass es dem Zuschauer sonst zu langweilig würde. Da das Budget stets begrenzt war und man daher mit einer geringen Zahl von Laiendarstellern arbeiten musste, geriet es auch schon immer eher cringeworthy. Da liefen dann die immer gleichen 20 Leute als Wikinger, Legionäre oder napoleonische Soldaten durch das Bild, und die prägnantesten Gesichter durften ab und zu mal bedeutungsvoll in die Ferne schauen. Aus meiner Kindheit erinnere ich mich noch an die biblischen Geschichten, die, glaube ich, der Bayerische Rundfunk produziert hatte; da hatten sich dann Schauspieler einen Bart angeklebt und einen Umhang umgeworfen, um im Studio-Kanaan biblische Patriarchen zu spielen.

    Schlimmer macht es die KI heutzutage auch nicht. Aber ich hasse Spielszenen in historischen Dokumentationen ganz generell, egal ob nun oldschool geschauspielert oder mit KI generiert, denn sie sind nicht nur durchweg peinlich, sondern auch, was ihre Rolle in der Wissensvermittlung angeht, tendenziell irreführend und daher schädlich.

    Je weiter man in der Menschheitsgeschichte zurück geht, desto weniger Details sind uns über das Leben der damaligen Menschen bekannt, und für historische Dokumentationen ist das ein Problem. Die Wissensvermittlung durch Sprache hat eine wunderbare Eigenschaft: Man kann das sagen, was man einigermaßen sicher weiß, und über alles andere schweigen. Oder man sagt ausdrücklich, dass man auf manche Fragen noch keine eindeutige Antwort hat, dass es aber vielleicht zwei oder drei interessante Theorien dazu gibt. Spielszenen können das nicht. Wenn ich nicht genau weiß, wie die Menschen früherer Zeiten gekleidet oder frisiert waren, wenn ich nicht weiß, wie sie gejagt, gebaut oder was für religiöse Rituale sie ausgeführt haben, dann kann ich das trotzdem nicht in Bühnennebel hüllen; ich muss es zeigen. Ich muss mir also irgendetwas ausdenken, das aller Wahrscheinlichkeit mehr oder minder falsch ist. Dem Zuschauer ist das jedoch nicht klar; er denkt, es sei genau so gewesen, wie es die Dokumentation – es ist ja schließlich eine Dokumentation und kein Spielfilm – gezeigt hat.

    Aktuell schaue ich mir auf YouTube viele Videos von Alex Tseitlins Kanal „Kedem“ an, dessen Thema die Vor- und Frühgeschichte des Nahen Ostens ist (https://www.youtube.com/@KEDEMChannel). Tseitlin interviewt darin internationale Fachwissenschaftler, also etwa Historiker und Archäologen, und die Gespräche werden lediglich durch dazwischen geschnittene Illustrationen wie Landkarten und dergleichen aufgelockert. Aber wenn man sich wirklich für das jeweilige Thema interessiert, kann man dadurch vieles erfahren, das man noch nicht wusste, von denen, die an der Front der wissenschaftlichen Forschung stehen. Wozu auch gehört, dass Alex Tseitlin als Interviewer und damit als Vertreter des Zuschauers die richtigen Fragen stellt.

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