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Der dicke Leonardo

Der 500. Todestag Leonardo da Vincis am 2. Mai 2019 ist ein passender Anlass, sich – wieder einmal – mit diesem Künstler zu beschäftigen. Eine hervorragende Basis dafür bietet der günstige Bildband des Taschen Verlages – der dicke Leonardo mit allen Gemälden und Zeichnungen kostet in der verkleinerten Version nur noch ein Viertel des ursprünglichen Preises.

Der dicke Leonardo
Der dicke Leonardo – das Cover der deutschen Ausgabe

Ein halbes Jahrtausend ist es her, seit der italienische Maler, Zeichner, Ingenieur, Erfinder, Wissenschaftler, Anatom – kurz, der Prototyp des vielseitigen Renaissance-Genies, gestorben ist. Angeblich in den Armen des französischen Königs Franz I. auf Schloss Clos Lucé in Amboise. Seine Mona Lisa gilt seit langem als das wichtigste Gemälde der Kunstgeschichte. Wäre sie es gewesen, die vor wenigen Tagen in Paris verbrannt ist, wäre das Entsetzen in aller Welt wahrscheinlich noch größer gewesen als das nach der Zerstörung von Notre Dame.

Der Vitruvianische Mensch wurde auf Millionen Euromünzen geprägt, sein Cenacolo (Das letzte Abendmahl) gilt als eines der meistreproduzierten religiösen Gemälde aller Zeiten.

Der Umfang seines malerischen Werkes kann es nicht sein, welcher seinen Ruhm begründet hat. Vergleichsweise wenige Werke von ihm sind überliefert, und auch, wenn er ein paar mehr geschaffen haben sollte als jene wenigen, die ihm heute eindeutig zugeschrieben werden: Sehr umfangreich war sein malerisches Oeuvre jedenfalls nicht. Dafür aber wegbereitend.

Das mag nicht nur daran gelegen haben, dass er mit seinen Bildern nie zufrieden war und daher nicht zu Ende kam – er hatte zwischendurch ja auch noch anderes zu tun. Nicht nur ein paar philosophische Traktate schreiben oder Anatomiestudien an Leichen vornehmen, Wasserstrudel beobachten und Fluggeräte erfinden, sondern im Rahmen seiner Ingenieurstätigkeit, der allerlei weitere phantastische – und oft erst sehr viel später realisierte – Maschinen entsprangen, sondern leider auch grässliche Kriegsgeräte, mit deren Entwürfen er sich bei den nicht nur kunstsinnigen Herrschern seiner Zeit bewarb. Frühe Panzer etwa, oder Gerätschaften, die feindliche Soldaten in Stücke zersicheln sollten, nur sollten – gebaut worden sind sie zum Glück nie.

Der dicke Leonardo – das Gesamtwerk mit hilfreichen Texten

Das Gesamtwerk Leonardos in einem kompakten Band zu begutachten ist für Kunstinteressierte sicherlich eine wünschenswerte Sache. Klar, ich weiß, mit Photoshop und Bildbearbeitung hat das wenig zu tun. Aber es ist immer hilfreich, über den Tellerrand zu schauen. Das betrifft nicht nur unser soziales und politisches Umfeld, sondern ebenso unsere künstlerischen Vorläufer. Und dieser Band von Frank Zöllner ist mit seinen kompetenten Kommentaren zum Gesamtwerk – das alle Gemälde (auch die verlorenen) und Zeichnungen umfasst – das am besten geeignete Werk für einen umfassenden Überblick über Leonardos Schaffen.

Diese aktualisierte Jubiläumsausgabe zum 500. Todestag Leonardos bietet den bislang vollständigsten Überblick über sein Leben und Werk. In zahlreichen ganzseitigen Details kann der Leser die feinsten Facetten der Pinselstriche, die die Kunst revolutionierten, buchstäblich unter die Lupe nehmen.

Der Katalog zum grafischen Werk ordnet fast 700 Zeichnungen nach Kategorien (Architektur, Technik, Anatomie, Kartographie usw.) und stellt Leonardos unvergleichliche Beobachtungsgabe in den Vordergrund – von anatomischen Studien über komplexe Baupläne bis hin zu Baby-Porträts.

Der begleitende Text über Leonardos Leben und Werk geht besonders detailliert auf die Meisterwerke Die Verkündigung und Das letzte Abendmahl ein. Ebenfalls enthalten ist ein neues Vorwort von Frank Zöllner, das eigens für diese Ausgabe erweitert wurde und die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Leonardos Werk berücksichtigt, sowie die Geschichte hinter dem eindringlichen Salvator Mundi erzählt, dessen Versteigerung die Rekordsumme von rund 400 Millionen Euro erzielte.

Der dicke Leonardo
Der dicke Leonardo – Details vieler Gemälde zeigt der Band in starker Vergrößerung

Der dicke Leonardo – kleiner, aber nicht weniger fein

Als ich 2003 die ursprüngliche Ausgabe kaufte, musste ich noch fast das Vierfache, nämlich 150 Euro, dafür ausgeben. Der Anfang Mai erscheinende Jubiläumsband kostet trotz seines erweiterten Umfangs nur noch 40 Euro. Die Originalausgabe war allerdings mehr als doppelt so groß, so dass sich Pinselstriche in starken Vergrößerungen oder einzelne Federstriche der Zeichnungen wesentlich genauer betrachten ließen. Aber auch die Jubliäumsausgabe hat noch immer ein recht ordentliches Format  von 22 × 26 cm.

Das Layout ist nicht ganz so großzügig wie damals; die Texte wurden neu gesetzt, da sie wohl bei einer schlichten Verkleinerung nur schwer lesbar geblieben wären. Papier- und Druckqualität sind, wie stets bei diesem Verlag, auch hier hervorragend.

Bevor Sie sich diese Jubiläumsausgabe zulegen oder sie verschenken, schauen Sie aber erst einmal im Bücherschrank nach. Neben dem gewaltigen Original gab es in den folgenden Jahren etliche verkleinerte Sonderausgaben, mal vollständig, mal gekürzt. Die neue ist, wie erwähnt, ungekürzt und wurde sogar um neuere Forschungsergebnisse und Abbildungen erweitert.

Der dicke Leonardo
Der dicke Leonardo – auch seine Zeicnungen werden hir vollständig dokumentiert

Der dicke Leonardo – auch für Bildbearbeiter ein MUSS

Sollten Sie jedoch in einem Haushalt leben, in dem unverzeihlicherweise keine der genannten Ausgaben im Bücherschrank zu finden ist, so nehmen Sie diesen Text als dringende Aufforderung, umgehend die nächste Buchhandlung aufzusuchen und den Band zum 500. Todestag Leonardos nach Hause in Sicherheit zu bringen!

Gegenüber dem gewaltigen Original weist er sogar etliche Vorzüge auf: Sie können ihn ganz allein aus dem Regal heben, bei Bedarf ohne anatomische Folgeschäden auf den Knien lesen oder die Bilder bewundern, und wenn Sie ihn dabei auf dem Tisch liegen haben, müssen Sie nicht mehr befürchten, dass dieser unter der Last zusammenbrechen könnte.

Frank Zöllner: Leonardo, Sämtliche Gemälde und Zeichnungen. Taschen Verlag 2019. 704 Seiten, gebunden, 40 Euro.

Ach ja … und schöne Ostern von der DOCMA-Redaktion!

Der dicke Leonardo
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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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Kommentar

  1. Die grässliche Montage „500.“ auf einer Seite mit Reproduktionen von Bildern da Vincis ist ein Faustschlag mitten ins Gesicht. Eine so furchtbare Montage reicht ja nicht mal für einen billigen Werbeflyer. Da nichts, von Perspektive bis Tonwerten stimmt, erspare ich mir ein Zerpflücken der Grausamkeit.
    Ein Grund zum Schämen. Wie kann so ein Bild in DOCMA Platz finden????

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