Sonnenkraft im Stahlhelm-Look: Wie KI-Memes die Bildsprache der Energiewende aufmischen

Zwischen Solarzellen und Frakturschrift: Warum sich die KI-Meme-Kultur plötzlich für grüne Energie interessiert – und was das für Bildprofis bedeutet. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die Ästhetik vergangener Propagandaplakate ein Comeback im Dienst der Energiewende feiern würde? Seit einigen Wochen kursieren in den sozialen Netzwerken Motive, die auf den ersten Blick an die Bildsprache der Dreißigerjahre erinnern: kernige Typen, entschlossener Blick, im Hintergrund Windräder und Solarfelder, darüber Slogans wie „DEUTSCHER STROM“. Doch statt alter Ideologie geht es um erneuerbare Energie – und um die Frage, wie weit man mit KI-generierten Bildern und ironischer Brechung tatsächlich kommt, wenn man die gesellschaftliche Mitte für grüne Themen gewinnen will.

Heimatstrom: Memes zwischen Ironie und Identität
Der Begriff „Heimatstrom“ steht nicht für einen Stromanbieter, sondern für eine Meme-Kampagne, die Ende März 2026 auf Reddit Fahrt aufnahm. Ins Leben gerufen wurde sie von Dara Sasmaz, dem auch sonst nicht immer geschmackssicheren Social-Media-Berater der Linkspartei. Gemeinsam mit anderen Akteuren gründete er das Forum „Freiheitsfront“, das inzwischen über 160.000 Mitglieder zählt. Ziel ist es, mit massenhaft KI-generierten Bildern die Plattformen zu fluten und so die politische Mitte zu erreichen. Ein Ansatz, der sich bewusst von klassischer linker Theorie und Praxis absetzt.
Die Motive bedienen sich gezielt der Bildsprache rechter und völkischer Bewegungen: Frakturschrift, Familienidyll, Schwarz-Rot-Gold, aber statt des deutschen Waldes stehen nun Photovoltaik-Anlagen und Windparks im Mittelpunkt. Die Ironie ist gewollt, doch die Grenze zwischen Parodie und Affirmation bleibt unscharf. Sasmaz und seine Mitstreiter setzen dabei laut Berichten auf KI-Generatoren wie Grok, Midjourney oder Stable Diffusion. Während Grok international für kontroverse Bildausgaben bekannt ist, gibt es bislang keine öffentlich belegten Beispiele, dass gerade Grok die deutschen Retro-Motive für „Heimatstrom“ tatsächlich produziert hat. Die Berichte sprechen aber von einer breiten Nutzung KI-basierter Tools.

KI-Bildgeneratoren: Werkzeug oder Weltanschauung?
Für Bildprofis stellt sich die Frage, wie neutral die Technik wirklich ist. Roland Meyer, DIZH-Bridge-Professor für Digital Cultures and the Arts an der Universität Zürich und der ZHdK, warnt: Generative KI sei „kein politisch neutrales Werkzeug“, sondern „in ihrer derzeit von diesen großen Firmen vorangetriebenen kommerziellen Form eingebunden in ein politisches Projekt des rücksichtslosen Extraktivismus und der schrankenlosen Expansion“, wie er auf der re:publica 2025 betonte. Die KI verstärkt Klischees, reproduziert nostalgische Sehnsüchte und macht sich damit anschlussfähig für rechte Bildpolitik – auch wenn die Motive diesmal für grüne Anliegen eingesetzt werden.
Meme-Kultur als politisches Minenfeld
Ob Memes grundsätzlich „rechts“ sind, ist eine Debatte, die längst selbst zum Meme geworden ist. Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich hat darauf hingewiesen, dass der Satz „The Left can’t Meme“ inzwischen ein popkulturelles Schlagwort ist, das die Unsicherheit linker Akteure im Umgang mit der Meme-Ästhetik spiegelt. In seinem Buch „Memokratie“ analysiert Ullrich, wie Memes als Machtinstrumente und Polarisierungswerkzeuge funktionieren – und wie schwer es der politischen Linken fällt, darauf zu reagieren, ohne den Stil der Rechten zu kopieren. Wer rechte Codes übernimmt, läuft seiner Ansicht nach Gefahr, ihre emotionale Sprengkraft zu unterschätzen. Der Begriff „hilfloser Antifaschismus“, der diese Problematik beschreibt, stammt übrigens nicht von einem Influencer, sondern vom marxistischen Philosophen Wolfgang Fritz Haug, der ihn bereits 1967 prägte.
Rechte Gegenoffensive: Wilhelm Kachel und die neue Bildfront
Die rechte Szene bleibt nicht untätig. Mit Projekten wie „Wilhelm Kachel“, einem AfD-nahen Meme-Kanal, der eng mit Tannwald Media und der Identitären Bewegung verbunden ist, werden ebenfalls massenhaft KI-generierte Motive verbreitet.

Hier dominieren klassische Arbeiterästhetik, heroische Körper und nationalistische Symbolik, alles produziert mit Tools wie Midjourney und DALL-E. Die Bildwelt ist zum Schlachtfeld geworden, auf dem sich linke Ironie und rechte Ernsthaftigkeit gegenseitig belauern.
Politik und Symbolik: Wenn Strom zur Identitätsfrage wird
Im politischen Alltag ist die Lage so aufgeladen wie das Stromnetz an einem windigen Hochsommertag. Katherina Reiche, CDU-Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, bremst die Energiewende, setzt auf neue Gaskraftwerke und zeigt sich skeptisch gegenüber ambitionierten Ausbauzielen für Erneuerbare. Währenddessen versuchen Meme-Kampagnen wie „Heimatstrom“, die Energiewende mit Heimatgefühlen aufzuladen und so neue Zielgruppen zu erreichen. Doch ob das gelingt oder nur alte Gräben neu ausleuchtet, bleibt offen.
Fazit: Zwischen Bildwitz und Bildmacht
Für Bildermacher ist die aktuelle Welle der KI-Memes ein Lehrstück in Sachen Bildpolitik. Wer mit KI und Retro-Ästhetik spielt, sollte sich der historischen und emotionalen Aufladung dieser Motive bewusst sein. Die „Heimatstrom“-Kampagne zeigt, wie schnell sich politische Symbole entleeren und neu aufladen lassen. Während die Herkunft unseres Stroms diskutiert wird, bleibt die Herkunft unserer Bilder oft im Dunkeln.




Ich finde die Kampagne genial. Sie versucht gar nicht, die „gesellschaftliche Mitte“ anzusprechen; ihre Zielgruppe sind vielmehr Anhänger nationalistischer Parteien wie der AfD.
Die Idee dahinter war sicherlich, die inneren Widersprüche solcher Parteien offenbar zu machen. Seltsamerweise zeigen Parteien wie die AfD ja eine starke Affinität zu autokratischen Herrschern fremder Nationen, lassen sich von ihnen unterstützen und plädieren dafür, uns von ihnen abhängig zu machen. Wenn sie aber deutsche Interessen über alles stellen würden, wie sie es vorgeben, müssten sie gegenüber beispielsweise Putin und Trump Distanz halten, die uns doch als Mitbewerber im Welthandel aber auch aus rein ideologischen Gründen zu schaden trachten, wenn sie nicht gar – wie Putins Russland – seit Jahren einen hybriden Krieg gegen Deutschland führen. Die vermeintlichen Patrioten erweisen sich so als Vaterlandsverräter, um in deren Diktion zu bleiben.
Diese Kampagne nimmt nun die Idee auf, die Politik – in diesem Fall die Energiepolitik – nach nationalen deutschen Interessen auszurichten, und empfiehlt daher, statt russischem Gas und russischen Kernbrennstäben die Energie zu nutzen, die in Deutschland verfügbar ist: Sonne und Wind. Die verwendete Bildsprache knüpft an die nationalistischer Bewegungen der Vergangenheit an, womit die Kampagne sowohl von ihren Zielen als auch von ihren Mitteln her bei nationalistisch denkenden Deutschen anschlussfähig sein sollte. Bloß steht diese Empfehlung in krassem Gegensatz zu den Forderungen der AfD, was die kognitive Dissonanz auf die Spitze treibt: Was soll der nationalistische Wähler tun, wenn die Verfolgung deutscher Interessen das eine nahelegt, die Partei, die vorgibt, für deutsche Interessen einzustehen, aber etwas ganz anderes?
Dabei sieht die Kampagne davon ab, sich gegen irgendwelche Gruppen zu wenden und Fremde auszugrenzen, wie es für rechte Kampagnen sonst charakteristisch ist. Wenn wir die Sonne nutzen, die in Deutschland scheint, und den Wind, der in Deutschland weht, nehmen wir ja niemandem etwas weg, und auch uns kann niemand diese Energiequellen wegnehmen. Die Plakatmotive zeigen ausschließlich positive Situationen, statt Ängste zu schüren. Sie fördern damit eine Art gutartigen Nationalismus, der intellektuell zwar zu wünschen übrig lässt – man sollte schon über den nationalen Tellerrand hinaus schauen –, aber auch keinen Schaden anrichtet.
Dahinter steht eine Idee wie beim Judo, nämlich die Energie eines Angreifers so umzulenken, dass sie ihn selbst zu Fall bringt. Die Kampagne zeigt, dass eine nationalistische Ideologie, konsequent zu Ende gedacht, etwas ganz anderes nahelegt als das, was die nationalistischen Parteien fordern.
Wieder mal wunderbar getroffen. Vielen Dank!
Danke. Ich stimme vollkommen zu.
Ich lese die ersten zwei Bilder „Deutscher Strom“ anders. Es ist die Decouvrierung einer übersteigerten Solar- und Windstrompolitik als nationalistisches Autarkiestreben: Mit den Mitteln einer satirischen Polit-Plakatkunst, wie es zB ein Klaus Staeck meisterhaft beherrschte. Das letzte Bildbeispiel überzeugt weniger, vielleicht weil die plakatierte „Arbeiterästhetik“ für mich als Betrachter schlecht erkennbar ist. Ich mag zu wenige Bildbeispiele aus China oder Nordkorea kennen.
Die reale Energiewende entsprang ja zumindest bisher keinem nationalistischen Autarkiestreben, sondern sollte den globalen Klimawandel bremsen, so dass es in dieser Richtung nichts zu karikieren gab. Und die Zielgruppe dieser Kampagne sind eben Leute, die das idealerweise zum unironischen Nennwert nehmen.
Man könnte also sagen, dass die Kampagne auf Menschen zielt, die eher wenig Humor haben, während es bei Klaus Staeck gerade anders herum war – er bekam Probleme mit Leuten, die einwandten, „Welche Arbeiter haben denn Villen im Tessin?“, also den Witz nicht verstanden hatten. (Doch doch, die gab es; jedenfalls hat Staeck es so erzählt.)
Das letzte Motiv ist ja auch „echt“. Wie der Text schon sagt, es kommt aus dem AFD-nahen Umfeld des Wilhelm Kachel Projekts.
Ich finde großartig, gleichzeitig
– eine positive Zukunft(smöglichkeit) zu zeigen,
– „Nationalisten aus falschen Gründen“ ohne Kleider dastehen zu lassen
und dabei auch noch
– niemand negativ zu bewerten.
Das ist große Kunst der Kommunikation.