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Alliance, Infinity, Love

Triennale der Photographie Hamburg 2026

Die Hamburger Triennale der Photographie hat traditionell oft politische Themen, und für ihre neunte Ausgabe wurde das kuratorische Gesamtkonzept mehr aus theoretischen Konstrukten als ausgehend von den Bildern entwickelt. Das heißt jedoch nicht, dass es an den 11 Ausstellungsorten, erweitert durch 15 weitere Projekte der Triennale Expanded, keine spannende Fotografie zu sehen gäbe.

Das Kuratorenteam der 9. Triennale der Photographie, zusammen mit Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda

Trotz aller Theorielastigkeit war Mark Sealy, der künstlerische Leiter der Triennale 2026, zunächst von einem ganz schlichten Vers aus dem Nat-King-Cole-Song Nature Boy von 1948 ausgegangen: „The greatest thing you’ll ever learn / is just to love and to be loved in return“. eden ahbez, Texter und (was umstritten ist) Komponist des Songs, war ein Hippie avant la lettre, der einer von der Wandervogel-Bewegung inspirierten Naturmensch-Philosophie folgte. Das Triennale-Motto Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other, gleichzeitig Titel der zentralen Ausstellung in der Halle für aktuelle Kunst der Deichtorhallen, ist daraus abgeleitet. (Nebenbeibemerkt sind solche musikalischen Referenzen ein geschickter Move, um den Kultursenator Carsten Brosda für sich zu gewinnen.)

Auf der Pressekonferenz zur Eröffnung der Triennale: Dirk Luckow (Intendant des Haus der Photographie), Carsten Brosda (Senator für Kultur und Medien), Annette Schäfer (Moderation), Mark Sealy (Künstlerischer Leiter), Bettina Freimann (Projektleitung) und Cale Garrido (Kuratorin)

Alliance wird als die Kraft der Verbundenheit durch die Anerkennung der Unterschiedlichkeit erklärt, aber man könnte es auch einfach Solidarität nennen. Infinity bezieht sich natürlich nicht auf die Fokussierung, sondern steht für den unendlichen Raum der Möglichkeiten des Menschen, sich auszudrücken. Mit Love ist nicht so sehr die romantische Liebe und eher schon das Begehren gemeint, vor allem aber die Überwindung von Entfremdung – Umarmungen für alle, die sie bitter nötig haben. Zur theoretischen Untermauerung verweisen Mark Sealy und sein Team unter anderem auf Emmanuel LevinasTotalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität (1961), bell hooksAlles über Liebe – Neue Sichtweisen (2000) und Édouard Glissants Philosophie der Weltbeziehung. Poesie der Weite (2009).

Glissant beispielsweise hat ein Recht auf Opazität formuliert, auf das sich die Kuratoren ausdrücklich beziehen: „Nicht alles muss gesehen, übersetzt oder erklärt werden“. Das soll aber nicht vom Besuch der Ausstellungen abhalten, auch wenn man vielleicht nicht alle 11 sowie die Projekte der Triennale Extended schaffen wird – es gibt ein vergünstigtes Triennale-Ticket für 35 Euro, mit dem man sämtliche teilnehmenden Ausstellungsorte besuchen kann.

Wer sich nicht mit Theorie belasten mag, kann sich auch einfach der Wirkung der rund 500 Bilder allein in dieser zentralen Ausstellung hingeben. Angesichts der Breite des gezeigten Spektrums kann man das Spotlight nur auf wenige Beispiele richten.

Gleich zu Beginn stößt der Besucher auf eine Serie der Mexikanerin Teresa Margolles, die in Ciudad Juárez transsexuelle Sexarbeiterinnen auf den Tanzböden zerstörter Clubs fotografiert hat. Der systematische Abriss der Clubs, die Schutzräume gegenüber dem organisierten Verbrechen ebenso wie Übergriffen der Polizei gewesen waren, hat auch die Lebensgrundlage der Sexarbeiterinnen zerstört.

Teresa Margolles: Sansara, pista de baile del club „Irma’s“ (2016)

Eikoh Hosoe begann seine fotografische Karriere im Japan der Nachkriegszeit und wurde dort zu einem führenden Vertreter der künstlerischen Avantgarde. Für seine Serie Barakei – Ordeal by Roses arbeitete er mit dem Schriftsteller Yukio Mishima zusammen, der sich später dem Faschismus und dem japanischen Kaiserkult zugewandte und nach einem fehlgeschlagenen Staatsstreich 1970 durch Seppuku starb.

Eikoh Hosoe: Aus der Serie Barakei – Ordeal by Roses (1963)

Wenn der Volksmund von Voodoo spricht, handelt es sich um eine Reihe afroamerikanischer Kulte, die auf die Religion der nigerianischen Yoruba zurückgehen. Durch die Verschleppung von Westafrikanern nach Mittel- und Südamerika gelangte sie unter anderem nach Haiti, Kuba und Brasilien, wo sie bis heute, teilweise mit dem katholischen Christentum amalgamiert, lebendig ist. Der brasilianische Fotograf Mário Cravo Neto praktizierte den Candomblé (wie dieser Kult dort heißt) selbst und ließ sich dadurch zu seiner in den 1980er und 1990er Jahren entstandenen Serie The Eternal Now inspirieren.

Mário Cravo Neto: Aus der Serie The Eternal Now (1980er/90er Jahre)
Mário Cravo Neto: Aus der Serie The Eternal Now (1980er/90er Jahre)

Die Bilder aus der Serie Being There von Lee Shulman (Großbritannien) und Omar Victor Diop (Senegal) scheinen auf den ersten Blick die Welt der USA in den 50er und 60er Jahren zu zeigen, überraschenderweise frei von der damals noch streng durchgesetzten Rassentrennung, denn in den Schnappschüssen aus Urlaub und Alltag präsentieren sich schwarz und weiß gemischte Familien der Kamera. Tatsächlich handelt es sich um von Lee Shulman gesammelte Fotos anonymer Amateurfotografen, in die sich Omar Victor Diop auf dem Wege der Montage so überzeugend hineingeschmuggelt hat, dass die Illusion eines gesellschaftlichen Fortschritts entsteht, der in der US-amerikanischen Realität bis heute nicht vollständig verwirklicht ist.

Lee Shulman & Omar Victor Diop: Aus der Serie Being There (2023)

Sandra Brewster hat in ihrer Serie Take a Little Trip (2021) Gel-Transfers von Fotos ikonischer Persönlichkeiten wie Josephine Baker, Toni Morrison, Claudia Jones und Salome Bey angefertigt, die sie inspiriert haben.

Sandra Brewster: Aus der Serie Take a Little Trip (2021)

Tyler Mitchell druckt manche seiner Fotos großformatig auf Spiegelglas, um auf diese Weise auch den Betrachter mit in das Bild zu holen.

Tyler Mitchell: Don’t give me no itty bitty tub, I need the whole entire complete deep blue sea! (2022)

Arlene Gottfried aus Brooklyn (USA) lernte 1984 den Tänzer Midnight kennen, woraus eine viele Jahre und bis zu seinem Tod andauernde Freundschaft entstand. Midnight litt an paranoider Schizophrenie und musste sich nach mehrfachen Aufenthalten in Krankenhäusern und Gefängnissen immer wieder eine Existenz aufbauen, wobei ihn Arlene Gottfried als enge Freundin begleitete und sein Bemühen um ein selbstbestimmtes Leben fotografisch dokumentierte.

Arlene Gottfried: Aus der Serie Midnight (1984–2003)

Grönland war jüngst aufgrund imperialistischer Ansprüche der USA in den Schlagzeilen, aber die indigene Bevölkerung der Inuit muss sich schon seit Jahrhunderten gegen Übergriffe der Kolonialmacht Dänemark erwehren, was zu den Themen des Grönländers Innuuteq Storch zählt. In zwei Tableaus stellt er Fotografien des Dänen John Møller, der vom Ende des 19. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts Kolonialbeamte, Forscher, Priester und Bergarbeiter, also die dänischen Kolonisten porträtiert hatte, eigene Porträts der indigenen Grönländer gegenüber.

Innuuteq Storch: Keepers of the Ocean Lightbox
Innuuteq Storch: Keepers of the Ocean Lightbox

Sakir Khader, 1990 in Palästina geboren und jetzt in den Niederlanden lebend, hat in seiner Serie Deep Scars in a Paradise (seit 2025) das durch Kriege, Bürgerkriege und Terrorismus verheerte Grenzgebiet zwischen Palästina und Syrien dokumentiert, in dem die Menschen noch immer ihr kulturelles Erbe zu bewahren versuchen.

Sakir Khader: Aus der Serie Deep Scars in a Paradise (2025)

Der 31-jährige Südafrikaner Lindokuhle Sobekwa hat die sehr persönliche Geschichte I Carry Her Picture with Me in der Form eines Fotoalbums dokumentiert, ausgehend von einem Familienfoto, in dem das Gesicht seiner älteren Schwester Ziyanda herausgeschnitten war. Als 7-Jähriger hatte er mit der damals 13-jährigen Schwester Fangen gespielt, und als sie ihn auf die Straße jagte, war er vor ein Auto gelaufen und wurde schwer verletzt. Ziyanda, vielleicht von Schuldgefühlen getrieben, verschwand darauf und kehrte erst zehn Jahre später, selbst ernsthaft erkrankt, zu ihrer Familie zurück. Sobekwa, damals schon Fotograf, wollte die Schwester porträtieren, doch sie wies ihn zurück. Kurz darauf starb sie.

Lindokuhle Sobekwa: I Carry Her Picture with Me

An Alliance, Infinity, Love schließt sich, ebenfalls in der Halle für aktuelle Kunst, eine weitere Ausstellung an: Cocktail Prolongé. Dieses F. C. Gundlach Special, dem Begründer der Hamburger Triennalen-Tradition gewidmet, kann man als Ergänzung zur Ausstellung im Bucerius Kunst Forum betrachten: Am Alten Wall lernt man den Jubilar (er wäre in diesem Jahr 100 geworden) als Fotograf, Sammler und Unternehmer kennen, und Cocktail Prolongé zeigt nun die queere Seite Gundlachs. Wohlgemerkt vorwiegend anhand von Fotos aus seiner Sammlung, auch wenn man darunter ein kleines, eher unauffällig präsentiertes Selbstporträt findet, das einen unwillkürlich an David Hockney denken lässt.

F. C. Gundlach: Selbstporträt (1983)

Als Sammler interessierte sich Gundlach auch für provokative Motive und öffnete sich für einen größeren Ausschnitt der Infinity als in seinen eigenen, weithin bekannten Auftragsarbeiten. Dies ist daher auch der einzige Teil der Halle, vor dem warnend darauf hingewiesen wird, dass einige der Bilder, deren Entstehungszeit von 1900 bis fast heute reicht, nicht für Kinder geeignet sein könnten. Nicht aufgrund der nackten Körper, die Kinder kaum irritieren dürften, oder weil einem Mapplethorpe-Model sein stattlicher Schniedel aus dem Hosenschlitz hängt. Aber ein Foto beispielsweise, das eine Frau mit (im Rahmen einer Performance) vernähten Schamlippen zeigt, würde vermutlich verstören. Auf mich hatte eine Arbeit von Jenny Holzer die heftigste Wirkung, die sie allerdings – für Holzers Kunst charakteristisch – durch Texte erzielte, auch wenn diese auf Haut geschrieben und dann fotografisch reproduziert waren.

Hans Bellmer: Die Puppe (1934)

Nach dem jüngsten Referendum, in dem sich die Hamburger erneut gegen eine Bewerbung als Austragungsort olympischer und paralympischer Spiele entschieden hatten (und ja, auch ich hatte so abgestimmt), wird viel über Hamburgs Zukunft als Sportstadt debattiert. Als Stadt der Fotografie (oder „Photographie“, wie F. C. Gundlach das Wort zeitlebens geschrieben hatte) Ist Hamburg dagegen seit den 1840er Jahren und bis heute ganz vorne dabei. Das IOC laden wir lieber nicht ein, aber Fotografen und an der Fotografie Interessierte sind hier gerne gesehen.

Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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