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Sony World Photography Awards 2026: Wenn Haltung wichtiger wird als das Bild

Wer heute einen der großen Fotopreise gewinnen will, muss sich nicht mehr allzu sehr mit Lichtführung, Komposition oder gar dem berühmten „entscheidenden Moment“ aufhalten. Viel wichtiger scheint inzwischen, dass das eigene Werk möglichst viele Häkchen auf der Checkliste für gesellschaftliche Relevanz, Identität und Haltung bekommt. Die Sony World Photography Awards 2026 liefern dafür das perfekte Anschauungsmaterial – und Citlali Fabián, frisch gekürte „Photographer of the Year“, ist das Gesicht dieses neuen Zeitgeists. Wer sich fragt, ob es hier noch um Fotografie geht oder längst um die richtige Gesinnung, findet in diesem Jahr eine klare Antwort.

Ein Fotowettbewerb als Bühne für gesellschaftliche Anliegen – und die Frage, ob das Bild dabei nicht zur Staffage wird.

Die Preisvergabe als Diagnose

Ich gebe es zu: Früher habe ich die Gewinnergalerien der großen Fotowettbewerbe mit einer Mischung aus Neugier und Ehrfurcht durchgeklickt. Da ging es um Licht, um Komposition, um diesen einen Moment, der alles sagt. Heute, nach der Lektüre der Meldung zu den Sony World Photography Awards 2026, frage ich mich: Geht es noch um das Bild – oder längst um die richtige Haltung? Citlali Fabián, die diesjährige Hauptgewinnerin, liefert mit ihrer Serie „Bilha, Stories of my Sisters“ das perfekte Beispiel für diesen Wandel.

Zwischen Stickerei und Statement

Fabián, eine Yalalteca, also eine indigene Frau aus Villa Hidalgo Yalálag in der Sierra Norte von Oaxaca in Mexiko und inzwischen in London zu Hause, hat gleich dreifach abgeräumt: Photographer of the Year, Siegerin der Kategorie Creative und Latin America Professional Award. Ihre Porträts indigener Frauen aus Südmexiko sind keine bloßen Fotografien mehr. Sie werden digital übermalt, mit Stickereien versehen. Dabei handelt es sich um eine Technik, die sie von ihrer Großmutter übernommen hat. Die Protagonistinnen sind nicht nur Motive, sondern Mitgestalterinnen. Das Ganze soll als Kinderbuch erscheinen, Sichtbarkeit von Anfang an gedacht. Die Juryvorsitzende Monica Allende lobt: „Durch ihre Arbeit reflektiert Citlali Fabián drängende Fragen von Sichtbarkeit und Repräsentation. In vielen indigenen Kulturen werden Geschichten kollektiv erzählt, geprägt von Gesprächen und gelebter Erfahrung, nicht von einer einzelnen Stimme.“ Man spürt: Hier will jemand etwas richtig machen, etwas Wichtiges tun.

Die Arena der richtigen Geschichten

Über 430.000 Einsendungen aus mehr als 200 Ländern für die Sony World Photography Awards 2026 – und doch wirkt die Auswahl der Gewinner wie ein Spiegel der aktuellen Debatten. Neben Fabián werden Projekte ausgezeichnet, die sich mit kolumbianischen Koka-Bauern, ecuadorianischer Wiederaufforstung oder dem Überleben in den Flutgebieten Bangladeschs beschäftigen. Der 16-jährige Schwede Philip Kangas gewinnt mit Feuerwehrleuten, die Kunstwerke retten, Joel Meyerowitz wird für sein Lebenswerk geehrt. Die Jury betont immer wieder, wie wichtig es sei, „Stimmen sichtbar zu machen, die sonst überhört werden“. Technische Brillanz? Sicher nicht hinderlich, aber längst nicht mehr ein entscheidendes Kriterium. Wer heute gewinnen will, braucht vor allem die richtige Geschichte und eine Biografie, die sich als gesellschaftliches Statement lesen lässt.

Von der Fotografie zur Haltung – und zurück?

Was bei Sony auffällt, ist längst kein Einzelfall mehr. Auch bei World Press Photo oder den Magnum Foundation Awards stehen Projekte im Vordergrund, die Identität, Kolonialgeschichte, Gender oder Aktivismus thematisieren. Die Bildauswahl folgt dem Prinzip: Je mehr gesellschaftliche Sprengkraft, desto besser. Man kann das als Fortschritt feiern oder sich fragen, ob ein Fotowettbewerb wirklich die passende Arena für diese Anliegen ist. Vielleicht wäre ein „World Photographic Attitude Award“ der ehrlichere Titel.

Wenn das Bild die Worte braucht

Natürlich ist es ehrenwert, Stimmen sichtbar zu machen, die lange übersehen wurden. Und ja, die Bemühung, gesellschaftliche Missstände ins Licht zu rücken, ist richtig und wichtig. Im Großen wie im Kleinen. Aber bleibt dabei nicht das Bild selbst auf der Strecke?

Ein kluger Kollege brachte es kürzlich auf den Punkt: Früher musste ein Bild mehr sagen als tausend Worte. Heute braucht man tausend Worte, damit man das Bild versteht. Vielleicht ist das der Preis, den wir zahlen, wenn wir aus der Fotografie ein gesellschaftliches Statement machen. Vielleicht ist es aber auch nur der nächste Schritt in einer langen Geschichte, in der jedes Medium irgendwann zum Träger von Bedeutungen wird, die es allein nicht mehr transportieren kann.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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