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Hasselblad X1D – Eine neue Art von Kamera

Ich sage ja nun schon länger voraus, dass es demnächst die erste spiegellose Systemkamera mit einem Mittelformatsensor geben wird, und heute scheint es tatsächlich so weit zu sein.

Hasselblad_Gamechanger_1Die Vorstellung einer solchen Kamera lag in der Luft und die Frage war nur, wer den ersten Schritt wagen würde. Ich hätte auf Fuji oder Leica getippt, aber nun kündigt der etablierte Mittelformathersteller Hasselblad an, heute um 14 Uhr einen „game changer“ vorzustellen, also eine Kamera, die eine Wende im Spiel bringt – wenn Sie es genau wissen wollen, sollten Sie sich den Livestream nicht entgehen lassen. Die sprichwörtlichen Spatzen pfeifen es von den Dächern, dass es ein spiegelloses Modell mit einem 50-Megapixel-Sensor im Format 44 x 33 mm sein wird – der Name der Kamera lautet offenbar X1D und das Gehäuse wird für rund 9000 USD (netto, vermute ich mal) in den Handel kommen. Neben zwei speziell für die X1D und ihren ebenfalls neuen Objektivanschluss gerechneten Objektiven, einem 45-mm-Weitwinkel und einem 90-mm-Tele, werden sich wohl alle Objektive des H-Systems über einen Adapter nutzen lassen. Damit wäre dann indirekt auch Fuji im Spiel, denn die meisten H-System-Objektive stammen weitgehend von Fujinon.

Zugegeben: Ich hätte das Hasselblad nicht zugetraut. Nun habe ich schon länger keine intimeren Kenntnisse von Hasselblads Plänen mehr – von 2006 bis 2008 war ich Redakteur des Hausmagazins Victor by Hasselblad und daher noch „in the loop“ –, aber in den letzten Jahren hatte der klassische Mittelformathersteller, der seinerzeit die Mondfahrer Neil Armstrong und Buzz Aldrin ausgestattet hatte, ein recht trauriges Bild geboten. Als ich noch mit Hasselblad zu tun hatte, war der CEO der Däne Christian Poulsen, mit dem zwar nicht jeder übereinstimmte, der aber erfreulich unprätentiös agierte. Sein Nachfolger Larry Hansen (seit 2009) umgab sich vorzugsweise mit den Reichen und Schönen dieser Welt und ließ es sich angelegen sein, eine feuerrote Hasselblad auf den Markt zu bringen, nur damit sein Freund Roberto Ingmar Rossellini (der Sohn von Ingrid Bergman und Roberto Rossellini) eine Kamera bekam, die farblich zu dessen Ferrari passte. Unter seiner Ägide kam auch die Lunar auf den Markt, eine Sony-Kamera in einem modifizierten Design, die das Fünffache des von Sony aufgerufenen Preises kostete. Den Spitznamen Lunacy (also Irrsinn) hatte sie schnell weg. Schon während der Hasselblad-Pressekonferenzen war es unübersehbar, dass diese Produktpolitik auch manchen Managern Bauchgrimmen bereitete. Peter Stig-Nielsen, einst Christian Poulsens Vize und zu meiner Zeit bei Hasselblad mein wichtigster Ansprechpartner, wechselte schließlich zu Hasselblads größtem Konkurrenten – kein weiter Weg für ihn, denn das Phase-One-Hauptquartier liegt nur ein paar hundert Meter von der dänischen Hasselblad-Dependance in Kopenhagen entfernt.

Glücklicherweise ist Larry Hansen längst Geschichte und der aktuelle CEO Perry Oosting hat es offenbar geschafft, Hasselblad erneut auf einen innovativen Weg zu bringen. Die in diesem Jahr eingeführte H6D ließ das bereits erkennen, war aber noch eine evolutionäre Weiterentwicklung des H-Systems. Mit einer neuen spiegellosen Mittelformatkamera könnte Hasselblad Geschichte schreiben.

Allerdings wird Hasselblad in diesem Segment nicht lange allein bleiben. Auf Basis von Sonys CMOS-Sensor, der prinzipiell jedem zur Verfügung steht, könnten auch andere Hersteller vergleichbare Kameras entwickeln und ich rechne fest damit, das sich zur photokina im September dieses Jahres das Angebot erweitern wird. Die traditionell eher behäbige Mittelformatfotografie entwickelt eine ganz ungewohnte Dynamik – es bleibt spannend.

Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann

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