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Historische Meilensteine im Objektivbau

Altglas-Report

Die meisten Normalbrennweiten fürs Kleinbildformat lassen sich auf wenige Grundformen im Objektivbau reduzieren. Genaugenommen sind es drei Typen, alle zwischen 1890 und 1902 erfunden. Triplet und Tessar lieferten sich einen über Jahrzehnte andauernden Konkurrenzkampf. Ein Planar genanntes Design ließ sich erst ab 1920 kommerziell umsetzen und diente als Vorlage für unzählige Spitzen-Objektive.

Historische Meilensteine im Objektivbau

Das Cooke-Triplet wurde 1893 von Harold D. Taylor erfunden. Namensgebend war die für Teleskope bekannte US-Firma Cooke, in dessen Dienst der Erfinder stand. Da das Unternehmen kein Interesse an Foto-Objektiven hatte, vergab es eine Lizenz für den Objektivbau an Taylor & Hobson in England. Bis das Triplet Lichtstärke F/3.5 erreichte, vergingen rund 40 Jahre. Als Standardobjektiv blieb es Jahrzehnte im Programm: beispielsweise als Apotar bei Agfa, als Cassar von Steinheil oder als Triotar bei Zeiss. Meyer Görlitz nannte es Trioplan und vom Nachfolger Domiplan wurden bis 1979 rund zwei Millionen Exemplare mit M42-Anschluss gefertigt. Weitere interessante Objektive dieser Gattung wurden hier vorgestellt.

Linsen Cooke Triplet. Historische Meilensteine im Objektivbau
Das Cooke-Triplet besteht aus drei einzelnen Linsen. Die simple Konstruktion erlaubte Korrekturen von Abbildungsfehlern, ermöglichte eine gute Bildschärfe und war günstig herzustellen. Weltbekannt wurde das Objektiv in der Digitalfotografie als Trioplan aus der Manufaktur Hugo Meyer in Görlitz.
Beispiel Trioplan
Triplet-Objektive können Lichter im Bokeh als kreisrunde Ringe mit leuchtendem Rand abbilden, wie es keine andere Optik vermag. Informationen über Objektive, Adapter, Aufnahmetechniken und Motivsuche sind hier zusammengefasst.

Revolution im Objektivbau

1902 revolutionierte das Zeiss Tessar den Objektivbau, eine der vielen Erfindungen von Paul Rudolph. Seine Genialität bestand darin, die hintere Einzellinse des Triplets durch ein Element aus zwei verkitteten Linsen zu ersetzen. Daher auch die Bezeichnung „vierlinsiges Triplet“. Nachdem Mitte der 1920er Jahre der Patentschutz abgelaufen war, wurde es weltweit hemmungslos kopiert. Leitz nannte es Elmar, Meyer Görlitz Primotar und Voigtländer Scopar. Seit 1931 wurde es als 50-Millimeter-Kleinbildobjektiv mit Lichtstärke F/2.8 gefertigt. In seiner Blütezeit galt das Tessar als Schärfewunder. Ein 1935 von Zeiss patentiertes Verfahren zur Oberflächenvergütung von Linsen sorgte für einen „Quantensprung beim Bildkontrast“ und verhalf dem Tessar zu Weltruhm. Nach einer Schätzung von Zeiss wurden weltweit 150 Millionen Stück produziert. Eines der letzten Objektive dieser Art dürfte das Minotar in der bekannten, bis 2002 hergestellten, Kleinbildkamera Minox 35 gewesen sein.

Linsen Tessar. Historische Meilensteine im Objektivbau
Revolution im Objektivbau: Die verkittete Hinterlinse beim Tessar sorgte für bisher unerreichte Schärfe und den Beinamen „Das Adlerauge“. Eine ab 1935 verfügbare Oberflächenvergütung machte es zum Welterfolg.
Beispiel Tessar
Das Tessar zeichnet an ausgeprägten Lichtern im Bokeh noch sichtbare leuchtende Ränder bei Offenblende. Es wird auch als vierlinsiges Triplet bezeichnet.

Von 1896 stammt das ursprüngliche Planar-Design, ebenfalls bei Zeiss von Paul Rudolph erfunden. Technisch war es seiner Zeit weit voraus, doch kommerziell nutzbar wurde die Konstruktion im Objektivbau erst in den 1920er Jahren. Wie so oft waren neue Glassorten und Fertigungsmethoden auch hier entscheidend für den Durchbruch.

Linsen Planar
Das symmetrische Planar-Design von 1896 ließ sich ab 1920 kommerziell erfolgreich umsetzen. Eines der bekanntesten Objektive aus dieser Zeit ist das Zeiss Biotar 58/2. Die russische Kopie heißt Helios 44, sie kam in den 50er Jahren auf den Markt.
Beispiel Planar
Das symmetrische Planar-Design vereint Schärfe und ausgewogenes Bokeh. Aber je nach Bildgestaltung und Lichtverhältnissen sind Biotar und Helios 44 auch für ihr „swirly Bokeh“ berühmt-berüchtigt. Darüber wurde hier ausführlich berichtet.

Vom Planar zum optischen Gleichklang

Die ungewöhnliche Brennweite von 58 Millimeter beim Biotar war eine konstruktive Notlösung, um es für Spiegelreflexkameras kompatibel zu gestalten. Später erreichten Zeiss und andere Premium-Hersteller die Kompatibilität auch bei 50 Millimeter Brennweite, ohne mit dem Schwingspiegel zu kollidieren. Vermutlich nutzten viele OEM-Produzenten später den alten Kniff zur Herstellung günstiger und lichtstarker M42-Normalbrennweiten. Doch das ist letztlich nur eine von vielen Vermutungen rund um OEM-Produkte, die hier vorgestellt wurden. Anfang der 1950er Jahre kamen erstmals Computer im Objektivbau zur Berechnung des optischen Aufbaus zum Einsatz. Parallel dazu wurden immer wieder neue Gläser und verbesserte Oberflächenbeschichtungen zur Reflexionsminderung entwickelt. Was einerseits die Abbildungsleistung sichtbar steigerte, ließ andererseits den Bildlook der Objektive im Laufe der Zeit immer einheitlicher werden. Während sich das Bokeh von Triplet, Tessar und Biotar deutlich sichtbar unterscheidet, wird es bei nachfolgenden Objektiv-Generationen zunehmend gleichförmiger. Einige Beispiele wurden hier vorgestellt.

Grundsatzfragen im Objektivbau

Im Objektivbau lassen sich zwei grundlegende optische Konstruktionen unterscheiden. Triplet und Tessar zeigen einen asymmetrischen Aufbau, während das Planar eine symmetrische Anordnung der Linsen zeigt. Moderne Objektive lassen sich theoretisch so kategorisieren, auch wenn der Blick auf das optische Design es keineswegs auf Anhieb erkennen lässt. Wer mehr dazu wissen möchte, findet auf den Webseiten von Natalia Stangrit eine grafische Übersicht zu Objektiven und ihrer Abstammung. Einen sehenswerten Vergleich von Abbildungseigenschaften der drei Grundtypen liefert sie ebenfalls. Sowohl am Test-Chart als auch am Motiv unter freiem Himmel.

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Bernd Kieckhöfel

Bernd Kieckhöfel hat einige Jahre für eine lokale Zeitung gearbeitet und eine Reihe von Fachartikeln zur Mitarbeiterführung veröffentlicht. Seit 2014 schreibt er für Fotoespresso, DOCMA, FotoMagazin sowie c't Digitale Fotografie.

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