Altglas-Blog

Altglas und Bokeh

Technischer Fortschritt versus Ästhetik

Das Thema Bokeh wird leidenschaftlich diskutiert. Im Mittelpunkt stehen der Verlauf von Schärfe zu Unschärfe sowie die Wirkung von Lichtern im Hintergrund. Festbrennweiten wird in der Regel ein ausgewogeneres Bokeh als Zoomobjektiven attestiert. Objektive aus den Zeiten der analogen Fotografie, von ihren Fans liebevoll „Altglas“ genannt, bieten wiederum eigene Reize. Artgerecht eingesetzt, meistern alte Objektive Schärfeverläufe weniger nervös und wesentlich individueller als moderne Optiken. Altglas erzeugt ein besonderes Bokeh. Lesen Sie hier mehr zum Thema Altglas und Bokeh.

Unterschiede im Bokeh spiegeln die technischen Möglichkeiten verschiedener Epochen. Für die meisten Altglasliebhaber liegt genau hier der Reiz alter Objektive. Vieles, was heute geschätzt wird, sind letztlich Abbildungsfehler, die damals nicht besser korrigiert werden konnten. Sie treten am deutlichsten bei Offenblende hervor. Abgeblendet nimmt die Schärfe zu und das Bokeh wird einheitlicher.

Ebenso prominent und wie umstritten ist das Trioplan-Bokeh, auch „Seifenblasen-Bokeh“ genannt. Mit dem Schließen der Blende verschwindet der Effekt vollständig. Und bei Blende f/8 liefert ein Trioplan mit seinen drei Linsen knackscharfe Bilder.

Bokeh kann als Sammelbegriff gelten und als schön, unschön, cremig, weich, kringelig, ruhig, aufgeregt, swirly, nervös oder sonst wie beschrieben werden. Manch einer bringt diese Eigenschaften mit der Anzahl vorhandener Blendenlamellen sowie der Lamellenform in Verbindung. Was weder ganz falsch noch ganz richtig ist. Stark vereinfacht besteht ein Zusammenwirken von Brennweite, Blende, den Relationen der Abstände zwischen Objektiv, Motiv und Hintergrund in Zusammenhang mit der optischen Konstruktion.

Altglas und Bokeh
Das Trioplan basiert auf einem Patent von 1893, welches als Cooke-Triplet mit nur drei Linsen in die Geschichte des Objektivbaus einging. Lichter im Bokeh haben kreisrunde Ringe mit leuchtendem Rand.
Altglas und Bokeh
Zeiss spendierte dem Tessar vier Linsen. Die dritte und vierte Linse wurden miteinander verklebt. Seine Entwicklung begann in den 1920er Jahren und es war über Jahrzehnte der, im doppelten Wortsinn, schärfste Trioplan-Konkurrent unter den 50-mm-Brennweiten.
Altglas und Bokeh
Das Helios 44 ist eine russische Kopie des Zeiss Biotar von 1936. Es hat sechs Linsen, angeordnet in vier Gruppen. Sein Bokeh ist dem Trioplan nicht unähnlich, aber deutlich weniger ausgeprägt.
Altglas und Bokeh
Charakteristisch für das Trioplan sind kreisrunde Ringe mit leuchtendem Rand im Bokeh.

Auf den Webseiten des Fototechnik-Redakteurs Michael Hußmann finden sich gut illustrierte und anschauliche Erklärungen zum Bokeh. Der Digicamclub bietet für Liebhaber des besonderen Bokeh auf über 90 Seiten auch viele ziemlich abgefahrene Beispiele. Wer die Zusammenhänge auf wissenschaftlichem Niveau ergründen möchte, findet im Zeiss-Whitepaper „Schärfentiefe und Bokeh“ des Zeiss-Objektiv-Entwicklers Hubert Nasse alle relevanten Fakten aus erster Hand mit Bildbeispielen und überraschenden Ergebnissen. Da Zeiss den Ablageort des Dokuments immer wieder verändert hat, hilft hier eine Suchmaschine weiter.

Altglas und Bokeh – Bokeh-Klassiker

Das Bokeh von Trioplan und Tessar unterscheidet sich sichtbar von später konstruierten Objektiven. Auch das bekannte Helios 44 erzeugt trotz seiner vergleichsweise aufwendigen Konstruktion noch ein ausgesprochen eigenwilliges Bokeh, während es bei Objektiven seit den 70er Jahren immer ähnlicher wird. Dazu tragen technische Möglichkeiten, Glassorten, Beschichtungen und computergestützte Berechnungsverfahren bei, die aufwendigere Konstruktionen und Korrekturen erlauben.

Bokeh wird modern

Das Auto Revuenon 55/1.4 wurde in den 1970er Jahren von Foto Quelle vertrieben. Es gibt mindestens zwei bekannte Bauformen, beide stammen aus japanischer Produktion. Das für diese Aufnahme genutzte Exemplar wurde vermutlich von Chinon hergestellt. Über seine optische Konstruktion gibt es keine verlässlichen Angaben.
Das Auto Revuenon 55/1.4 wurde in den 1970er Jahren von Foto Quelle vertrieben. Es gibt mindestens zwei bekannte Bauformen, beide stammen aus japanischer Produktion. Das für diese Aufnahme genutzte Exemplar wurde vermutlich von Chinon hergestellt. Über seine optische Konstruktion gibt es keine verlässlichen Angaben.
Das Takumar stammt von Pentax aus Japan. Die Version mit 55 mm Brennweite und Lichtstärke F/1.8 oder F/2 mit sechs Linsen in fünf Gruppen (6/5) war bis in die 1980er Jahre ein gefragtes Standardobjektiv.
Das Takumar stammt von Pentax aus Japan. Die Version mit 55 mm Brennweite und Lichtstärke F/1.8 oder F/2 mit sechs Linsen in fünf Gruppen (6/5) war bis in die 1980er Jahre ein gefragtes Standardobjektiv.
Das Olympus M.Zuiko 45/1.8 kam 2011 auf den Markt. Seine optische Konstruktion besteht aus neun Linsen in acht Gruppen (9/8).
Das Olympus M.Zuiko 45/1.8 stammt aus dem Jahr 2011. Seine optische Konstruktion besteht aus neun Linsen in acht Gruppen (9/8).

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Bernd Kieckhöfel

Bernd Kieckhöfel hat einige Jahre für eine lokale Zeitung gearbeitet und eine Reihe von Fachartikeln zur Mitarbeiterführung veröffentlicht. Seit 2014 schreibt er für Fotoespresso, DOCMA, FotoMagazin sowie c't Digitale Fotografie.

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