RSS

Ist die Brennweite für Porträtaufnahmen bald egal?

Ist es bald unerheblich, welche Brennweite Sie für Porträtaufnahmen wählen? Wenn es nach Adobe-Research geht, könnte das zumindest in Bezug auf ein Merkmal der Fall sein: die Perspektive. Das legt jedenfalls ein mit der Princeton University veröffentlichtes Paper nahe, in dem die Forscher ein Verfahren beschreiben, das die perspektivische Darstellung von Gesichtern ändern kann. Automatisch versteht sich.

Selfies verzerren die Gesichtproportionen. Foto: Olaf Giermann

Selfies verzerren die Gesichtproportionen. Foto: Olaf Giermann

Die Wahl der Brennweite


DOCMA-Kollege Michael Hußmann hat vor einer Woche in diesem Blogbeitrag bereits beschrieben, warum man je nach beabsichtigter Bildwirkung zu einer bestimmten Brennweite greift. Kurzgefasst: weil man damit den Abstand zum fotografierten Model und dadurch die perspektivische Abbildung festlegt. Lassen wir die Auswirkung von Aufnahmeabstand/Brennweite/Blende auf die Schärfentiefe mal außen vor (auch diese Effekte werden wohl über kurz oder lang durch automatische Motiverkennung per Schieberegler veränderbar sein) – was für Auswirkungen hat diese Technologie wohl?

Unterschiedliche Brennweiten haben bei gleichem Bildausschnitt eine andere perspektivische Bildwirkung. Ursache: der Abstand zum Motiv.

Unterschiedliche Brennweiten haben bei gleichem Bildausschnitt eine andere perspektivische Bildwirkung. Ursache: der Abstand zum Motiv.

Derzeit haben wir eine unglaubliche Schwemme an Selfie-Fotos und Videos in den sozialen Medien = weitwinklige Aufnahmen aus kurzem Abstand, wodurch die Gesichter schmal und die Nasen groß wirken. Das zu korrigieren, war wohl einer der Gründe für die oben beschriebene Forschungsarbeit. Nur: Ich habe den Eindruck, dass die eigentlich verzerrten Selfies inzwischen vom Großteil der (vor allem jungen) Menschen als normal angesehen werden. Menschen sind halt Gewohnheitstiere (siehe unten).

Die Möglichkeiten


Andererseits wäre so eine automatische Abmilderung einer allzu groß geratenen Nase und allzu schmal gewordenen Kopfes ja nicht schlecht. Joachim Korff hat eine nur auf die Nase bezogene vereinfachte manuelle Vorgehensweise in DOCMA 71 gezeigt (hätte ich persönlich jetzt bei diesem Bild nicht gemacht oder als nötig empfunden, aber das ist ein anderes Thema). Es würde mich nicht wundern, diese Technologie demnächst in Photoshops Verflüssigenfilter wiederzufinden – die derzeitige Gesichtserkennung beim »Gesichtsbezogenen Verflüssigen« funktioniert ja bereits ziemlich gut. Das Verändern der Perspektive – ohne das im Vergleich simple Verzerren – wäre dann wohl das nächste Level des Verflüssigens.

Die „Gefahren“


Aber was, wenn die Kamerahersteller Ähnliches in ihre Kameras einbauen? Sie meinen, dass dafür ja gar kein Grund bestehen würde? Wirklich? Das wäre doch DIE Funktion mit der sich neue Kunden generieren ließen. Nach dem Motto „Diese Kamera macht die besten Selfies“.

Oder meinen Sie, dass das ja Betrug wäre? Dann sollten Sie keine moderne Kompaktkamera benutzen – denn keine von diesen zeigt Ihnen das Bild, wie es das Objektiv auf den Sensor geworfen hat. Automatische Korrekturen der durch das (dadurch leichtere und kleinere, aber zwangsläufig nicht perfekte) Objektiv verursachten Verzerrungen und Farbfehler, sind gang und gäbe … und nicht abschaltbar. Meine RX100 Mk III etwa führt einen gar nicht so geringen Bildbeschnitt durch, entzerrt und nimmt die fiesen, originalen Farbsäume heraus. Auch in Camera Raw und Lightroom kommt hier ein nicht abschaltbares, automatisches Korrekturprofil zum Einsatz. In anderen Raw-Konvertern (zum Beispiel Capture One oder Dxo zum Beispiel) kann man diese Auto-Korrektur abschalten und schauen, was man so verpasst hat. Oft nicht viel, wenn ich ehrlich bin. Doch schön ist es, wenn man die Kontrolle über solche Korrekturen hat.

Ein Foto mit meiner RX100 Mk III wie es die Kamera, Camera Raw und Lightroom liefert: Gerade Linien, keine CAs.

Ein Foto mit meiner RX100 Mk III wie es die Kamera, Camera Raw und Lightroom liefert: Gerade Linien, keine CAs.

Das von der Kamera und automatisch in Camera Raw angewendete Kameraprofil beseitigt Bildfehler, blendet aber zwangsläufig tatsächlich aufgenommene Details aus. Hier wurde diese Autokorrektur in Capture One deaktiviert und die Unterschiede mit Pfeilen markiert.

Das von der Kamera und automatisch in Camera Raw angewendete Kameraprofil beseitigt Bildfehler, blendet aber zwangsläufig tatsächlich aufgenommene Details aus. Hier wurde diese Autokorrektur in Capture One deaktiviert und die Haupt-Unterschiede sind mit Pfeilen markiert.

Gewohnheitstiere


Ich freue mich also sehr über solche technischen Neuerungen, hoffe aber, dass man dadurch nicht eines Tages in der einen oder anderen Weise gegängelt wird. Ich will nicht etwas reingewürgt bekommen, nur weil alle anderen das ja vielleicht auch (bewusst?) wollen. Merken werden die meisten Menschen wahrscheinlich nichts davon. Denn: Es gibt tatsächlich Leute, die problemlos stundenlang mit (dank falscher Bildeinpassungsoption am TV-Gerät) in die Breite verzerrten Darstellungen („Breitkopfphänomen“ nenne ich es mal) fernsehen können. Korrigiert man dann die Einstellung kriegt man als Antwort, dass das jetzt aber unnatürlich aussähe …

Ich zitiere mich nur ungern selbst, aber: „Dem Mensch gewöhnt sich halt am Allem – auch am Dativ.“ 😉

Wir sind zwar Gewohnheitstiere – aber hinterfragen Sie einfach öfters mal die Dinge, „die Sie schon immer so gemacht haben“ oder „die alle anderen ja auch so machen“. Das bringt bei näherer Beschäftigung mit der jeweiligen Thematik oft Erstaunliches zutage.

Aktuelle Forschung, die Zukunft des Verflüssigens, der Ansatz einer Verschwörungsgängelungstheorie, ein Ausflug in das menschliche Verhalten … Was für ein epischer Spannungsbogen wegen ein paar neuen Möglichkeiten für Bildverzerrungen in einem einzigen Blogbeitrag … Wow, oder? *lach* Aber doch hab ich irgendetwas vergessen. Naja, das lesen Sie dann nächste Woche. Bis denne!

Olaf Giermann

Olaf Giermann

Related Posts

Mitdiskutieren