BlogKI

Kameras und Smartphone: Es ist kompliziert

Kameras und Smartphones werden meist als Rivalen auf dem Fotomarkt angesehen, und manche Fotografen hadern damit, dass der größte Teil aller Fotos heuzutage mit dem Kameramodul eines Handys entsteht. Es fehlt aber auch nicht an Versuchen, die beiden Produktkategorien zusammenzubringen, und das britische Start-up Camera Intelligence bringt jetzt mit Caira schon zum zweiten Mal eine Systemkamera auf den Markt, die über ein damit gekoppeltes iPhone gesteuert wird.

Caira – die schwarze Version, hier noch ohne verbundenes iPhone (Foto: Camera Intelligence)

Das Unternehmen gibt es seit 2020, nannte sich damals allerdings noch Alice Camera, und „Alice“ hieß auch sein erstes Produkt, das nach einer Crowdfunding-Kampage – wie üblich verspätet – 2024 auf den Markt kam. Nun geht es als Camera Intelligence mit der Caira weiter, und vielleicht will man mit dem alten Namen auch die Erinnerung an das nicht ganz reibungslos abgeschlossene erste Projekt abschütteln – einige der Backer mussten lange auf ihre bereits bezahlte Kamera warten.

Wie schon Alice ist Caira eine Micro-Four-Thirds-Kamera mit einem 11-Megapixel-Sensor, die sich mit allen Objektiven des MFT-Systems verwenden lässt; wahlweise kann man sie im Kit mit einem 25-mm-Objektiv von Panasonic erwerben. Abgesehen vom Auslöser sind alle Bedienelemente an ein iPhone ausgelagert – an Android-Kompatibilität ist bislang nicht gedacht –, das magnetisch über dessen MagSafe-Anschluss gekoppelt wird. Die Steuerung der Kamerafunktionen erfolgt über eine Caira-App. So weit ähnelt das Konzept einer jüngst von Xiaomi angekündigten Kamera oder auch Sonys schon vor 13 Jahren eingeführter und bald wieder eingestellter QX-Baureihe.

Über MagSafe finden Caira und iPhone zusammen. (Foto: Camera Intelligence)

Für die Bildverarbeitung wird allerdings nicht das Smartphone eingespannt, denn Caira verfügt über einen eigenen Snapdragon-Prozessor, dem für die KI-Beschleunigung eine Google Edge TPU zur Seite steht. Die KI (oder englisch „AI“) trägt die Caira schon im Namen, und mit KI will Camera Intelligence den Kamerabau revolutionieren. Das beginnt mit dem Autofokus, der weder auf einem Kontrastvergleich noch auf einer Phasendetektion basieren soll; vielmehr erkennt ein neuronales Netz, ob das Motiv scharf ist und wo andernfalls der Fokus liegen müsste, damit es scharf wird. (Es steht allerdings zu vermuten, dass das neuronale Netz im Training letztendlich auch nur so etwas wie die Schärfenerkennung per Kontrastvergleich und/oder Phasendetektion gelernt hat, ergänzt vielleicht durch etwas wie Panasonics DFD-Verfahren, das schon vor Jahren mehr oder minder gut die Richtung abschätzen konnte, in die sich der Fokussiermotor bewegen sollte.)

Mit generativer KI (Nano banana) und für 7 Dollar pro Monat kann die Caira Wein in Wasser verwandeln. (Illustration: Camera Intelligence)

Danaben greift Caira auf eine Technologie zurück, die von Smartphone-Kameramodulen bekannt ist: Die Kamera speichert zunächst mehrere Belichtungen kurz vor und nach dem Druck auf den Auslöser, bringt sie zur Deckung und verrechnet die Bilddaten zu einem Foto mit geringerem Rauschen; für die Zukunft ist auch ein Superresolution-Verfahren angekündigt. Die KI kommt dann wieder zum Zuge, wenn man die Kamera mit Sprachbefehlen steuert – statt auf den Auslöser zu drücken kann man auch „Take a photo“ sagen und die Aufnahme mit „Make it black and white“ in ein Schwarzweißbild umwandeln. Für 7 US-Dollar pro Monat gibt es ein Nano-banana-Abo von Google dazu, mit dem eine Bildbearbeitung per KI schon in der Kamera möglich wird. Idealerweise soll das Anwendungen wie Lightroom oder Photoshop überflüssig machen, zumindest für Content Creators mit überschaubaren Ansprüchen an die Bildbearbeitung. Apropos „banana“: Die Software (iOS-App und Kamera-Firmware) ist noch in der Entwicklung und der Hersteller macht kein Geheimnis daraus, dass sie mit den ersten, an frühe Backer ausgelieferten Kameras noch Erfahrungen aus der fotografischen Praxis sammeln wollen – die Kamera reift (hoffentlich) beim Kunden.

Die Pläne von Camera Intelligence gehen allerdings noch weit darüber hinaus. In einem Interview mit DPReview erzählte CEO Vishal Kumar, sie wollten mit Caira zeigen, wie die Software einer Kamera der Zukunft aussehen könnte. Seine Firma sei in Gesprächen mit Kameraherstellern, um zu sehen, ob ihre Ideen dort Anklang finden. Versuche von Dritten, sich Kameraherstellern als Softwarelieferanten anzudienen, sind nicht neu; DXO hatte so etwas schon vor Jahrzehnten einmal – erfolglos – versucht. Nun bewähren sich die Hersteller exzellenter Kameras zwar selten als Entwickler ebenso exzellenter Software, und vermutlich wird man sich interessiert anhören, was Kumar & Co. vorzutragen haben, aber mehr als eine Inspiration für künftige Eigenentwicklungen wird es nicht sein. Die Hersteller der Hardware geben die Kontrolle über die Software generell nicht aus der Hand, und das schon gar nicht, wenn damit die Gefahr droht, an Unterscheidungsmerkmalen zu den Mitbewerbern zu verlieren.

Die Caira gibt es auch in Silber, im Kit auch mit farblich passendem Normalobjektiv (alle Abbildungen zeigen ein 20-mm-Objektiv, während im Bestellformular 25 mm versprochen werden). (Foto: Camera Intelligence)

Mit seiner Kamera zu sprechen mag nicht jedermanns Sache sein, aber die Caira selbst wird sich ohnehin kaum als Kamera der Zukunft erweisen. Ein iPhone als Benutzerschnittstelle zu verwenden erscheint zwar logisch, denn es bringt bessere Voraussetzungen dafür mit als gängige Systemkameras. Schon die Displays der Smartphones sind generell überlegen, und neben einem leistungsstarken Prozessor bringen sie ein GPS-Modul sowie Mobilfunk-, WLAN- und Bluetooth-Konnektivität mit. Ist ein Foto erst einmal gespeichert, kann man es darüber auch gleich mit aller Welt teilen. Da das Smartphone sowieso vorhanden und bezahlt ist, spart die Kamera/Smartphone-Kombi Kosten.

Und trotzdem: Wer sich sein Smartphone gewohnheitsmäßig in die Hosentasche steckt, wird es unpraktisch finden, wenn noch eine Kamera mit Wechselobjektiv daran hängt. Da könnte man fast auf die Idee kommen, ein zweites, fest mit der Kamera verbundenes Smartphone zu kaufen, was die Anschaffung dann aber wieder deutlich verteuerte. Zudem muss man neben dem Ladestand des Handys auch noch den der Kamera im Blick behalten – Kameras mit zwei Akkus kannte man zuletzt aus der Zeit, als Mittelformatkameras für Digitalfotos auf ein Rückteil mit eigener Elektronik und Batterie angewiesen waren.

Andererseits sind Versuche wie Zeiss’ ZX-1, Kamera und Smartphone in einem Produkt zu integrieren, bislang gescheitert. Können Systemkamera und Smartphone überhaupt zusammenkommen, oder stoßen sich die Gegensätze am Ende stets ab? Dass handelsübliche Smartphones aus ihren kleinen Sensoren doch überraschend viel Bildqualität herausholen, durch die Verrechnung mehrerer Belichtungen und mittels großzügiger Beiträge der KI, gibt zu denken: Was wäre auf diesem Wege erst möglich, wenn ein Sensor vernünftiger Größe und dazu passende Objektive das Ausgangsmaterial lieferten? So mancher Fotograf fragt sich auch, wieso er so viel Mühe auf die optimale Belichtung verwenden soll, um das optimale Bild dann erst im Raw-Konverter aus den Rohdaten der Kamera herauszuholen, während ein fototechnisch unbeschlagener Smartphone-Besitzer (zumindest auf den ersten Blick) Ähnliches in den Schoß gelegt bekommt. Und wenn man mit einer hochwertigen Kamerausrüstung in der Fototasche trotzdem zum Handy greift, weil man ja weiß, dass man die Bilder sofort ins Internet stellen will oder muss, dann läuft doch offensichtlich etwas falsch.

Wer den Heiligen Gral einer Systemkamera mit Smartphone-Intelligenz und -Konnektivität findet, müsste nicht mühsam in einer Crowdfunding-Kampagne das Kleingeld optimistischer/leichtgläubiger Backer sammeln, denn das nötige Venture Capital dürfte sich schnell finden. Aber das ist es eben: Bislang hat ihn noch niemand gefunden.

Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben.

Das könnte Dich interessieren
Schließen
Schaltfläche "Zurück zum Anfang"