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Im Auftrag der Peinlichkeit: Die neue Bildwelt des Verfassungsschutzes

Das Amt für Verfassungsschutz inszeniert in einer Rekrutierungskampagne ihre „modernen Verteidiger der Demokratie“ mit derart viel Vorabendsereien-Pathos und künstlicher Diversität, dass die Glaubwürdigkeit auf der Strecke bleibt – es ist ein Paradebeispiel für die Absurditäten zeitgenössischer Behördenkommunikation.

Als ich kürzlich „Die Zeit“ aufschlug und die Anzeige entdeckte, habe ich mir verwundert die Augen gerieben und kurz überlegt, ob ich nicht versehentlich die Ankündigung eines Streaming-Dienstes sehe. Nein, es war der staatstragende Versuch des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), mit der Kampagne „Im Auftrag der Demokratie“ Nachwuchs zu rekrutieren.

Unter dem Slogan präsentiert sich eine aufgeweckte Heldengruppe, deren visuelle Inszenierung sehr nach schlecht adaptiertem Hollywood-Pathos und peinlichen James-Bond-Anleihen schreit. Als Betrachter bekommen wir hier statt eines gerührten – und nicht geschüttelten – Martinis eine Bildkomposition serviert, die bei jedem Bildproduzenten Mitleid statt Faszination auslöst. Es ist ein sicherlich gut gemeinter, aber grandios gescheiterter Versuch, Authentizität zu simulieren, der in einem Paradebeispiel visueller Peinlichkeit mündet. Viele Ansatzpunkt also für eine Bildkritik.

Die Anatomie einer Heldengruppe

Die personelle Choreografie des Kampagnenmotivs folgt so offensichtlich einer Checkliste für politisch korrekte Gruppenporträts, dass es schmerzt. Im Zentrum steht, leicht nach vorne gerückt, die junge weibliche Identifikationsfigur in der unvermeidlichen Jeansjacke. Ihr Blick soll wohl eine Mischung aus jugendlicher Skepsis und aufkeimendem Tatendrang signalisieren, wirkt aber eher verloren. Flankiert wird sie von einem Ensemble, das direkt aus dem Casting-Bogen einer öffentlich-rechtlichen Vorabendserie zu stammen scheint. Links die engagierte Kollegin mit modischem Dutt und sichtbarem Migrationshintergrund. Dahinter der erfahrene Silberrücken im Rollkragenpullover, der mit väterlicher Strenge für Seriosität bürgen soll. Rechts der adrette Technik-Spezialist mit Dreitagebart südländischen Typs und davor die souveräne Führungskraft im Rollstuhl. Jeder Blick ist präzise auf einen unsichtbaren Fluchtpunkt jenseits des Betrachters gerichtet, die Arme sind mehrheitlich verschränkt – die universelle, aber leider auch abgedroschene Geste für „Wir meinen es ernst und sind ein unschlagbares Team“. Diese aufgesetzte Pose der Unnahbarkeit und Professionalität ist derart überzeichnet, dass sie unfreiwillig ins Komische kippt. Es wirkt wie der verzweifelte Versuch, eine komplexe Organisation auf ein simples, visuelles Klischee zu reduzieren.

Licht, Lügen und KI-Lasuren

Für das geübte Auge setzt sich das Trauerspiel in der technischen Ausführung fort. Die Lichtführung ist ein Musterbeispiel für gewollten, aber nicht gekonnten Dramatismus. Ein diffuses, violett-blaues Effektlicht, dessen Quelle im Raum nicht zu verorten ist, taucht die Szenerie in eine künstliche Atmosphäre, die eher an eine Tiefgarage in einem Computerspiel als an ein deutsches Bundesamt gemahnt. Die plump aufgesetzten Spitzlichter auf Haaren und Schultern sollen die Personen plastisch vom Hintergrund abheben, verraten aber nur die lieblose Studio-Herkunft der Einzelporträts und eine mangelhafte Postproduktion.

Noch eklatanter sind die Spuren der digitalen Montage. Die Figuren wirken wie einzeln freigestellt und nachträglich in den unscharfen Hintergrund montiert. Es fehlt jeglicher natürliche Schattenwurf, jede glaubhafte Interaktion mit dem Raum. Die Kanten der Freisteller sind teilweise unsauber, die Farbtemperatur und Lichtstimmung der Personen harmonieren nicht mit der Umgebung. Alles schreit nach einer hastigen Photoshop-Komposition.

Die Meta-Ebene: Genialer Schachzug oder nur Inkompetenz?

Auf den ersten Blick ist das Kampagnenbild also nicht mehr als ein handwerklich und konzeptionell desaströser Versuch, sich ein modernes Image zu geben. Doch was, wenn diese offensichtliche Stümperei kein Versehen, sondern Absicht ist? Begeben wir uns für einen Moment in die Abgründe der Spekulation.

Die erste, naheliegendste Lesart wäre die der perfekten Tarnung. Das BfV weiß, dass seine wichtigste Waffe die Unauffälligkeit ist. Echte Spionageabwehr findet nicht im Rampenlicht statt. Was wäre also eine bessere Methode, von der wahren, stillen Arbeit abzulenken, als der Öffentlichkeit ein Bild zu präsentieren, das so laut nach Inkompetenz und Klischee schreit, dass niemand mehr genauer hinsieht?

Eine perfidere Interpretation unterstellt eine gezielte Selbstsabotage. Was, wenn es ein Interesse daran gibt, die Effektivität des Verfassungsschutzes zu untergraben? Das Bild würde demnach als eine Art visueller Köder fungieren. Es spricht nicht die scharfsinnigen, analytischen und kritischen Geister an, die eine solche Behörde dringend benötigt, sondern lockt gezielt jene Bewerber an, deren Realitätswahrnehmung durch fiktionale Medienformate verformt ist.

Die vielleicht beunruhigendste Hypothese ist jedoch die eines groß angelegten Meta-Experiments. Was, wenn das BfV genau weiß, wie dieses Bild wirkt, und die Kampagne ein landesweites Experiment zur Erforschung von Verschwörungserzählungen ist? Man veröffentlicht bewusst ein visuell ambivalentes Motiv und beobachtet, welche Narrative sich entwickeln. Jede satirische Analyse (wie diese hier), jeder wütende Kommentar, jede Verschwörungstheorie wird erfasst und analysiert, um zu verstehen, wie Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen entsteht.

Fazit: Ein Bärendienst für die Demokratie

Verlassen wir die Welt der Spekulation und kehren wir zur Realität zurück. Die Demokratie mag viele Verteidiger benötigen – aber müssen diese wirklich aussehen wie die Darstellerriege einer abgesetzten Fernsehserie, die durch einen schlechten Photoshop-Filter gejagt wurde? Wenn eine Behörde, die über die Mittel und die Verantwortung verfügt, höchste Standards anzulegen, ein derart mangelhaftes Produkt als Aushängeschild ihrer Rekrutierungsbemühungen in die Welt setzt, ist das mehr als nur eine ästhetische Verfehlung. Es ist ein Zeichen mangelnden Respekts gegenüber der eigenen Mission, den eigenen Mitarbeitern und nicht zuletzt dem Steuerzahler. Es ist ein visuell dokumentiertes Misstrauensvotum gegen die eigene Relevanz und ein Bärendienst für die Sache, die man zu verteidigen vorgibt.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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