Wenn Roland Günter fotografiert, richtet er den Blick auf das, was anderen oft verborgen bleibt. Seine Arbeiten erscheinen in renommierten Magazinen und sind regelmäßig in seinen Multivisionsvorträgen zu sehen, unter anderem bei den Internationalen Naturfototagen in Fürstenfeldbruck. Der hauptberufliche Naturfotograf macht mit seinen Bildern die faszinierende Welt der kleinen Dinge sichtbar – und setzt dabei unter anderem auf Oscillo-Objektive, die ursprünglich für Oszilloskope entwickelt wurden.

Der Forstingenieur leitete mehr als zwanzig Jahre ein Forstrevier in Süddeutschland. Durch naturwissenschaftliche Arbeiten und Langzeitbeobachtungen entwickelte er sich zu einem anerkannten Experten für ökologische Zusammenhänge. Sein Anliegen bringt er so auf den Punkt: „Ich zeige, wie Biodiversität funktioniert und wie faszinierend sie ist.“ Seine Fotografien eröffnen einen ungewöhnlichen Zugang zu dieser oft übersehenen Welt.

Was ist aus deiner Sicht das Besondere an Objektiven für Oszilloskope?
Sie waren in kurzer Entfernung vor dem Oszilloskop installiert und für ihren Einsatzbereich speziell angepasst. Im Hinblick auf die Makrofotografie ist das heute ein Glücksfall, denn genau diese Eigenschaften machen die Optiken besonders nahbereichstauglich.
Worin unterscheidet sie sich von anderen Vintage-Optiken?
Viele Vintage-Optiken, die heute verwendet werden, verlieren deutlich an Schärfe, sobald man sehr nah an das Motiv herangeht. Oscillo-Objektive bilden dagegen auch im Nahbereich bis etwa zum Maßstab 1:1 erstaunlich scharf ab – und das nicht nur in der Bildmitte, sondern bis nahe an die Ränder.

Objektiventwicklung verlangt Kompromisse. Was zeichnet Oscillo-Optiken in dieser Hinsicht aus?
Bei Objektiven geht hohe Schärfe oft mit einem weniger ansprechenden Bokeh einher. Genau hier zeigt das Oscillo eine weitere Besonderheit: Trotz hoher Schärfeleistung im Nahbereich erzeugt es ein ausgeprägtes Bokeh mit malerischem Charakter. Die Kombination dieser Eigenschaften macht es zu einem besonders interessanten Werkzeug für kreative Makrofotografie.
Welche Empfehlungen kannst du Fotografen geben, die zum ersten Mal mit Oscillo-Optiken arbeiten?
Die Objektive laden geradezu zum Experimentieren ein. Am besten versucht man gleich zu Beginn, ihr enormes malerisches Potenzial auszureizen, um ein Gefühl für ihre kräftige Bildsprache zu entwickeln. Die markante Durchzeichnung der Unschärfen, von Licht durchzogene Farbverläufe und die oft überraschende Plastizität der Bildwirkung erzeugen eine große Bildtiefe.
Worauf sollten Anwender bei der Gestaltung des Bokehs achten?
Das enorme Malpotenzial vieler Oscillo-Objektive kann ein Bild stark bereichern – es kann es aber auch überfrachten und die Wirkung kippen lassen. Entscheidend ist die Balance zwischen dem Hauptmotiv und dem „gemalten“ Bereich des Bildes, also dem Bokeh. Das Hauptmotiv muss der Hauptdarsteller bleiben. Mit diesem Verhältnis zu spielen, gehört zum großen kreativen Potenzial solcher Objektive. Der Fotograf entscheidet, wie viel Bildwirkung dem Hauptmotiv zukommt – und wie viel dem restlichen Bildraum. Eine ausführliche Bildbesprechung anhand zweier Beispiele findet sich hier auf meiner Makro-Treff-Seite.

Das vollständige Interview mit Roland findet sich im Modding-Guide. Darüber hinaus bietet er weitere Bilder und ausführliche Tipps des Naturfotografen zur Handhabung. Salopp und frei nach Karl Valentin: Alles ist schon fotografiert worden, nur noch nicht mit diesen Objektiven.










