Altglas

Naturfotograf Roland Günter über Oscillo-Objektive

Modding-Report

Wenn Roland Günter fotografiert, richtet er den Blick auf das, was anderen oft verborgen bleibt. Seine Arbeiten erscheinen in renommierten Magazinen und sind regelmäßig in seinen Multivisionsvorträgen zu sehen, unter anderem bei den Internationalen Naturfototagen in Fürstenfeldbruck. Der hauptberufliche Naturfotograf macht mit seinen Bildern die faszinierende Welt der kleinen Dinge sichtbar – und setzt dabei unter anderem auf Oscillo-Objektive, die ursprünglich für Oszilloskope entwickelt wurden.

Oscillo-Objektive
Für diese Aufnahme stieg Roland mit dem Oscillo 75/1.9 in den Froschteich, um seinen Protagonisten auf Augenhöhe zu porträtieren.

Der Forstingenieur leitete mehr als zwanzig Jahre ein Forstrevier in Süddeutschland. Durch naturwissenschaftliche Arbeiten und Langzeitbeobachtungen entwickelte er sich zu einem anerkannten Experten für ökologische Zusammenhänge. Sein Anliegen bringt er so auf den Punkt: „Ich zeige, wie Biodiversität funktioniert und wie faszinierend sie ist.“ Seine Fotografien eröffnen einen ungewöhnlichen Zugang zu dieser oft übersehenen Welt.

Oscillo-Objektive
Die Lichtqualität nimmt Einfluss auf das Bokeh (Oscillo 75/1.9, Roland Günter).

Was ist aus deiner Sicht das Besondere an Objektiven für Oszilloskope?

Sie waren in kurzer Entfernung vor dem Oszilloskop installiert und für ihren Einsatzbereich speziell angepasst. Im Hinblick auf die Makrofotografie ist das heute ein Glücksfall, denn genau diese Eigenschaften machen die Optiken besonders nahbereichstauglich.

Worin unterscheidet sie sich von anderen Vintage-Optiken?

Viele Vintage-Optiken, die heute verwendet werden, verlieren deutlich an Schärfe, sobald man sehr nah an das Motiv herangeht. Oscillo-Objektive bilden dagegen auch im Nahbereich bis etwa zum Maßstab 1:1 erstaunlich scharf ab – und das nicht nur in der Bildmitte, sondern bis nahe an die Ränder.

Oscillo-Objektive
Das Oscillo-Objektive bilden feinste Strukturen ab und bieten gleichzeitig ein außergewöhnliches Bokeh (Oscillo 75/1.9, Roland Günter).

Objektiventwicklung verlangt Kompromisse. Was zeichnet Oscillo-Optiken in dieser Hinsicht aus?

Bei Objektiven geht hohe Schärfe oft mit einem weniger ansprechenden Bokeh einher. Genau hier zeigt das Oscillo eine weitere Besonderheit: Trotz hoher Schärfeleistung im Nahbereich erzeugt es ein ausgeprägtes Bokeh mit malerischem Charakter. Die Kombination dieser Eigenschaften macht es zu einem besonders interessanten Werkzeug für kreative Makrofotografie.

Welche Empfehlungen kannst du Fotografen geben, die zum ersten Mal mit Oscillo-Optiken arbeiten?

Die Objektive laden geradezu zum Experimentieren ein. Am besten versucht man gleich zu Beginn, ihr enormes malerisches Potenzial auszureizen, um ein Gefühl für ihre kräftige Bildsprache zu entwickeln. Die markante Durchzeichnung der Unschärfen, von Licht durchzogene Farbverläufe und die oft überraschende Plastizität der Bildwirkung erzeugen eine große Bildtiefe.

Worauf sollten Anwender bei der Gestaltung des Bokehs achten?

Das enorme Malpotenzial vieler Oscillo-Objektive kann ein Bild stark bereichern – es kann es aber auch überfrachten und die Wirkung kippen lassen. Entscheidend ist die Balance zwischen dem Hauptmotiv und dem „gemalten“ Bereich des Bildes, also dem Bokeh. Das Hauptmotiv muss der Hauptdarsteller bleiben. Mit diesem Verhältnis zu spielen, gehört zum großen kreativen Potenzial solcher Objektive. Der Fotograf entscheidet, wie viel Bildwirkung dem Hauptmotiv zukommt – und wie viel dem restlichen Bildraum. Eine ausführliche Bildbesprechung anhand zweier Beispiele findet sich hier auf meiner Makro-Treff-Seite.

Oscillo-Objektive
Hier stehen Schärfe und Unschärfe in einem ausgewogeneren Verhältnis. Das Hauptmotiv nimmt die zentrale Rolle ein, während die Unschärfen die Bildwirkung unterstützen.

Das vollständige Interview mit Roland findet sich im Modding-Guide. Darüber hinaus bietet er weitere Bilder und ausführliche Tipps des Naturfotografen zur Handhabung. Salopp und frei nach Karl Valentin: Alles ist schon fotografiert worden, nur noch nicht mit diesen Objektiven.

Oscillo-Objektive
In der aktualisierten und erweiterten 3. Auflage zeigt der Modding-Guide neben dem Oscillo 75/1.9 auch zwei besonders einfach umsetzbare Adaptionen des Oscillo-Paragon 56/1.9, die sich mit etwas Glück für unter 100 Euro realisieren lassen – inklusive Objektiv.
Der Modding-Guide
Der Modding-Guide: Die kostenlose Kindle-App vereinfacht das Lesen auf vielen Geräten. Eine Leseprobe lädt zum Ausprobieren ein.

Bernd Kieckhöfel

Bernd Kieckhöfel hat einige Jahre für eine lokale Zeitung gearbeitet und eine Reihe von Fachartikeln zur Mitarbeiterführung veröffentlicht. Seit 2014 schreibt er für Fotoespresso, DOCMA, FotoMagazin sowie c't Digitale Fotografie.

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