Fotos von Athletinnen: Die neue Sittsamkeit in der Sportberichterstattung

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die Sportberichterstattung zum Testfeld für eine neue Moralkampagne wird? Die European Broadcasting Union hat gemeinsam mit European Athletics einen 23-seitigen Leitfaden veröffentlicht, der festlegt, wie Frauen im Sport gefilmt und fotografiert werden dürfen oder zumindest sollen. „Raising the Bar: Guidelines for respectful media coverage in women’s athletics“ heißt das Werk. Die Botschaft: Schluss mit Nahaufnahmen, Schluss mit Slow-Motion, Schluss mit Blickwinkeln, die angeblich oder auch nur vielleicht mehr zeigen als sportliche Leistung.
Moral per Algorithmus
Noch ist das natürlich eine freiwillige Selbstbeschränkung. Aber denken wir ein ganz kleines Stück weiter: die Technik ist längst bereit, bei Bedarf die Moralhoheit zu übernehmen. Was Photoshops-KI-Werkezuge und Bildgeneratoren schon vormachen – das automatische Blockieren von Nacktbildern – könnte man auch in Kameras einbauen. Dann muss sich niemand mehr mit diesen Guidlines abplagen und diese Schutzmaßnahme würde allen weiblichen Körpern, nicht nur Athletinnen zu gute kommen. Ein Algorithmus erkennt dann von selbst „kritische Posen“ und verweigert das Auslösen. Vielleicht gibt es demnächst einen Warnhinweis: „Bitte ändern Sie den Aufnahmewinkel, um unsere ethischen Community-Standards zu genügen.“ Die Kamera entscheidet dann, was sittlich ist, und der Mensch wird zum Statisten im eigenen Beruf. Die Ironie: Während die Gesellschaft vernehmbar laut nach mehr Freiheit ruft, wird hier im Namen des Fortschritts die Kontrolle verschärft.
Männerkörper: Unantastbar oder einfach uninteressant?
Aus männlicher Sicht auffällig bleibt, dass der Leitfaden ausschließlich für Frauen gilt. Männer dürfen weiterhin in jeder Pose gezeigt werden, als sei ihr Körper per se unschuldig oder vielleicht schlimmer noch, gar nicht schützenswert. Ist das die späte Rache am Patriarchat oder schlicht ein blinder Fleck der Moralhüter? Die Frage, ob der Anblick eines erschöpften Sprinters nach dem Zieleinlauf weniger aufgeladen ist als der einer Stabhochspringerin, bleibt unbeantwortet. Gleichberechtigung sieht anders aus.
Zwischen Schutz und Unsichtbarkeit
Athletinnen wie Holly Bradshaw berichten von Social-Media-Angriffen und unangenehmen Videos, die aus unvorteilhaften Kameraperspektiven entstehen: „Ich habe persönlich Missbrauch in sozialen Medien erlebt und unangemessene Videos von mir und Kolleginnen gesehen, wenn Slow-Motion-Aufnahmen von uns im Wettkampf gemacht wurden.“ Die Absicht, Sportlerinnen zu schützen, ist nachvollziehbar. Doch wo endet Fürsorge und wo beginnt Bevormundung? Wer jede Nahaufnahme zum Tabu erklärt, riskiert, Frauen aus dem medialen Raum zu drängen. Dann wären sie zwar vor ihnen unangenehmen Zurschaustellungen in den sozialen Medien geschützt, doch möglicherweise tauchen sie in der Berichterstattung immer weniger auf. Und damit sänken ihre Chancen auf Einnahmen durch die mediale Vermarktung der Events. Denn, so die brutale Logik: Wovon es keine attraktiven Bilder gibt, das lässt sich auch schlecht vermarkten. Auch wenn die Bilder für viele (natürlich männliche) Betrachter nicht mehr interessant sind, sinken die Quoten und damit die Einnahmen. Ein Teufelskreis.
Die Rückkehr der guten Sitten
Was hier als Fortschritt verkauft wird, erinnert an die Moralvorstellungen der 50er und 60er Jahre. Damals bestimmten Sittenwächter, was gezeigt werden durfte. In den 70ern und 80ern kämpfte man dann für mehr Freiheit und Selbstbestimmung. Doch längst kehrt die Prüderie wieder zurück, diesmal im Gewand des Respekts. Die Debatte um Kamerawinkel und Moral ist ein Spiegel unserer Zeit: voller guter Absichten, voller Unsicherheiten, voller Widersprüche. Aber vielleicht soll es auch nur helfen, uns von der Beschäftigung mit den wirklich dringenden Problemen abzulenken.
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FAQ zum Thema „Raising the Bar“-Leitfaden
Ein 23-seitiges Regelwerk, veröffentlicht am 14. Juli 2026 von der European Broadcasting Union und European Athletics, das Empfehlungen für respektvolle Medienberichterstattung im Frauensport gibt.
Neben den Verbänden European Broadcasting Union und European Athletics waren die Athletinnen Holly Bradshaw, Ivana Španović und Blanka Vlašić beteiligt.
Glen Killane, Executive Director EBU Sport, erklärt: „Die Sexualisierung von Sportlerinnen durch gezielte Kamerawinkel und Schnittentscheidungen bleibt ein bedeutendes Problem in vielen Sportübertragungen.“
Holly Bradshaw berichtet: „Ich habe persönlich Missbrauch in sozialen Medien erlebt und unangemessene Videos von mir und Kolleginnen gesehen, wenn Slow-Motion-Aufnahmen von uns im Wettkampf gemacht wurden.“
Nein, der Leitfaden bezieht sich ausschließlich auf Frauen im Sport.
Nein, sie sind freiwillig, aber der moralische Druck ist hoch.
Der Leitfaden sieht keine Strafen vor, verweist aber auf gesellschaftliche Verantwortung.
Wird die Technik bald automatisch zensieren?
Die Entwicklung von Algorithmen, die „kritische Posen“ erkennen und Aufnahmen verhindern, ist technisch möglich.




