BlogKIPhotoshop

„Das ist doch gephotoshoppt!“ – Das Ende einer Ära

„Homes, diese Fotos sind doch gephotoshopped!“ – „…“
„Homes, diese Fotos sind doch gephotoshoppt!“ – „…“

TL;DR: Wir haben aufgehört zu sagen „das ist Photoshop“ und angefangen zu sagen „das ist KI“. Ende einer Ära. Photoshop, danke für die Erinnerungen!

Photoshop wurde zum Gattungsbegriff

„Ist das gephotoshoppt?“ oder „Das ist doch gephotoshoppt!“ – Diese Sätze haben im Internet über mehr als zwei Jahrzehnte lang jede Diskussion über verdächtig perfekte und unglaubliche Bilder eingeleitet.

Hier musste ich mir als Photoshopper natürlich immer wieder anhören, dass ich die Störche doch künstlich eingefügt hätte. Tatsächlich ist das aber ein echtes Foto. © Foto: Olaf Giermann
Hier musste ich mir als Photoshopper natürlich immer wieder anhören, dass ich die Störche doch künstlich eingefügt hätte. Tatsächlich ist das aber ein echtes Foto. © Foto: Olaf Giermann

Eine Softwarebezeichnung wurde zum Verb für Bildbearbeitung und bei der Bildbewertung mitunter zu einem Vorwurf. Das ist Sprachgeschichte, wie sie nur selten passiert: Tempo, Google, Uhu, Photoshop oder – obwohl gerade die sich mit Händen und Füßen dagegen wehren – Lego …lles Produktbezeichnungen, die ihre Marke hinter sich ließen und zu Gattungsbegriffen wurden.

KI übernimmt den Staffelstab

Ich habe in den letzten Monaten gemerkt, dass dieser Satz aus dem allgemeinen Wortschatz der Leute verschwunden ist. Nicht bewusst – er ist einfach ersetzt worden. Wenn heute ein Bild zu glatt aussieht, zu unmöglich komponiert zu sein scheint, zu perfekt beleuchtet, sagen Freunde und Bekannte nicht mehr „Das wurde gephotoshoppt.“, sondern vermuten sofort den Einsatz künstlicher Intelligenz:

„Das ist doch KI!“.

Dieser plötzliche Wandel in kultureller Wahrnehmung und Sprache ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, wie tief „photoshoppen“ in unserer Sprache verankert war. Der Duden hat das Verb 2009 aufgenommen. Rechtsabteilungen bei Adobe haben jahrelang versucht, gegen die Verwässerung der Marke vorzugehen (General trademark guidelines), mit mäßigem Erfolg, denn ein Wort, das sich einmal im Alltag festgesetzt hat, lässt sich nicht per Anwaltsschreiben zurückholen. Und Photoshop wurde eben die Erklärung für alles, was an einem Bild nicht stimmen konnte, aber trotzdem da war.

KI als allgemeiner Verdachtsmoment

Was mich an der begrifflichen Verschiebung interessiert, ist weniger dass KI-generierte Bilder inzwischen häufiger auftauchen als herkömmliche Retuschen, sondern was sich an unserem Verdachtsmoment verändert hat. „Gephotoshoppt“ oder wie Adobe es gerne formuliert hätte: „Das Bild wurde mit Adobe® Photoshop® Software bearbeitet.“ implizierte immer noch ein reales Foto als Ausgangspunkt. Jemand hat eine Kamera gehalten, ein Motiv fotografiert, und dann in der Nachbearbeitung gezaubert: Haut geglättet, Beine verlängert, einen Hintergrund ausgetauscht. Die Grundannahme war: Fotografie plus Manipulation.

Bei „das ist KI“ fehlt dieser Ausgangspunkt in der Realität komplett. Kamera, Objektiv, Person vor der Linse, ein spezieller Moment: Fehlanzeige!

Das fertige Bild ist von Anfang bis Ende eine Erfindung – und wirklich jedes „Foto“ könnte heute eine sein.

… „KI, mein lieber Watson!“ Aber Vorsicht: Schon so mancher selbstzugeschriebener Sherlock Holmes kann heute auch schon mal falsch liegen, wenn er echte Fotos als KI generiert identifiziert. Aber zumindest dieses Bild ist tatsächlich KI generiert, das kann ich Ihnen versichern. ;-)
… „KI, mein lieber Watson!“ Aber Vorsicht: Schon so mancher selbstzugeschriebener Sherlock Holmes kann heute auch schon mal falsch liegen, wenn er echte Fotos als KI generiert identifiziert. Aber zumindest dieses Bild ist tatsächlich KI generiert, das kann ich Ihnen versichern. 😉

Verlernen wir das Staunen?

Dass Fotos mit Programmen wie Photoshop optimiert und manipuliert wurden, war selbst Laien bekannt. Als der Satz „Das ist photoshoppt!“ seine Hochphase hatte, war er noch mit einem gewissen Erstaunen verbunden, mit Bewunderung für die handwerkliche Leistung dahinter. Frequenztrennung, Tricks mit Ebenenmodi, sauber maskierte Fotomontagen … Das war Arbeit, die Wissen und Erfahrung benötigte. Und das wurde respektiert, wenn man den Aufwand erkannte.

Herkömmliche Fotomontagen vermochten es auch, uns schon wegen des handwerklichen Könnens in Staunen zu versetzen. Bei KI-Bildern entfällt dieser Aspekt – da zählt höchstens noch die Bildidee, die uns beeindruckt, bewegt oder zum Schmunzeln bringt. So wäre es jedenfalls, wenn es heute noch einen DOCMA Award gäbe. Denn was soll man bewerten, wenn eine KI die komplette Bearbeitung und Komposition übernimmt?
Herkömmliche Fotomontagen vermochten es auch, uns schon wegen des handwerklichen Könnens in Staunen zu versetzen. Bei KI-Bildern entfällt dieser Aspekt – da zählt höchstens noch die Bildidee, die uns beeindruckt, bewegt oder zum Schmunzeln bringt. So wäre es jedenfalls, wenn es heute noch einen DOCMA Award gäbe. Denn was soll man bewerten, wenn eine KI die komplette Bearbeitung und Komposition übernimmt?

„Das ist KI!“ trägt diese Anerkennung nicht mehr in sich. Es klingt eher nach Achselzucken, nach einer Kategorie, die man abhakt, ohne sich für den Prozess dahinter zu interessieren. Ein Bild entsteht heute in Sekunden aus einem Prompt, und die Frage, wie viel Können – oder gar Absicht und Vorstellungsvermögen – darin steckt, einen guten von einem mittelmäßigen Prompt zu unterscheiden, stellt kaum jemand außerhalb unserer Branche. Aber auch mir geht es so: Bei digitaler Kunst, die mir früher ein ehrfürchtiges Staunen abgerungen hätten, zucke ich heute oft nur mit den Schultern, denn sie könnte ja „bloß“ KI-generiert sein.

Quo vadis?

Für uns als Menschen, die mit Bildbearbeitung ihr Geld verdienen oder ihre Leidenschaft ausleben, ist das kein Grund zur Wehmut, eher eine Gelegenheit zur Einordnung. Photoshop hat nicht aufgehört zu existieren, es ist nach wie vor das Werkzeug für alles, was mit einer echten fotografischen Basis beginnt: Retusche, Farbkorrektur, Fotomontagen aus mehreren realen Aufnahmen. Wer Fotografie beherrscht und mit Photoshop umgehen kann, hat natürlich auch viel mehr Möglichkeiten, gezielte Prompts zu formulieren und danach die KI-generierten Bilder nach den eigenen Vorstellungen zu optimieren. Aber das nur am Rande.

Denn was sich ändert, ist die kulturelle Zuschreibung, welches Werkzeug als Erklärung für das Unglaubliche herhalten muss. Früher war es die digitale Leinwand und viel Können von der Kamera- und Stiftführung bis zum fertigem Bild. Heute ist es zunehmend ein Prompt oder gar mehrere Prompts, die Unmengen an Bildern generieren können und den Künstler zum Kurator machen, der nur die besten unter ihnen auswählt.

KI erlaubt es mir heutzutage, Ideen umzusetzen, die schon seit Jahren bis Jahrzehnten in meinen Skizzenbüchern schlummern und die ich wahrscheinlich ohne KI nie verwirklicht hätte. Mit Warp und Transwarp werden nun Welten erreicht, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Falls Sie sich immer gefragt haben, wie sich beides unterscheidet – nun wissen Sie es. ;-) © Olaf Giermann + AI Lab + Photoshop
KI erlaubt es mir heutzutage, Ideen umzusetzen, die schon seit Jahren bis Jahrzehnten in meinen Skizzenbüchern schlummern und die ich wahrscheinlich ohne KI nie verwirklicht hätte. Mit Warp und Transwarp werden nun Welten erreicht, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Falls Sie sich immer gefragt haben, wie sich beides unterscheidet – nun wissen Sie es. 😉 © Olaf Giermann + AI Lab + Photoshop

Für mich sind die traditionelle Bildbearbeitung und KI kein Gegensatz. Ich sehe darin eine Einladung, in der Pixel-Giermeinschaft und zukünftigen DOCMA-Ausgaben auszuloten, wie man als kreativer Mensch beide Welten kombiniert, statt sie gegeneinander auszuspielen: Ein KI-generierter Hintergrund, in Photoshop mit einem echten Motiv verschmolzen. Eine generative Erweiterung einer Aufnahme, die anschließend klassisch retuschiert wird. Die schrittweise Verbesserung eines Bildes innerhalb eines KI-Generators (wie AI Lab, Higgsfield, Magnific, Gemini, Grok … ) und das gezielte Stilisieren und Color-Grading in Photoshop. Anschließend wird das alles vielleicht noch weitergeführt in Videoformate, falls es das Storytelling erfordert.

Künstler und „Maschine“ ergänzen sich, um neue Welten zu erschaffen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.
Künstler und „Maschine“ ergänzen sich, um neue Welten zu erschaffen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Genau dieser hybride Workflow zwischen Mensch und „Maschine“ ist schon der Stand der Dinge, bei dem die Künstler das Zepter in der Hand behalten – und nicht die KI vollständig übernimmt.

Fazit

Der Satz „Das ist photoshoppt!“ hat mich/uns über zwanzig Jahre lang begleitet und der Arbeit und Kreativität einer ganzen Branche eine prägende Bezeichnung gegeben. Photoshop, danke für die Erinnerungen!

Aber keine Sorge, Photoshop ist nicht tot. Es bleibt (m)eine kreative Schaltzentrale, in der herkömmliche und generative Techniken zusammenfließen.

In der öffentlichen Wahrnehmung tritt Photoshop jedoch gegenüber der allgegenwärtigen KI zurück. So hat „Das ist KI!“ den Photoshop-Verdacht praktisch bereits abgelöst.


Im DOCMAshop finden Sie alle Infos zum aktuellen Heft:
Das ausführliche Inhaltsverzeichnis sowie einige Seiten als Kostprobe.

Das DOCMA-Magazin können Sie als Print-Ausgabe und als E-Paper kaufen oder abonnieren. Alternativ bieten wir die Inhalte der jeweils aktuellsten DOCMA-Ausgabe auch im Abo in Form der DOCMA2go als wöchentliche E-Mails an (verteilt über 13 Wochen).

Zu den Print-Abos | Zu den Digital-Abos

Olaf Giermann

Olaf Giermann gilt heute mit 20 Jahren Photoshop-Erfahrung sprichwörtlich als das »Photoshop-Lexikon« im deutschsprachigen Raum und teilt sein Wissen in DOCMA, in Video­kursen und in Seminaren.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben.

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"