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Fotografen im Wandel der Zeit

Wenige Berufsbilder haben sich in den letzten 175 Jahren so stark verändert wie das des Fotografen. War das Metier zu Beginn etwas, das keiner zu beherrschen schien, wird heute gerne behauptet, es könne von jedem gemeistert werden. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit und eine spannende Entwicklung.

Die Frühzeit: Der Fotograf
als Scharlatan und Alchimist

Beginnen wir bei der Geburtsstunde des neuen Mediums: Wer sich in den Anfangstagen der Fotografie verschrieb, musste es aushalten können, von seiner Umgebung für verrückt gehalten zu werden: „So darf man den Franzosen Daguerre (…) von vorneherein einen Narren aller Narren nennen, wie jeder in Deutschland, welcher der unsinnigen Erfindung Glauben schenkt, ein Esel aller Esel genannt werden muss, “schrieb der Leipziger Stadtanzeiger. Die Fotografie wurde nämlich mitnichten zu Beginn als so bahnbrechend erkannt, wie sie sich im Lauf der Zeit herausgestellt hat.
Foto r.: Roger Fenton (1819–1869). Quelle

Foto l.: Herbert G. Ponting. Quelle
Nur wenige hatten Original-Daguerrotypien gesehen, und obwohl die optischen Geräte schon ab September 1839 in Berlin erhältlich waren, war eine genaue Anleitung nicht verbreitet worden. So war der Fotograf zunächst auf Versuch und Irrtum angewiesen und musste sich auf lange Fehlversuche einstellen: „Viele verzweiflungsvolle Stunden trieben dem jungen Mann Angsthitze in Herz und Kopf, so dass er oft nahe daran war, den Kasten (..) verächtlich in die Ecke zu stoßen und für immer von seinen Versuchen abzusehen.“ So farbig beschreibt der Sohn von Carl Dauthendey – dem ersten deutschen Daguerrotypisten – dessen Kampf um sein erstes Bild. Er hat auch überliefert, dass die ersten Bilder zur Hälfte Zufallsergebnisse waren. Die besondere Schwierigkeit lag darin, dass für die frühe Fotografie Kenntnisse sowohl in der Optik als auch der Chemie nötig waren. Dauthendey etwa war ausgebildeter Optiker und kam an seinem Arbeitsplatz, der Lindauer optischen Anstalt, in Kontakt mit der Daguerre-Kamera. Da die ersten Foto-Versuche oft nicht von Erfolg gekrönt waren, wurde die Erfindung als „Pariser Schwindel“ verunglimpft und im Leipziger Anzeiger explizit von der Anschaffung einer Kamera abgeraten: „Man warnt also alle diejenigen, die beabsichtigen ihr Geld für eine Kamera fortzuschicken, dieses Geld lieber in deutschen Lande zu belassen, wo es bessere Verwendung finden kann.“

Foto r.: Herbert George Ponting. Quelle

Wer es trotzdem wagte, musste so begeistert sein, dass es ihm nicht nur gelang, sich selbst weiterhin zu motivieren, sondern auch seine Modelle: „Die guten Menschen wurden so vom Fiebereifer meines Vaters angesteckt, dass sie es waren, die ihn trösteten, wenn er verzweifelte trotzdem sie stundenlang wie Leichname vor der Kamera stillsitzen mussten und alle erdenklichen Qualen, das brennende Sonnenlicht, die Insekten des Gartens und die drückende Sommerhitze bereitwilligst und ohne zu murren ertrugen.“ Die Begeisterung sprang indes nicht auf alle über. Ganz im Gegenteil verbreiteten sich viele Gerüchte um die ersten Fotografen. Dauthendey etwa berichtet, dass einige glaubten, er versuche mit seinem Kasten Sonnenlicht einzufangen, um daraus Gold zu machen. Andere dachten, mit dem Apparat könne man Krankheiten heilen. Die Kinder gar glaubten, der beschwöre unter dem schwarzen Tuch einen Geist, „da ihm, wenn er mit dem Kopf unter dem Tuch hervorkam, die Haare zu Berge standen, so musste es den Kindern erscheinen als habe er unter dem Tuch mit dem geheimnisvollen Geist gerungen.“ So wurde der Fotograf in den Anfangstagen eher als Alchimist gesehen denn als Handwerker oder gar Künstler. Entsprechend widmeten sich ihr vor allem Männer, die eine Chance darin sahen, mit der neuen Erfindung Geld zu verdienen.

Der Wissenschaftler als Fotograf und umgekehrt

Weitere Unerschrockene waren Wissenschaftler, die das neue Medium vor allem als Hilfsmittel zur Dokumentation nutzen wollten. Schon 1839 etwa wurde vorgeschlagen, Fotoapparate auf eine britische Expedition in die Antarktis mitzunehmen. Obwohl der Gedanke wieder fallen gelassen wurde, sollten zahllose weitere Expeditionen folgen, bei der Kameras feste Begleiter wurden. Und lange bevor ein Mensch einen Fuß auf den Mars setzen konnte, gelangten Kameras in seine Nähe. Selbst in der internationalen Raumstation ISS sind Kameras ein fester Begleiter der Astronauten (siehe https://twitter.com/Astro_Alex). Aber zurück in die Geschichte.

Der Auftritt der Amateurfotografen und des richtigen Augenblickes

Mit der Beherrschung der Technik und ihrer Weiterentwicklung änderte sich auch die Rolle des Fotografen und die Fotografierenden. Vor allem zwei technische Entwicklungen veränderten das Metier: Der Rollfilm und die Box-Kamera. Durch die Ablösung der Glasplatten wurden die Kameras mit dem Wechsel zum 20. Jahrhundert kleiner und leichter und es war möglich, Aufnahme und Entwicklung zeitlich und personell zu trennen. Kodak warb mit dem Slogan „You press the button – we do the rest“ und nahm den Kunden die Entwicklung und das Laden der Kamera ab. Der Fotograf musste nun kein Alchimist mehr sein, sondern konnte sich aufs Bild konzentrieren. George Eastman schrieb 1888 gar optimistisch: „Von jetzt an ist es für jeden Menschen mit normalem Verstand ein Leichtes, in zehn Minuten zu lernen, wie man gute Photos aufnimmt.“ Die Amateurfotografie entstand und brachte die Berufsfotografen in die Situation, sich abgrenzen zu müssen. Gleichzeitig verschaffte sie dem Gewerbe aber auch seinen Nachwuchs. Größen der Fotografie wie Henri Cartier-Bresson etwa begannen schon als Kind: „Wie viele andere Jungen sprang ich mit meiner Brownie-Box und ihren Schnappschüssen mitten hinein in die Welt der Photographie.“
Nun kam es nicht mehr nur auf die Beherrschung der Technik an, sondern auf das Erkennen des richtigen Augenblickes. Cartrier-Bresson schrieb: „Für mich heißt Photographie, im Bruchteil einer Sekunde gleichzeitig die Bedeutung eines Ereignisses und dessen formalen Aufbau erfassen, durch den es erst seinen eigenen Ausdruck erhält.“

Vom Chronisten und Kritiker seiner Zeit bis hin zum Paparazzo

Befeuert durch die immer kleineren und leichteren Geräte entwickelten sich auch neue Arbeitsfelder für Fotografen. Die Reise- und Reportagefotografie etwa erfuhren gleichzeitig mit dem Aufkommen der mit Fotos illustrierten Zeitschriften einen rasanten Aufschwung. „Mehr und mehr gewöhnt sich das Publikum daran, die Ereignisse der Welt stärker durch das Bild auf sich wirken zu lassen als durch die Nachricht“, schrieb der Chefredakteur der „Berliner Illustrierten Zeitung“, Karl Korff, schon 1927. Der Fotograf wurde damit zum Chronisten seiner Zeit – und oft zum Kritiker. Lewis Hines Aufnahmen von Kinderarbeit Anfang des 20. Jahrhunderts etwa trugen wesentlich zu deren Verbot bei. Robert Frank, der in seinem Werk „The Americans“ die Gesellschaft proträtierte, schrieb: „Ich bin vor allem überzeugt, dass ein Photograph dem Leben nicht neutral gegenüber stehen darf. Eine Meinung zu haben, bedeutet oft, kritisch zu sein.“ Die Neugierde auf die Welt ging aber schon früh auch so weit, dass Fotografen Prominente verfolgen und als Paparazzi Jagd aufs eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Bild machen. 1898 etwa verschafften sich zwei Fotografen widerrechtlich Zugang zu Bismarcks Sterbezimmer und machten eine Blitzlichtaufnahme des früheren Reichskanzlers, die sie an die Illustrierten verkaufen wollten.

Foto l.: W. J. Whittingham (1887-1941). Quelle

Der Fotograf als Regisseur
einer schönen neuen (Werbe)welt

Parallel zur Dokumentation bekam die Fotografie aber auch in der Werbung eine immer wichtigere Rolle und löste die bis dahin verwendete Produkt-Zeichnung ab. Der Fotograf inszeniert dafür sein Motiv und wird zum Schöpfer einer eigenen Bildwirklichkeit. Ziel ist es, ein Werk zu schaffen, das einen „Blickfang“ bietet, also „die Aufmerksamkeit unbezwinglich auf sich zieht“, wie es 1929 in einem Text von Willi Warstadt heißt. Damit bekommen sowohl die inszenierte Fotografie als auch die Retusche und Fotomontage weiteren Auftrieb. Beides schlug sich auch in Gebieten wie der Modefotografie in Illustrierten nieder. Cecil Beaton, einer der Wegbereiter dieser Gattung, beschreibt in seiner Autobiografie aufwendige Inszenierungen, wie etwa eine zum Thema „Wie man kühl bleibt“, für die eine Wand aus Eisblöcken ins Studio gekarrt wurde, um ein an einer Zitronenlimonade nippendes Supermodel seiner Zeit auf einem Eisblock-Thron zu platzieren. Er fasst zusammen: „Ab und zu nehmen die Vorbereitungen hinter der Bühne unvorstellbare Ausmaße an. Verschiedene Spezialisten geben sich unendliche Mühe, Kleider, Accessoires, Schmuck, Kulissen und Requisiten zusammenzustellen.“ Der Fotograf wird zum Regisseur einer schönen neuen Werbewelt. Und sogar damals schon diskutierte man die Rolle der Retusche: „Heutzutage sind wir so an die Schmeichelei der Photographie gewohnt, dass wir schon glauben, die Kamera habe sich brutal geirrt, sofern der Fotograf das Negativ nicht erheblich retuschiert und damit die Wahrhaftigkeit seiner Aufnahme zerstört hat.“ Das schrieb Cecil Beaton nicht etwa gestern, sondern 1951.

Foto r.: © Photoglobus, Martin Kraus, LEAF HANDS
Es wäre ihm wahrscheinlich unvorstellbar gewesen, dass Fotos in einem noch viel stärkeren Maß manipulierbar wurden, als sie es im Zeitalter des Filmes jemals waren. Mit dem Aufkommen der Digitalfotografie ist jedoch genau das passiert. Sogar schon vorher wurden auch Bildbearbeitungsprogramme immer populärer. Der Marktführer Photoshop von Adobe etwa kam schon 1990 in einer ersten Version auf den Markt (und ähnelt in seiner Werkzeugleiste übrigens verblüffend der aktuellen Version). Das Foto wurde durch die Kombination dieser beiden Entwicklungen in einem bis dahin ungekannten Maß nur noch Ausgangsmaterial für das endgültige Bild, das erst im Computer entsteht. Manche bekannte Namen der Szene wie der populäre Calvin Hollywood kamen gar über die Bildbearbeitung erst zur Fotografie. Er hat seine Aufnahmen zunächst nur als Rohmaterial für seine digitalen Collagen gemacht und ist damit der Prototyp einer ganz neuen Klasse von Bildkünstlern. Oft entsteht ein Teil des endgültigen Bildes gar vollständig im Computer. „Computer generated Imagery“ (CGI) nennt sich das und ist heute schon ein wichtiger Teil des Bildermarktes. „Mehr und mehr professionelle Fotografen diversifizieren ihre Einkunftsquellen und nutzen hybride Geschäftsmodelle, die die Fotografie mit Computeranimation und verwandten Fähigkeiten kombinieren“, schrieb schon Ende 2013 die „American Society of Media Photographers“ (ASMP).

Foto l.: © Photoglobus, Mike Farmer, DAS SCHLAFENDE PFERD
Aber nicht nur die Digitalisierung hat den Beruf und damit auch die Rolle des Fotografen völlig verändert. Die Kombination mit der weltweiten Vernetzung durch das Internet hat einen radikalen Wandel herbeigeführt. Es hat das Aufkommen der riesigen Bildarchive der Stockfotografie möglich gemacht. Wo früher Fotos individuell für Drucksachen angefertigt werden mussten, kann nun vieles schon mit wenigen Mausklicks zu einem deutlich geringeren Preis im Internet erworben werden. Wer als Werbefotograf nicht frühzeitig auf den Stockfotografie-Zug aufgesprungen ist, der musste in den letzten Jahren einen massiven Auftragseinbruch verkraften und sich neue Betätigungsfelder suchen.
Eines davon ist das Filmen. Seit Digitalkameras auch die Fähigkeit zur Aufnahme von Bewegtbild mitbringen, ist das technisch relativ einfach möglich. Die Geräte konvergieren sogar immer mehr. Mittlerweile ist es möglich, auch aus Filmen qualitativ hochwertige Standbilder zu extrahieren. Ob der Fotograf damit vom Herrn über das unbewegte Bild auch zu dem über das bewegte wird, ist Gegenstand zahlreicher aktueller Diskussionen. Stars wie der Fotograf und Filmer Anton Corbijn, die beide Varianten meisterhaft beherrschen, sind jedoch nach wie vor selten.

Was bleibt?

Bleibt zu spekulieren, wie sich das Berufsbild in Zukunft noch ändern wird, und festzuhalten, was geblieben ist seit den Anfangstagen der Alchemie. Werden die Maschinen den Fotografen irgendwann ablösen? In der Tat ist es heute schon so, das automatisierte Aufnahmen der Welt, wie sie etwa Google für seinen Dienst StreetView anfertigen lässt, einen Anteil in der Bilderwelt erobert haben. Das Fotografie-Magazin „foam“ hielt diese gar schon für eine neue Form des „entscheidenden Moments“ eines Henri Cartier-Bresson: „Street View hat eine andere Form von entscheidendem Moment hervorgebracht, die nicht mehr abhängig ist vom Fotografen, sondern stattdessen einzig vom Zufall beherrscht wird.“ Eine interessante Randnotiz ist, dass diese automatisierten Aufnahmen wiederum Künstlern wie Michael Wolff als Ausgangsmaterial dienen. Er wanderte als virtueller Straßenfotograf im unendlichen Bildarchiv herum und entdeckte dort die entscheidenden Momente, die er uns als Ausschnitt aus dem Automatenbild zeigt. Damit bestätigt er, was die ASMP für die wesentliche Rolle des Fotografen hält: „Schlussendlich sind Fotografen Geschichtenerzähler – unabhängig davon, welche Technologie oder Werkzeuge sie einsetzen. (…). Es geht nicht um das Werkzeug oder die Beherrschung der Werkzeuge, sondern um die Geschichte. Darum, wie man sich entscheidet, sie zu erzählen und darum, wen man mit dem Erzählen der Geschichte erreichen kann.“
Quelle: prophoto-online

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