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Das scharfe 50er Normalobjektiv

pphoto_50_14_dg_hsm_a014_img_03: Das scharfe 50er Normalobjektiv

Das scharfe 50er Normalobjektiv

Normalobjektive mit einer Brennweite von 50 mm gelten oft als etwas langweilig, aber gerade die neutrale Perspektive, die sich mit solchen Objektiven ergibt, fordert die Kreativität des Fotografen heraus. Auch die Hersteller fühlen sich zu einer Leistungsschau herausgefordert, denn die höchste Abbildungsqualität innerhalb eines Objektivsortiments findet man meist nahe der Normalbrennweite. Michael J. Hußmann hat sich das Sigma 50 mm F1.4 DG HSM angeschaut, einen Bewerber um den Spitzenplatz in der 50 mm-Klasse.

Normalobjektive liegen in der Mitte der Brennweitenskala, was sie zu idealen Kandidaten für eine Optimierung der Abbildungsleistung macht. Weitab der Extreme, die den Objektivent­wicklern stets Kompromisse abfordern, können die Hersteller ihre Kunst unter Beweis stellen.

Ein Beispiel dafür ist das neue Sigma 50 mm F1.4 DG HSM, das in Versionen für die Spiegelreflexsysteme von Canon, Nikon und Sony sowie für Sigmas eigenes System angeboten wird (www.sigma-foto.de). Dieses Objektiv der Art-Produktlinie ist für das Kleinbildformat konzipiert, kann aber natürlich auch als leichtes Tele an APS-C-Kameras Verwendung finden.
Normalobjektive mit der hohen Lichtstärke von 1:1,4 sind die Königsklasse; hier finden sich Maßstäbe setzende Objektive wie das Leica Summilux-M 1:1,4 / 50 mm Asph., oder das Zeiss Otus 1.4 / 55. Sigmas neues Art-Objektiv ist mit einem Preis von rund 1000 Euro vergleichsweise preisgünstig, überzeugt aber in vielen neutralen Tests mit einer hohen Abbildungsqualität.

LC_50_14_DG_HSM_Linsenschnitt: Das scharfe 50er Normalobjektiv

Bei der Fokussierung bewegen sich nur die hinteren Linsengruppen einschließlich der Blende; die Länge des Objektivs insgesamt bleibt bis zur Naheinstellgrenze von 40 cm konstant. Die blau hervorgehobenen Linsen sind aus einem Glas besonders geringer Dispersion geschliffen; die Hinterlinse (rosa hervorgehoben) hat asphärische Oberflächen. (Illustration: Sigma)

Das scharfe 50er Normalobjektiv: Schön scharf, schön unscharf

Eine Objektivrechnung muss danach trachten, die Abbildungsfehler, die bei einem aus Linsen aufgebauten Objektiv nie völlig vermeidbar sind, auf ein Minimum zu reduzieren. Ein offensichtliches Entwurfsziel ist die möglichst scharfe Abbildung von Moti­ven in der fokussierten Entfernung. Dazu ist ein hohes Maß an Korrektur der sphärischen Aberration nötig – alle von einem Punkt ausgehenden Strahlen sollen sich in demselben Punkt auf dem Sensor treffen, ganz gleich, welchen Weg sie durch das Objektiv genommen haben. Dies ist eine um so anspruchsvollere Aufgabe, je größer die Lichtstärke ist. Für eine große Schärfe bis in den Randbereich müssen auch die Koma und der Farbquerfehler gut korrigiert sein, die einfarbige beziehungsweise komplementärfarbige Artefakte erzeugen.

Das Sigma 50 mm F1.4 DG HSM erfüllt diese Voraussetzungen und bildet schon bei offener Blende scharf ab; allein der Randlichtabfall wird durch moderates Abblenden auf f2,8 noch einmal deutlich verringert.

Mit einer guten Korrektur der sphärischen Aberration, die über das Auflösungsvermögen bei offener Blende entscheidet, ist es aber noch nicht getan. Die heute meist übliche Überkorrektur sorgt zwar für eine knackige Schärfe in der Schärfen­ebene; im unscharfen Hintergrund zeigt sich dann jedoch ein unschönes Bokeh – ein detailreicher Hintergrund erscheint unscharf, wirkt aber unruhig bis hin zu Doppelkonturen, und die Unschärfekreise haben einen harten Rand mit hellen Halos.

Die Herausforderung an die Objektiventwickler besteht also darin, eine hohe Schärfe in der Schärfenebene mit einer angenehmen Unschärfe in Vorder- wie Hintergrund zu verbinden, und diese Ziele stehen im Widerstreit. Auch die gleichzeitige Optimierung des Vorder- und Hintergrundbokehs ist schwierig, denn meist geht eine Verbesserung des einen auf Kosten des anderen. Das Sigma 50 mm F1.4 DG HSM schafft es dennoch, sich in allen drei Disziplinen auszuzeichnen, denn vor wie auch hinter der Schärfenzone erzeugt es ein angenehmes, ruhiges Bokeh mit weich begrenzten Unschärfekreisen ohne Halos.

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Die knackige Schärfe in der bei offener Blende hauchdünnen Schärfenzone steht hier vor einem angenehm ruhigen Hintergrundbokeh. (Foto: Christoph Künne)

Für das gute Bokeh ist auch die Korrektur des Farblängsfehlers verantwortlich. Wie der Farbquerfehler ist dieser ein Aspekt der chromatischen Aberration, der sich in grünen beziehungsweise violetten Halos der Unschärfekreise zeigt, je nachdem, ob sich die so abgebildeten Lichtpunkte vor oder hinter der Schärfenebene befinden. Bilder des 50 mm F1.4 DG HSM bleiben erfreulicherweise frei davon.

Auch die übrigen qualitätsbestimmenden Faktoren geben keinerlei Anlass zur Kritik und erreichen für diese Objektivklasse sehr gute Werte; die Verzeichnung ist praktisch unmerklich und die Vignettierung schon ab f2,8 minimal.

Natürlich fordert diese Abbildungsleistung einen Preis. Mit einem Durchmesser von 85,4 mm und einer Länge von 99,9 mm ist das Objektiv nicht gerade zierlich, wenn auch deutlich kleiner als das Zeiss Otus. Sein Gewicht von rund 815 g geht nicht nur auf die 13 Linsen, sondern auch auf die Verwendung von Metall im Tubus zurück. Das Bajonett des vollständig in Japan gefertigten Objektivs besteht aus massivem Messing.

A_50mm_draufsicht: Das scharfe 50er Normalobjektiv

Ein kurzer Dreh am gummierten Fokussierring aktiviert auch im Autofokus-Modus einen manuellen Override.

Das scharfe 50er Normalobjektiv: Drehen oder drehen lassen

Als Antrieb der automatischen Fokussierung dient ein schneller und leiser Ultraschallmotor. Aufgrund der Innenfokussierung ändert das Objektiv nicht seine Länge; nur die hinteren Linsengruppen verschieben ihre Position. Als Floating Elements wird ihre Verstellung für jede Distanz und bis in den Nahbereich optimiert. An der Naheinstellgrenze von 40 cm liegt der Abbildungsmaßstab bei 1:5,6. Der Fokussierring bleibt auch im AF-Modus aktiv; Sie brauchen ihn nur zu drehen, um kurzzeitig von der Automatik auf Handsteuerung umzuschalten.

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Wenn Sie das Objektiv an Sigmas optiona­les USB Dock statt an die Kamera anschließen, können Sie seine Parameter am Computer nach Ihren eigenen Bedürfnissen optimieren oder die Firmware aktualisieren.

Mit

Das scharfe 50er Normalobjektiv: USB-Anschluss

Jedes moderne Objektiv verfügt über einen eigenen Prozessor, mit dem normalerweise nur die Kamera kommuniziert. Über Sigmas optionales USB-Dock lässt sich das Objektiv mit dem Computer verbinden, um beispielsweise die Firmware zu aktualisieren oder den Autofokus zu korrigieren.

Anschluss wechsle dich
Je mehr man mit dem Kauf weiterer Objektive in ein Kamerasystem investiert, desto enger ist man an dieses System gebunden. Im Zeitalter rein manueller Objektive gab es noch Adapterlösungen, die den Systemwechsel erleichterten, aber die heute üblichen proprietären Übertragungsprotokolle, nach denen Kamera und Objektive Daten austauschen, hebeln so einfache Lösungen aus. Sigma bietet für seine neueren Objektive eine Alternative an: Wenn Sie später zu einem System wechseln, für das eine kompatible Version dieses Objektivs existiert, können Sie Ihr Objektiv auf diesen Anschluss umrüsten. Die Modifikationen umfassen den Austausch des Bajonetts, aber auch von elektronischen Komponenten des Objektivs. Das 50 mm F1.4 DG HSM lässt sich für 200 Euro umrüsten; die Kosten für andere Sigma-Objektive liegen zwischen 100 und 325 Euro.
 

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