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Schnipp, schnapp, schadenfroh

Kennen Sie Buddy Bolton? Vermutlich nicht, aber mit einem kontroversen YouTube-Film hat sich der New Yorker Comedian jüngst ins Gespräch gebracht: Ein Mitarbeiter zog mit einer Astschere bewaffnet durch Manhattan und schnitt fotografierenden Touristen die Selfie-Sticks ab – eine erzieherische Maßnahme, mit der er hohe Klickzahlen, aber weit mehr Kritik als Beifall provozierte. Nur: Ist das alles überhaupt real?

Buddy Bolton dürfte allenfalls ein paar New Yorkern ein Begriff sein, die ihn als Stand-up Comedian erlebt haben. Er soll mal Gast in Conan O’Brien’s Late-Night-Show gewesen sein, aber das ist schon 15 Jahre her. Nun hat er sich mit einem YouTube-Video weltweit ins Gespräch gebracht, das bis heute über 1,2 Millionen Mal aufgerufen wurde.

Buddy Boltons anonymer Helfer ging mit der Astschere auf die Jagd nach Selfie-Sticks.

Buddy Boltons anonymer Helfer ging mit der Astschere auf die Jagd nach Selfie-Sticks.

Ende August 2016 ließ er einen anonymen Mitstreiter auf die Jagd nach Touristen und New Yorkern gehen, die sich mit dem Smartphone am Selfie-Stick fotografieren – eine Unart, wie Bolton meint, die er den Leuten gerne abgewöhnen möchte. Früher hätte man einen Passanten gefragt, ob er ein Foto von einem machen könnte, und so, meint er sollte es noch immer sein. Der Selfie-Stick-Killer, den Bolton mit der Videokamera durch Manhattan begleitete, sprang auf nichts ahnende Menschen zu und knipste deren Selfie-Stick mit einer Astschere durch. Manche der wütenden Opfer versuchten ihn zu verfolgen, aber der Mann mit der Schere war schneller.

Dem Blog DNAinfo New York verriet Bolton, die im Film gezeigten Opfer hätten ihm eine Freigabe erteilt; zudem hätte jeder einen 10-Dollar-Selfie-Stick als Ersatz bekommen, denn so richtig böse sei die Aktion gar nicht gemeint gewesen. Er wollte die Menschen nur dazu bringen, auf andere zuzugehen statt sich nur mit sich selbst zu beschäftigen – „Übelkeit erregende Eitelkeit“ müsse nun mal bestraft werden.

Ungeliebte Selfie-Sticks

Ungeliebte Selfie-Sticks

Nach den Wertungen der YouTube-Gemeinde zu urteilen kam die Aktion eher weniger gut an. 5.400 Betrachter klickten schadenfroh auf „Mag ich“, während sich 19.600 für „Mag ich nicht“ entschieden. Es kamen aber auch schnell Zweifel auf, ob nicht die ganze Aktion inszeniert wäre. Es ist ja nicht sehr wahrscheinlich, dass ein augenscheinlich Irrer mit einer Astschere anderthalb Wochen lang die beliebtesten Ecken New Yorks unsicher machen kann, ohne dass die Polizei eingreift. Die Erklärung, die Betroffenen seien mit einem Ersatz-Stick friedlich gestimmt worden, kann ebenso wenig überzeugen. Bei den Attacken fallen reihenweise Smartphones auf das Straßenpflaster, und es ist unwahrscheinlich, dass nicht wenigstens einige danach ein Totalschaden waren. Die Smartphones zu ersetzen käme weit teurer, als jemandem einen neuen Selfie-Stick für 10 Dollar in die Hand zu drücken. Und wer würde sich so schnell beruhigen lassen, statt den Angreifer entweder anzuzeigen oder gleich an Ort und Stelle zu verprügeln? Ich gehe daher davon aus, dass Buddy Bolton seine Aktion mit Laiendarstellern und leeren Smartphone-Hüllen inszeniert hat.

Woher aber kommt die Ablehnung des Selfie-Sticks, die sich in schadenfrohen Kommentaren zum Video äußerte? Woher der Furor, die Menschen davon abbringen zu wollen? Sicher, es kann stören, wenn man sich an belebten Plätzen durch ein Spalier an Selfie-Sticks kämpfen muss. An manchen Orten wie beispielsweise Museen sind sie verboten, weil man befürchtet, achtlos mit dem Stick herumfuchtelnde Besucher können wertvolle Ausstellungsstücke beschädigen. In der Regel sind die Selfies mit dem Smartphone am Stick jedoch ein harmloser Zeitvertreib. Man kann die Selfie-Mode albern finden, aber schließlich muss man ja auch nicht mitmachen.

Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“ enthält eine Szene, die wie das Vorbild für den Selfie-Stick-Killer wirkt: „Weh! Jetzt geht es klipp und klapp / Mit der Scher’ die Daumen ab, / Mit der großen scharfen Scher’! / Hei! da schreit der Konrad sehr.“

Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“ enthält eine Szene, die wie das Vorbild für den Selfie-Stick-Killer wirkt: „Weh! Jetzt geht es klipp und klapp / Mit der Scher’ die Daumen ab, / Mit der großen scharfen Scher’! / Hei! Da schreit der Konrad sehr.“

Der Impuls, anderen ihre weitgehend harmlosen Freuden zu vergällen, hat immer etwas Spießiges. Er speist sich aus einem Überlegenheitsgefühl, das man eigentlich hinterfragen müsste. Ja, der Mensch ist eitel, aber gerade wer die Menschheit mit einem Video über die Zerstörung von Selfie-Sticks erziehen will, nimmt sich zu wichtig – viel mehr noch als der Tourist, der sich vor dem Hintergrund New Yorks fotografiert und das Bild mit seinen Freunden teilt.

Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann

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