Endlich werden wir die Fotografen los!
Fotografen haben es nicht leicht, seitdem KI-Hersteller ihre besten Ideen stehlen, zu Schweinefraß (englisch „slop“) verwursten und diesen zu nicht kostendeckenden Dumpingpreisen auf den Markt werfen. Während damit ihre angestammten Märkte wegbrechen, müssen sich professionelle Fotografen neuerdings auch noch vorhalten lassen, sie beherrschten ohnehin keine wertvolle und erhaltenswerte Kulturtechnik.
So jedenfalls muss man den geradezu gehässigen Beitrag „Do We Still Need to Treat Photography as a Profession?“ auf Fstoppers verstehen. Im letzten Absatz gesteht sein Autor Alvin Greis Fotografen zwar zu, dass sie für vereinzelte Aufgaben weiterhin gebraucht würden, aber welche das sein sollten, verrät er nicht. Die professionelle Fotografie käme weitgehend an ihr Ende, und das sei auch gut so, denn die Fotografen nähmen sich zu wichtig.
„Die Situation wird oft als Krise der professionellen Fotografie beschrieben, so als ob etwas Wertvolles verloren ginge. Dieses Framing verfehlt den zugrunde liegenden Mechanismus. Es ist nicht der der Beruf, der verschwindet, sondern seine früher übertriebene Präsenz.“

In der Anfangszeit der Fotografie wäre die nötige Ausrüstung noch teuer und der Umgang damit komplex gewesen, woraus Berufsfotografen ihre Existenzberechtigung herleiteten. Später galt zumindest noch das Risiko als zu groß, dass beim Fotografieren etwas schief gehen könnte. In der analogen Fotografie gibt es ja keine sofortige Erfolgskontrolle, und wenn der Film endlich entwickelt ist und Abzüge angefertigt sind, kann es längst zu spät für eine zweite Chance sein. Genauso wie man die Hauselektrik und den Sanitärbereich sicherheitshalber einem Elektriker beziehungsweise Klempner überlässt, weil man befürchtet, bei Do-it-yourself-Bemühungen an einem elektrischen Schlag zu sterben oder die Wohnung unter Wasser zu setzen, engagierte man früher einen Berufsfotografen, wenn die Aufnahmen auch garantiert gelingen sollten.
Aber all die Risiken, die früher ein Foto ruinieren konnten, sind ja längst keine mehr, wendet Alvin Greis ein. Heutzutage kümmern sich Automatiken um die Fokussierung und die Belichtung, Bildstabilisatoren verhindern Verwacklungsunschärfe, Verfahren zur Rauschunterdrückung retten Aufnahmen bei wenig Licht, und wenn doch einmal etwas schiefgehen sollte, sehen wir das sofort und können die Aufnahme beliebig oft wiederholen. Wozu brauchen wir noch jemanden, der sich von Berufs wegen mit der Fotografie auskennt, wenn sich die Kamera selbst schon um alles kümmert?
Daraus leitet Greis sein Verdikt ab, die besonderen Fähigkeiten von Fotografen hätten nie einen Wert an sich gehabt und seien heute überflüssig – und damit auch die professionellen Fotografen selbst. Was nicht zu bedauern sei, denn wenn der Beruf des Fotografen aussterben sollte, ginge keine wichtige Kulturtechnik verloren.
Ich bin mir nicht sicher, ob Alvin Greis das alles ernst meint, oder ob er lediglich provozieren will. Provokation ist schließlich ein bewährtes Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen, und Aufmerksamkeit lässt sich monetarisieren. Gleichzeitig nutzt er als Künstler selbst das Medium der Fotografie und bietet seine Werke zum Kauf an. Aber nehmen wir mal an, der Fstoppers-Artikel gäbe seine ehrlichen Überzeugungen wieder – was wäre dann davon zu halten?

Schon Greis’ Prämissen kann man durchaus in Zweifel ziehen. Autofokussysteme mit Motiverkennung und -verfolgung machen zwar einen guten Job, Belichtungsautomatiken mit einer Szenenerkennung ebenso. Smartphones („richtige“ Kameras erfordern noch mehr Handarbeit) bekommen ohne menschliches Zutun selbst extreme Kontraste in den Griff. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Bildergebnisse immer dem entsprechen, das sich der Fotograf erhofft hatte. Die Kameras können noch immer keine Gedanken lesen und wissen weder, was eigentlich fokussiert werden sollte, noch welche Tonwertverteilung im Bild beabsichtigt war. Dass Mensch und Kamera längst nicht immer als eingespieltes Team agieren, bekommt man auch beim Mitlesen in Fotoforen mit: Die Entscheidungen einer Automatik werden nicht selten als falsch empfunden, obwohl sie anhand gut durchdachter Regeln erfolgen, weil die Kamerafirmware anders „denkt“ als der Fotograf.
Nicht einmal die Vorstellung, Profis würden die Fototechnik vollständig beherrschen und ihre theoretische Basis durchdrungen haben, trifft so generell zu. Einige der berühmtesten Fotografen haben sich, wenn es um technische Feinheiten ging, auf ihre Assistenten verlassen. Man kann auch ein beeindruckendes Œuvre vorweisen und dennoch manchem Irrglauben über technische Zusammenhänge erlegen sein.
Digitalkameras machen es tatsächlich möglich, das Bildergebnis unmittelbar nach der Aufnahme zu kontrollieren, aber allein damit ist man noch immer nicht vor Fehlschlägen geschützt. Insbesondere nicht, wenn man zu sehr auf Automatiken vertraut, denn warum sollten diese beim zweiten oder dritten Versuch richtig machen, was im ersten Ansatz misslungen war? Ganz abgesehen davon, dass man in Genres wie der Sport-, Wildlife- oder Streetfotografie oft gar keine zweite Chance bekommt. Und wie oft soll sich denn ein Hochzeitspaar küssen müssen, bis der als Fotograf verpflichtete Onkel mit der Systemkamera ein vorzeigbares Bild auf der Speicherkarte hat?
Wichtiger ist noch ein anderer Punkt: Greis’ Argumentation entspringt einem verengten Verständnis der Aufgaben eines Fotografen. Die Kamera unfallfrei zu bedienen und damit scharfe und weder über- noch unterbelichtete Bilder zu produzieren, darin gegebenenfalls unterstützt durch menschliche oder maschinelle Assistenten, ist eine Grundvoraussetzung der Fotografie, aber auch nicht mehr als das. Diesen Teil der fachlichen Qualifikation kann jeder erwerben, der sich ein bisschen Mühe gibt. Herausragende Fotografen zeichnet aus, dass sie Fotos durch Komposition, Perspektive, Farbe, Licht und Schatten gestalten können und darin einen eigenen, wiedererkennbaren Stil entwickelt haben. Vor allem aber sind sie mit ihren bevorzugten Motiven vertraut. Erfolgreiche Sport-, Reportage-, Wildlife-, Street, Hochzeits- oder Porträtfotografen haben ein Gespür dafür, wie sich ihre Motive verhalten, ahnen daher, was als nächstes passiert, und können das gegebenenfalls auch steuern. Nicht zuletzt kennen sie die Wünsche und Erwartungen ihrer Kunden und wissen diese zu berücksichtigen.
Für Alvin Greis kommt es darauf nicht an, und auch ein individueller Stil erscheint ihm überflüssig. Als Ersatz empfiehlt er vorgefertigte Filter, Presets und KI-Werkzeuge zur Bildbearbeitung, deren Ergebnisse sich in den sozialen Medien bewährt haben: „Persönlicher Geschmack wird optional, wenn soziale oder algorithmisch validierte Ergebnisse vorausgewählt und verstärkt werden.“ Wer braucht noch irgendeine Art von Geschmack, wenn der Algorithmus ohnehin besser weiß, was gerade gut klickt? Ein solcher Ansatz kann tatsächlich funktionieren, zumindest eine Zeit lang, aber er führt auch zu einer immer gleichförmigeren Fotografie mit einer zunehmend langweiligeren Ästhetik. Wie wir aus dieser Sackgasse am Ende wieder heraus kommen, werden wir dann selbst herausfinden müssen.





