
Die Debatte ist im Grunde beendet, bevor sie je richtig begann. Während Puristen noch über die Seele der Kunst und die Unersetzbarkeit menschlicher Schöpfungskraft philosophieren, hat die Realität Fakten geschaffen: 86 Prozent aller Kreativschaffenden nutzen bereits generative KI-Werkzeuge in ihrem Alltag. Dies ist keine ferne Zukunftsvision mehr, sondern gelebte Praxis. Doch die wahre Umwälzung, so offenbart die umfassende Studie „AI Transformation 100“ des Work AI Institute von Glean, ist nicht technologischer, sondern kultureller Natur. Künstliche Intelligenz verändert nicht nur unsere Werkzeuge, sie zwingt uns zu einer radikal neuen Auseinandersetzung mit unserem eigenen kreativen Selbstverständnis. Sie ist weniger Konkurrent als vielmehr ein Spiegel, der die Essenz kreativer Arbeit schonungslos offenlegt.
Der Kreative als Kurator – Die neue Arbeitsteilung
Die größte Veränderung findet in der Neuverteilung der Aufgaben statt. Die Studie belegt, dass Wissensarbeiter bis zu 53 Prozent ihrer Zeit mit repetitiven, administrativen Tätigkeiten verbringen – eine enorme Verschwendung kreativen Potenzials. Genau hier setzt die Automatisierung an und befreit den Kreativen von der Plackerei, nicht aber vom Handwerk. Wo früher das Freistellen von Motiven oder die Retusche von Bildfehlern Stunden in Anspruch nahm, erledigen Algorithmen dies heute in Sekunden. Adobe Firefly, das mit einem Marktanteil von 29 Prozent – trotz aller qualitativen Beschränktheit – eine dominante Stellung einnimmt, wird von 70 Prozent seiner Nutzer mindestens einmal wöchentlich frequentiert. Das Werkzeug ist zur Selbstverständlichkeit geworden.
Die eigentliche Metamorphose liegt jedoch tiefer: Der Kreative wandelt sich vom reinen Macher zum Regisseur und Kurator. Anstatt eine Idee mühsam von Grund auf zu entwickeln, wird die KI zum unermüdlichen Sparringspartner. Ein in der Studie zitierter Londoner Maler ließ Midjourney 50 Variationen einer surrealen Landschaft anfertigen, um die vielversprechendste als Ausgangspunkt für ein traditionell gemaltes Ölbild zu nutzen. Die Maschine liefert das Rohmaterial der Imagination, der Mensch trifft die strategische und ästhetische Entscheidung. Er steuert den Prozess, bewertet die Ergebnisse und verleiht dem Werk durch seine Auswahl und Weiterverarbeitung die entscheidende Signatur. Diese neue Machtverteilung beschränkt sich nicht nur auf den einzelnen Schreibtisch, sie demokratisiert ganze Disziplinen. Werkzeuge wie Canva, das monatlich über 600 Millionen Nutzer anzieht, oder Figma, das die Anfertigung von Benutzeroberflächen um bis zu 25 Prozent beschleunigt, geben Laien gestalterische Mittel an die Hand, die einst Profis vorbehalten waren.
Die Schattenseiten der Allgegenwart
Doch diese Demokratisierung hat ihren Preis und erzeugt eine spürbare Spannung im Markt. Die Glean-Studie zeigt, dass 69 Prozent der Kreativen besorgt sind, dass ihre Werke ohne Zustimmung zum Training von KI-Modellen herangezogen werden. Die Frage nach Urheberschaft und geistigem Eigentum wird zu einem juristischen und ethischen Minenfeld, wenn ein Algorithmus auf Millionen von Bildern trainiert wurde, deren Schöpfer weder gefragt wurden noch eine Vergütung erhalten. Adobe versucht, diesen Bedenken mit Firefly zu begegnen, indem das Modell ausschließlich mit lizenzierten Adobe-Stock-Inhalten und gemeinfreien Werken trainiert wird – ein transparenter Ansatz, aber das grundsätzliche Problem nicht aus der Welt schafft.

Paradoxerweise führt die Flut an perfektionierten, glatten KI-Bildern zu einer Renaissance des Unvollkommenen. Die menschliche Handschrift, der absichtliche Fehler, die sichtbare Textur des analogen Materials – all das wird zur neuen Währung der Authentizität. Erfolgreiche Agenturen, so ein weiteres Ergebnis der Studie, lassen bewusst nicht mehr als zehn Prozent ihrer visuellen Inhalte vollständig von einer KI anfertigen. Der Rest wird entweder menschlich veredelt oder trägt von vornherein eine klar erkennbare menschliche Signatur. Die Differenzierung erfolgt nicht mehr allein über die technische Perfektion, sondern über die spürbare Präsenz des Menschen im Werk.
Jenseits des Prompts – Die Zukunft des kreativen Metiers
Was bedeutet diese Entwicklung für die Zukunft des Berufsstandes? Die Fähigkeit, einer KI präzise Anweisungen zu geben – das sogenannte Prompt-Engineering –, wird zur grundlegenden Kulturtechnik, vergleichbar mit der Beherrschung der Tastatur. Doch sie ist nur die Eintrittskarte. Die eigentliche, unersetzbare Kompetenz des Kreativen verlagert sich auf eine strategische Metaebene. Gefragt sind nicht mehr nur Gestalter, sondern vor allem Denker: Menschen mit einem tiefen Verständnis für kulturelle Kontexte, mit strategischem Weitblick und emotionaler Intelligenz. Sie müssen in der Lage sein, die richtigen Fragen zu stellen, bevor die KI die Antworten generiert.
Die Glean-Studie warnt eindringlich davor, auch jene Aufgaben zu automatisieren, die Empathie, Urteilsvermögen und intrinsische Motivation erfordern, da die Arbeit sonst „hohl und entfremdend“ zu werden droht. Der Fotograf, der KI für die Bildverwaltung und eine erste Rohbearbeitung nutzt, behält die Souveränität über Komposition und Bildaussage. Überlässt er jedoch auch diese kreativen Kernentscheidungen dem Algorithmus, degradiert er sich selbst zum Operator.
Letztlich entlarvt die KI eine Wahrheit, die schon immer für Prozesse der Kreativität galt: Schöpfung ist selten ein Akt der creatio ex nihilo, sondern fast immer ein intelligentes Rekombinieren, Kuratieren und Weiterentwickeln des Vorhandenen. Die algorithmische Muse beschleunigt diesen Kreativitäts-Prozess lediglich ins Extreme und macht ihn transparent. Die Frage ist nicht mehr, ob eine Maschine kreativ sein kann, sondern wie wir unsere Menschlichkeit im Dialog mit ihr neu definieren und zur Geltung bringen.






Dabei fallen mir folgende Statements ein:
„KI“ ist prima für Leute, die Photoshop et al. als Programm starten können, aber nicht kreativ zu benutzen in der Lage sind. Photoshop.exe aufrufen können so gut wie alle – aber damit dann auch Bilder wie die des obigen Artikels HANDWERKLICH! zu erstellen in der Lage sind, gibt es GANZ!!!!! wenige. Also ein Gesichts-Foto, die Kleidung-Fotos, Schmuck-Fotos etcetcetc pp. heranzunehmen und mit all den Menüoptionen zu einem „Gesamtwerk“ zusammen zu frickeln – das DAUERT und macht Arbeit, Arbeit und noch mehr Arbeit…. Und selbst, wenn die Leute eine Vorstellung haben, wie das fertige Bild aussehen soll, scheitern die immer noch kläglich Dara, welche PS-Optionen man Dafür nehmen muß, für Überblendungen, paßgenaues Positionieren der Teil-Fotos, Größenkorrektur, Farben und deren Übergänge etc. DAS können die wenigsten. Aber die „KI“ kann es, zumindest (sehr) dabei helfen, damit es schneller geht. Egal, ob das wieder mal (!) ein Betrugs-Bild werden soll oder zur groben Abwechslung mal „was künstlerisches“.
Und, was das „Freistellen“ angeht: niemand hindert einen daran, auch mit dem KI’s-ten Photoshop das wieder/auch weiterhin von Hand zu erledigen.
Bisher konnte man „KI-Fotos“ daran erkennen, daß z.B. Haut ZU glatt und ZU perfekt aussah (und natürlich an 6 Fingern oder 3 Beinen usw). Aber da kann die „KI“ von der Verpackungsindustrie für Hühnereier lernen: zu Anfang konnte man Legebatterie-Eier unfehlbar daran erkennen, daß sie makellos aussahen. Eier aus Bodenhaltung KÖNNEN nicht makellos sein. Als – zurecht selbstverfreilich – Legebatterien als BÄÄÄÄH!!! angesehen wurden, haben die Eier-Verpackungs-Firmen reagiert und ihren Maschinen beigebracht, pro 10er-Packung ein paar Einer mit Hühnerkacke und/oder mit kleinen Federchen zu bekleben. Das sah dann schon viel mehr nach „Bodenhaltung“ aus. Oder Preßfleisch-Schnitzel. Früher alle identisch aussehend, heute „individuell“ geformt.
Da muß die „KI“ noch hin, auch die Fähigkeit erhalten, unperfekte Bilder zu erzeugen.
Und sich auf 5 Finger pro Hand, 2 Arme und 2 Beine zu beschränken, alle an der anatomisch richtigen Stelle positioniert…