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Bildkritik: Fluchtpunkte auf der Flucht

… und falsche Schatten, die vielleicht doch richtig sind

Wieder einmal hat uns ein DOCMA-Leser ein schönes Beispiel dafür geschickt, wie „Bildbearbeitungs-Profis“ mit Perspektive und Schattenwurf umgehen. Diesmal haben wir beide Arten von Fehlern in einer Montage vereint: falsche Fluchtpunkte und eigenwillige Schlagschatten. Tatsächlich? Doc Baumann zeigt Ihnen auf, was an diesem Bild nicht stimmt … und was vielleicht doch.

Bildkritik: Fluchtpunkte auf der Flucht
Fluchtpunkte: In diesem Fall bedarf es eigentlich gar keiner detailierten Analyse. Ein weiteres Bild auf derselben Webseite zeigt, dass die Grills bei identischem Hintergrund einfach ausgetauscht wurden und nicht in die Szene passen.

Man muss etwas genauer hinschauen, um die falsche Perspektive in dieser Anzeige für einen Gasgrill zu entdecken. Immerhin ist einer der beiden Fluchtpunkte des Gerätes fast richtig platziert. Was allerdings auf den ersten Blick auffällt, sind die völlig verrückten Schatten.

Die Beleuchtungsrichtung der Szene lässt sich an den Körperschatten der Objekte gut ablesen: Bei Landschaft, Bäumen und Haus steht die Sonne links oben. Auch die beiden Personen wirken einigermaßen stimmig, Schattenverteilung und Schlagschatten passen, diese fallen leicht schräg nach rechts. Man fragt sich allerdings, bei dieser scharfen Beleuchtung, warum ihre Dichte mit zunehmender Länge so stark abnimmt.

Und so schreibt denn auch Einsender Peter Bauer: „Lieber Doc Baumann, gestern entschloss ich mich spontan, einen Gasgrill zu kaufen. Die Wahl im Baumarkt meines Vertrauens war schnell getroffen. Zu Hause angekommen, musste der Kauf natürlich ,gerechtfertigt‘ werden. Dazu recherchierte ich in verschiedensten Quellen nach Testberichten usw. Auf der Seite des Herstellers fand ich dieses Bild. Auf den ersten Blick wirkte es seltsam … die Größe des Grills zu den Personen scheint nicht zu stimmen. Also eine Montage und kein wirkliches Bild? Letzte Sicherheit gaben mir dann die Schatten: warum sollte der Grilldeckel den Schatten des Geräts in einem Bogen aus dem sonst gerade verlaufenden Gehäuseschattens herausragen, wenn er geöffnet ist und die Sonne ganz offensichtlich in einer Linie mit dem Gehäuse steht? Und warum laufen die Schatten der Stuhlbeine unter dem Tisch in eine andere Richtung? Hier der Link zu dieser Seite. Was meinen Sie?“

Bildkritik: Fluchtpunkte auf der Flucht
Licht mal von links und mal von rechts – da stimmt doch was nicht!

Geheimnisvolle Schlagschatten

Schauen wir uns also zunächst diese Schatten näher an. Den Sonnenstand kann man anhand des Blumentopfs ganz links recht gut bestimmen: Die Richtung der Sonne ist am Schlagschatten leicht ablesbar, und verbindet man sein rechtes Ende mit dem oberen der Topfpflanze, so ergibt sich die Höhe der Sonne.

So weit, so gut. Lassen wir den Grill selbst zunächst einmal unberücksichtigt. Der Schatten des rechten Blumentopfs passt ebenso zu dieser Beleuchtungssituation wie der der Balken des Hauses. Aber was ist mit der Beobachtung unseres Lesers: Warum laufen die Schatten der Stuhlbeine und Sitzflächen unter dem Tisch in eine andere Richtung? Und nicht nur das: Auch die Balken zwischen den Fenstern und Türen werfen einen Schatten – und zwar diesmal nach links, also in die entgegengesetzte Richtung.

Ich sehe zwei Möglichkeiten: Die erste: Da hat jemand völlig irre Schatten konstruiert. Die zweite: Wenn das stimmt (und der- oder diejenige schon Probleme damit hat, den Schlagschatten des Grills halbwegs richtig nachzubauen – warum sollte sich dann jemand die Mühe machen, zusätzliche unnötige Schatten in einer anderen Richtung anzulegen als jener, die er oder sie gerade verwendet hat?

Kein Schatten, sondern Licht

Meine Vermutung geht daher in eine ganz andere Richtung: Die scheinbaren Schatten der senkrechten Balken des Hauses sind gar keine. Stattdessen entspricht ihre dunklere Farbe einfach jener der Holzdielen, und die hellen Bereiche dazwischen sind … Reflexionen des Sonnenlichts durch die großen Glasscheiben.

So würde sich auch erklären, warum die Stühle hinten so seltsame – und kräftige – Schatten werden. Die verdanken sich dem durch die Fensterscheiben gespiegelten Sonnenlicht.

Völlig eindeutig ist die Situation allerdings auch so nicht, denn dann müsste es eigentlich auch einen Pseudoschatten dort geben, wo der rechte Blumentopf die reflektierten Strahlen unterbricht, und man fragt sich, warum die Tischplatte gar keinen Schatten wirft.

Fluchtpunkte nach Belieben

Bildkritik: Fluchtpunkte auf der Flucht
Fluchtpunkte: Mit einer solchen Konstruktionszeichnung kommt man der falschen Perspektive auf die Spur – umgekehrt angewendet hilft sie bei eigenen Projekten, derartige Fehler zu vermeiden.

Dass der Grill einmontiert und nicht mitfotografiert ist, ist eindeutig. Dazu bedarf es nicht einmal komplizierter Rekonstruktionen – es reicht, wenn man auf derselben Webseite ein anderes Grill-Modell sieht, dass in die ansonsten völlig unveränderte Szene montiert wurde. (Oder die beiden Models schaffen es, völlig unbewegt zu verharren, bis ein anderer Grill vor ihnen steht – vergleichen Sie dazu das Bild am Ende dieses Beitrags.)

Diese Variante kann man jedoch ausschließen, da der Grill eindeutig und perspektivisch gleich mehrfach falsch eingefügt wurde.

Schauen Sie sich dazu die Abbildung oben an: Die einzigen verlässlichen Objektkanten in diesem Bild sind die des Hauses und der Terrasse. Zieht man an ihnen entlang Fluchtlinien (blau), dann treffen die sich korrekt auf einer Höhe, wo man auch den Horizont (grün) erwartet. Bereits der Tisch und die Stühle weichen davon leicht ab; ihr Fluchtpunkt liegt leicht über dem Horizont.

Fluchtlinien entlang der rechten Kanten des Grills (weiß) konvergieren immerhin in der Nähe des Horizonts, wenn auch darüber. So müsste es auch bei seiner linken, schräg-frontalen Seite sein. Aber diese Fluchtlinien (rot) treffen sich in einem Fluchtpunkt weit unterhalb des Horizonts (ganz links), was nicht sein kann.

Fluchtpunkte und Schatten

Dass nun der Grill einmontiert ist, lässt sich nicht allein an seinen falschen Fluchtpunkten ablesen. Zum einen gibt es fehlende Schatten, denn zum Beispiel die Bedienknöpfe vorn müssten eigentlich Schlagschatten werfen, ebenso die auf der Platte verteilten Lebensmittel.

Zum anderen ist der Schlagschatten des Geräts auf den Holzdielen recht abenteuerlich. Wieso etwa wirft die Haube keinen Schatten, sondern die rechte Schattenkante ist völlig glatt? Und woher kommt der seltsame Haken an der Schattenunterseite?

Übrigens unterliegen natürlich auch Schlagschatten der Perspektive, und so müsste die rechte Schattenkante einen steileren Winkel aufweisen. Was erstaunlicherweise nahezu stimmt, ist ihr Abstand zum Objekt. (Der lässt sich leicht ermitteln, indem Sie auf einer neuen Ebene die Spitze des runden Buschs links mit dem Ende seines Schlagschattens durch eine Linie verbinden und diese dann so weit nach rechts verschieben, bis ihr linkes Ende die rechte Kante des Grills streift. Konstruieren Sie dann eine weitere Linie in Richtung des Schlagschattens – wo sich die beiden treffen, endet dieser.)

Wieder etwas gelernt!

Wie Sie sehen, lässt sich auch an diesem Beispiel wieder eine Menge für die eigene Praxis lernen. Die armen Bildbearbeiter/innen können hier natürlich mit einem gewissen Recht sagen: Was soll ich denn machen, wenn ich eine Hintergrundszene vorgegeben kriege und dazu Grillfotos, die dazu weder von der Perspektive her noch von der Beleuchtung passen? (In Photoshop CC kann man immerhin ein wenig an der Perspektive solcher dreidimensionalen Objekte drehen.)

Aber wir lernen auch, dass man mit Kritik vorsichtig umgehen muss und mitunter etwas richtig sein könnte, das auf den ersten Blick völlig falsch aussieht.

Bildkritik: Fluchtpunkte auf der Flucht
Fluchtpunkte: In diesem Fall bedarf es eigentlich gar keiner detailierten Analyse. Ein weiteres Bild auf derselben Webseite zeigt, dass die Grills bei identischem Hintergrund einfach ausgetauscht wurden und nicht in die Szene passen.

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Hans Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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2 Kommentare

  1. Der “Haken” am Schatten gehört zu einer Aufnahme mit geschlossenem Deckel. Und dass der Grill perspektivisch nicht ganz korrekt eingefügt wurde, möge man dem armen Fotografen nachsehen. Ich weiss aus eigener Erfahrung dass es saushwer ist, Objekt so zu fotografieren, dass sie später perfekt in ein anderes Foto integriert werden können. Im übrigen empfinde ich die Montage, trotz der zu Tage geförderten Macken, als weitgehend harmonisch und damit “konsumierbar”.

    1. Der Fotograf kann ja nichts dazu, soferm er nicht genau weiß, wie die fertige Szene aussehen soll. Und der Monteur ist ebenso wenig schuld, wenn er nur solches Ausgangsmaterial geliefert kriegt (obwohl man, wie erwähnt, mit Photoshop CC die Perspektive solcher Obkelte durchaus ein wenig korrgieren kann). Wenn man nicht wissen kann, welche perspektivischen Bedingungen das andere Foto haben wird, in das integriert werden soll, ist es nicht nur sauschwer, sondern unmöglich, das zu berücksichtigen. Wenn man es allerdings weiß, kann man die Bilder schon aufeinander abstimmen – man muss lediglich dafür sorgen, dass die Horizonthöhe übereinstimmt (und natürlich ebenso die Beleuchtung). DocB

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