RSS

„Liebe Fotografen! Wenn es um Geld geht …“

Liebe Fotografen, wenn es um Geld geht für Eure Fotografie, dann werdet Ihr zuverlässig alle zu Primadonnen, die weder denken noch rechnen können. Eine Glosse von Tilo Gockel.

Gestern rief mich ein befreundeter Hobbyfotograf an – nennen wir ihn einmal „Dieter“ – und fragte, wieviel Geld er für ein paar Aufnahmen für das Restaurant eines Bekannten verlangen könnte. Dieter ist kein Profi, und die Qualität seiner Fotos ist … sagen wir „ok“.
Nun, was würdet Ihr Dieter raten? Das Netz hat die Antwort: „Schau doch mal bei MFM – der Mittelstandsgemeinschaft Fotomarketing vorbei, die haben da eine Preisliste zu Bildhonoraren.“ Oder: „Dieter, orientiere Dich doch an den Preisen für Exklusivrechte bei den einschlägigen Microstock-Anbietern!“ Oder: „Dieter: Überschlag einfach den Aufwand, die Zeit und die Anfahrt, und setze einen vernünftigen Stundenlohn an, und addiere das!“?
Jetzt mal Klartext: Das ist doch alles Bullsh*t! Nehmen wir an, Dieter kalkuliert nun und kommt auf 287,30 Euro. Der Auftraggeber sagt „Sorry, Dieter, alter Freund, das ist mir viel zu teuer, fuffzig Euro wären drin gewesen, aber so …? Da knipse ich das lieber selbst, ich hab eh die bessere Kamera!“ Was dann?! Dieter war so stolz, als Hobbyist endlich auch einmal einen kommerziellen Fotoauftrag angeboten zu bekommen. Der tatsächliche Betrag war ihm eigentlich gar nicht wichtig, weil Dieter bereits mehr als genug Geld in seinem Dayjob verdient, aber Geld an sich ist bei uns immer noch die ehrlichste Form der Würdigung. Es ist und bleibt eine sehr viel objektivere und belastbarere Anerkennung als Flickr-Favs oder Facebook-Likes.
Wenn Dieter nun aber einfach sagt „Ok, egal, dann mach ich Euch das einfach für die fuffzig!“, dann ist das natürlich mit völligem Gesichtsverlust verbunden.
Schwierig!
Vielleicht können wir uns an dieser Stelle für den Fall des Hobbyfotografen Dieter darauf verständigen, dass ihm Honorarlisten vom MFM oder BFF nichts nützen, sondern dass er einfach schauen muss, wie viel der ‚Kunde‘ oder Kumpel zu zahlen bereit ist. Ich persönlich würde da sogar noch einen Schritt weitergehen, und das Kommerzielle in solchen Fällen lieber komplett außen vor lassen, weil man generell mit Freunden und Bekannten besser keine Geschäfte machen sollte. Dieter soll es umsonst machen und isst dafür dann auch immer mal wieder dort umsonst, oder er soll es lassen. Fertig!
Aber wie schaut das denn aus, wenn Dieter auf einmal von seiner Fotografie leben muss?!? Wie soll er denn bitte dann die Fotojobs kalkulieren? Ja, auch hier hat die Netzgemeinde sofort gute und wichtige Ratschläge parat. Hier ein paar Zitate aus den User Comments auf fotografr.de:
„Günstige Preise anbieten, um weiterempfohlen zu werden, halte ich für gefährlich. Denn natürlich wird auch Dein günstiger Tagessatz weitergereicht, auf den Du dann festgenagelt wirst. Oder wie willst Du dem neuen Kunden klarmachen, dass er mehr zahlen muss als der alte Kunde?“

„Nimm keine Lückenbüßeraufträge an, Du wirst Dich besser fühlen!“
„Jeder der bei diesem Spielchen ‚Geiz ist ja sooo geil‘ mitspielt, sollte sich bewusst machen, dass er dabei nichts gewinnen kann.“
Und so weiter und so weiter und so fort. Viele gute Tipps, häufig auch mit einem erhobenen Zeigefinger verbunden:
„Gute Arbeit muss sich lohnen! Und wer hobbymäßig arbeitet und nicht davon leben muss, sollte schon aus Solidarität zu den Profis keine Dumpingpreise anbieten.“
Huch? Also wer soll sich wem gegenüber genau solidarisch zeigen? Kennen sich die Leute überhaupt? Sind sie sich freundschaftlich verbunden??
Sind wir ehrlich: Es gibt sehr viele Menschen auf der Welt, die fotografieren. In vielen davon steckt der Wunsch, damit auch einmal Geld zu verdienen. Ein paralleler Trend ist aber das Preis- und das Qualitäts-Dumping. So ist aktuell gerade auf Spiegel-Online nachzulesen, dass die Chicago Sun 20 festangestellte Fotografen entlassen hat und den Journalisten den Hinweis gegeben hat, sie mögen bitteschön ab jetzt einfach zu den Textartikeln noch ein paar iPhone-Fotos schießen.
Um von Fotos leben zu können, müsst Ihr zuerst einmal saugut sein, dann auch noch sehr fleißig (vielleicht eher sogar süchtig oder manisch), und Euch nicht zuletzt auch noch technisch und ästhetisch stets weiterentwickeln, und Euch gut am Markt präsentieren und verkaufen. Das ist eine Entwicklung. Anfangs gibt es wenig oder gar kein Geld, bis das Portfolio (die Mappe, die Website) steht. Wer dann nicht rasch besser wird, der bleibt stehen und verhungert. Wer besser wird und seinen Markt findet, der sollte dann auch vernünftig kalkulieren. Und wenn Ihr dann mehr Anfragen als Zeit habt, dann könnt Ihr auch einfach teurer werden und müsst dann nicht mehr vernünftig kalkulieren. Ihr zeigt aber auch damit dann natürlich wenig Solidarität mit den anderen Profifotografen. Pfui! 😉
Das wohl größte Problem bei diesem Sachverhalt ist, dass viele Fotografen die Qualität ihrer Arbeiten zu hoch einschätzen, und der Markt dann diese Fehleinschätzung bestraft. Und das sind dann jene Fotografen, die jammern und schimpfen, dass die Amateur-Dieters ihnen die Preise kaputt machen und die Jobs wegnehmen.
Oder wie ein bekannter Professor der Fotografie seinen Studenten stets auf den Weg mitgibt: „Der Markt da draußen braucht Euch nicht. Wenn Ihr als Fotografen Geld verdienen wollt, dann müsst Ihr einem anderen die Arbeit wegnehmen!“
In diesem Sinne sende ich Euch einen aufmunternden Gruß,

Euer Tilo ~Gallo~ Gockel

PS: Habt Ihr einmal Lust, nicht nur frech zurechtgestutzt, sondern auch unterhalten und mit neusten Infos und mit coolen Technotricks versorgt zu werden? Schaut zur Wiedergutmachung vorbei bei www.fotopraxis.net, das würde mich freuen! Feedback immer gerne an: kontakt@fotopraxis.net

Mitdiskutieren