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Bloß nicht ins Originalfoto eingreifen!

28 Anflug

Kraftwerk, beim Anflug auf den Frankfurter Flughafen fotografiert – links das „Original“, rechts nach der Bearbeitung (Foto und Bildbearbeitung: Doc Baumann)

Anlässlich der Vernissage zur Eröffnung der DOCMA Award-Ausstellung im Frankfurter Museum für Kommunikation kam ich mit einem der Preisträger ins Gespräch und fragte ihn, warum er eine zentrale Stelle des von ihm eingereichten Bildes nicht klarer herausgearbeitet habe. „Ich wollte das Originalfoto so wenig wie möglich verändern“, war seine Antwort.

Für ein Dokumentarfoto mit zeitgeschichtlicher Bedeutsamkeit wäre die unumstößliche Aussage des Fotografen „Ich will das Originalfoto so wenig wie möglich verändern“ sicherlich sehr ehrenwert. Obwohl man selbst dort Zweifel daran anmelden könnte, ob ein solcher Satz immer richtig ist.

Genau genommen stellt sich die Frage auch gar nicht, ob er richtig oder falsch ist, denn auf welcher Grundlage sollte man das beurteilen? Eigentlich geht es eher darum, ob der Satz angemessen ist. Und das hängt stark von der Einstellung des Fotografen zu seinen Bildern ab. Dennoch darf man nachhaken: Was soll denn dieses „originale Foto“ überhaupt sein (sogar unabhängig davon, ob analog oder digital aufgenommen)? Das auf der Basis der Raw-Datei (das so eigentlich niemand zeigen möchte)? Oder, sofern noch eine echte Dunkelkammer im Spiel sein sollte: mit einem 08/15-Prozess entwickelt und vergrößert, der auf Durchschnittswerte aus ist, aber die konkreten Belichtungsbedingungen ignoriert?

Was etwa ist mit einem HDR-Bild, das sich einem hohen Einsatz an Rechenleistung verdankt, mithin ein ausgeprägt technisch-künstliches Objekt ist – und dennoch viel näher an der menschlichen Wahrnehmung, als es jedes originale Foto sein kann?

Wenn es also „das“ originale Foto gar nicht gibt, sondern nur viele Varianten davon, kann es auch nicht anstrebenswert sein, es unverändert zu erhalten, koste es, was es wolle. Und die Kosten sind in dem Fall – unnötig – hoch, in dem es den Betrachtern nicht so gut wie möglich das vermittelt, was es vermitteln soll – und kann.

Das „soll“ hängt von der Intention des Fotografen ab, der es dazu einsetzt, eine bestimmte Botschaft, zumindest eine Stimmung, zu transportieren. Das „kann“ dagegen folgt aus den technischen Eigenschaften des Bildes. Enthält der Datenbestand alle Informationen, die nötig sein, um das zu zeigen, was gezeigt werden soll? Wenn das nicht der Fall ist, handelt es sich wahrscheinlich im technischen Sinne um kein gutes Foto; es könnte zum Beispiel über- oder unterbelichtet sein, unscharf, verwackelt … Wenn es aber unter diesen Aspekten unproblematisch ist: Warum sollte der Fotograf dann die vorhandenen Daten nicht nutzen, um im Sinne seiner Absicht den bestmöglichen Druck zu erzielen?

In unserem Fall verschwindet das zentrale Objekt des Fotos in den Schatten und Strukturen seiner Umgebung, so dass man schon sehr genau hinschauen müsste, um zu erkennen, worauf sich der Rest des Bildes eigentlich bezieht. Eine Minute Zeitaufwand für Auswählen und Aufhellen hätte ausgereicht, um aus einem guten ein hervorragendes Bild zu machen. Und da es sich hier, wie gesagt, nicht um ein dokumentarisches, sondern um ein inszeniertes Bild handelt, ist dieser Verzicht auf technische Optimierung um so weniger zu verstehen, da er es dem Betrachter unnötig erschwert, die Pointe zu erkennen. Das Argument, das Original so wenig wie möglich verändern zu wollen, ist hier nicht ehrenwert, sondern unzulässig.

  1. riehmer

    Interessanter Artikel.
    Wie verhält es sich bei einer Fotografie, die mit einer Sofortbildkamera erstellt wurde? Da gibt es doch EIN Original? (Wenn man von der Digitalisierung und der mögliche Nachbearbeitung absieht.)

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