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Was ist noch echt? Authentizität, KI und die neue Bildwahrheit – Eindrücke vom German Creative Economy Summit 2026

Wer in diesen Tagen nach Antworten auf die Frage sucht, wie sich Kreativität im Zeitalter der KI behaupten kann, landet zwangsläufig beim German Creative Economy Summit in Hamburg. Zwischen Panels, Toolshows und politischem Aktivismus wurde dort deutlich: Die Kreativwirtschaft steht an einem Wendepunkt – und mit ihr alle, die sich professionell mit Fotografie und nicht nur visueller Kommunikation beschäftigen. Doch was bleibt, wenn die Grenzen zwischen Original und Simulation verschwimmen? Und wie verteidigt man den Wert kreativer Arbeit, wenn Algorithmen längst im Kreativ-Business mitmischen?

Eldagsen, Promptography und der kurze Moment der Klarheit

Ein echter Moment intellektueller Stringenz bei der Veranstaltung kam – wie so oft – von Boris Eldagsen. Der Berliner Fotokünstler, der 2023 mit seinem KI-Bild „The Electrician“ einen Sony World Photography Award in der Kategorie Open/Creative gewann, nur um den Preis öffentlich abzulehnen und die Jury mit der Wahrheit zu konfrontieren: Das Bild war keine Fotografie, sondern ein Produkt digitaler Vorstellungskraft, erzeugt durch einen Prompt. Eldagsen forderte damals wie heute eine klare Trennung: Fotografie hält Licht aus der realen Welt fest, Promptografie entsteht aus Algorithmen und Daten. In Hamburg erklärte er, ob und in wie weit Ki „authentisch“ sein kann. Sein Vortrag war leider viel zu kurz, aber er schien der einzige zu sein, der die Metaebene betrat und die Frage nach Authentizität konsequent weiter dachte.

Wem gehört Kreativität? Urheberrecht als Leitmotiv

Auf vielen der Bühnen des German Creative Economy Summit drehten sich die Themen um die Besitzverhältnisse im digitalen Zeitalter. „Digitale Technologien wie Künstliche Intelligenz sind eine Herausforderung. Sie können Risiken sein, sie können aber auch Chancen bergen“, sagte Gitta Connemann, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.

Die nächsten Märkte entstehen längst anderswo: in der digitalen Ökonomie, in neuen Geschäftsmodellen und in der Verbindung von Technologie und Kreativität. Wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir stärker in diese Richtung denken, und auch bereit sein, etablierte Pfade zu verlassen.

Zahlen, die zählen – und was sie verschweigen

Die Kreativwirtschaft beschäftigt in Deutschland rund zwei Millionen Menschen, mehr als die Automobilindustrie. Die Bruttowertschöpfung lag 2023 bei 123,2 Milliarden Euro. Ein Wert, der die Branche wirtschaftlich auf Augenhöhe mit dem Fahrzeugbau bringt. Dr. Carsten Brosda, Hamburgs Senator für Kultur und Medien, betonte: „Hier kommen Kreative, Politik und Wirtschaft zusammen, um darüber zu sprechen, was die technologische Entwicklung für eine Branche bedeutet, die ganz wesentlich auf menschlicher Kreativität fußt und wie wir diese gewinnbringend für alle begleiten können.“

Deepfakes, Hirschhausen und die Macht der Bilder

Ein Höhepunkt des Summits war die Premiere der ARD/WDR-Dokumentation „Täuschend echt? Deepfakes, Demokratie & die Macht der Bilder“ (im TV unter dem Titel „Hirschhausen und die Deepfake-Mafia“). Eckart von Hirschhausen, selbst Opfer von KI-generierten Werbespots, führte durch eine Welt, in der Gesicht und Stimme beliebig manipulierbar sind. „Durch die explosive Entwicklung von künstlicher Intelligenz wird es im Netz unmöglich zu erkennen, was echt ist, und was Lüge. Das zerstört das Vertrauen in Menschen, in die Wissenschaft und die Demokratie“, so Hirschhausen. Die Dokumentation verband die Frage nach Bildwahrheit mit der gesellschaftlichen Dimension und zeigte, wie dringend neue Spielregeln gebraucht werden.

Tools, Tools, Tools – und die Sehnsucht nach Tiefe

Wer sich für neue Werkzeuge begeisterte, fand auf dem Summit reichlich Futter: KI-Tools für Content-Produktion, XR-Anwendungen, Workflows für die Bildbearbeitung. Doch die Praxisworkshops blieben oft an der Oberfläche. Die wirklich tiefgehenden Einblicke blieben selten.

Was bleibt? Eine offene Frage

Am Ende bleibt die Frage, ob ein solcher Kongress wie der German Creative Economy Summit das richtige Format ist, um die Dringlichkeit des Themas wirklich zu vermitteln. Zwischen Business-Talk, Tool-Schau und politischem Aktivismus fehlte oft die Zeit für echte Tiefe, für die Auseinandersetzung mit den Widersprüchen und Ambivalenzen, die die Branche prägen. Eldagsens kurzer, aber präziser Vortrag zeigte, wie viel Kraft in der Metaebene steckt, und es wurde auch deutlich, wie selten sie genutzt wird.

Vielleicht braucht es weniger Panels und mehr Mut zur Lücke. Weniger Wunschformeln und mehr unbequeme Fragen. Und vielleicht auch mehr „antifaschistische“ Hüpfburgen, um den Frust über die Langsamkeit des Wandels wenigstens kurz zu vergessen.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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