Was ist ein Einhorn?
Am Sonntag ging die große Einhorn-Ausstellung im Potsdamer Museum Barberini zu Ende. Ist es nun zu spät, sich noch umfangreich und tiefschürfend über alle Varianten des Einhorn-Mythos aus den letzten 4000 Jahren zu informieren? Nicht ganz.

Normalerweise hätte ich einen Beitrag wie diesen mit „Ausstellungstipp“ überschrieben, nur kam ich diesmal erst in den letzten Stunden der Öffnungszeit am allerletzten Tag dazu, mir die Ausstellung in Potsdam anzuschauen. Da Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst jedoch das Ergebnis einer Kollaboration des Barberini mit dem Musée de Cluny in Paris war, gilt auch hier, was Humphrey Bogart als Rick Blaine in Casablanca sagte: „Uns bleibt immer noch Paris“. Während das Barberini die nächste Sonderausstellung (Avantgarde – Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland, ab 28. Februar) vorbereitet, treten die Kunstwerke aus der Bildwelt des Einhorn die Reise nach Frankreich an, um demnächst im Musée de Cluny gezeigt zu werden. Vielleicht werden ich sie mir dort noch einmal ansehen, denn in Paris ist auch der berühmte Tapisserien-Zyklus La Dame à la licorne (Die Dame mit dem Einhorn, um 1500) ausgestellt, der nicht nach Potsdam ausgeliehen worden war.

Das Einhorn gilt als „Tier, das es nicht giebt“, wie Rainer Maria Rilke in einem Brief an Gräfin Sizzo schrieb, aber seine Nichtexistenz hat es mit vielen Motiven der bildenden Kunst gemein. Mythos, Legende und Religion gaben lange die künstlerischen Themen vor, und die abgebildeten Wesen entsprangen allein der menschlichen Einbildungskraft oder waren bestenfalls halb historisch. Doc Baumann hat sich intensiv mit der Figur des Herkules/Herakles auseinandergesetzt und versucht, Bilder generierende KI-Modelle einen glaubwürdigen Herkules produzieren zu lassen. Mit nicht immer überzeugendem Erfolg, obwohl die Ikonographie hier recht einfach und eindeutig ist: Herkules ist ein muskulöser nackter Mann mit einer Keule (neben Pfeil und Bogen seine bevorzugte Waffe) und dem umgehängten Fell des Nemeischen Löwen.

Das vielgestaltige Einhorn stellt eine noch größere Herausforderung für eine generative KI dar. Die Geschichten über Einhörner reichen mindestens vier Jahrtausende zurück und stammen aus einem weiten Gebiet, das von China im Osten bis Europa im Westen reicht, und so ist es nicht klar, ob sie tatsächlich alle miteinander zusammenhängen. Nicht jedes Tier mit (dem Anschein nach) einem Horn ist wirklich ein Einhorn, und wie kann man überhaupt von dem Einhorn reden, wenn es das Einhorn doch gar nicht gibt? Selbst wenn man nicht so weit geht wie der Philosoph Saul Kripke, der postulierte, es gäbe nicht nur keine Einhörner, sondern könne mit logischer Notwendigkeit auch gar keine geben.
Der frühchristliche Physiologus (Der Naturkundige) aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert beschreibt das Einhorn als wild und gefährlich, aber auch als klein – etwa so groß wie ein Zicklein, so dass es in den Schoß einer Jungfrau springen kann, die es zähmt. In der Kunst der letzten 500 Jahre dominierten dagegen Einhörner von der Größe und Gestalt eines ausgewachsenen Pferdes. Manchmal war das Einhorn auch ein Mensch: Das indische Mahabharata erzählt von Rsyasrnga (Gazellenhorn) oder Ekasrnga (Einhorn), dem Sohn einer Gazelle und eines Asketen, der die Gazelle unabsichtlich geschwängert hatte. Wie in der Einhorn-Geschichte des Physiologus wurde auch dieses Einhorn mit Hilfe einer Frau eingefangen – eine Jungfrau war sie allerdings nicht.

Das eine Horn kann oben aus dem Kopf wachsen und nach hinten gebogen sein; so sieht das chinesische Einhorn Quilin aus. Dagegen wächst das Horn des klassischen europäischen Einhorns aus dessen Stirn schräg nach vorne. Falls es nicht auf der Nase sitzt, so in der Naturgeschichte von Plinius dem Älteren sowie bei Marco Polo, denn dort sind jeweils Nashörner gemeint, die teilweise auch zu den Einhörnern gezählt wurden. Das Einhorn des Meeres, der Narwal, hat einen meterlangen Stoßzahn, der als vermeintliches Einhorn-Horn Eingang in die Wunderkammern der Fürsten fand. Solche schraubenförmigen Narwalzähne inspirierten die Künstler und prägten die Darstellung von Einhörnern. Die Einhörner der Bibel dagegen heißen nur in Übersetzungen so, denn von einem einzigen Horn ist nirgendwo die Rede. Im hebräischen Original steht re’em, womit vermutlich der inzwischen ausgestorbene Auerochse gemeint war – der größer und noch gefährlicher als ein Stier war, aber wie dieser zwei Hörner hatte. Die Füße eines Einhorns können Pferdehufen gleichen, aber auch den gespaltenen Hufen einer Ziege. Selbst Elefantenfüße, wie sie Plinius dem Einhorn zugeschrieben hatte, kommen in bildlichen Darstellungen vor.

Auch über das Wesen des Einhorns herrscht Uneinigkeit. Im Physiologus steht das Einhorn symbolisch für Christus (wobei im Physiologus vom Löwen bis zum Pelikan so ziemlich jedes Tier für Christus steht). Manche Darstellungen von Mariä Verkündigung aus dem 15. Jahrhundert zeigen den Erzengel Gabriel als Jäger mit Jagdhorn und Hunden, der das Einhorn hetzt, bis es sich in Marias Schoß rettet. Die frühmittelalterliche Legende von Barlaam und Josaphat (die eine christliche Adaption der Geschichte des Buddha ist; Josaphat ist eine Verballhornung von Bodhisattva und Barlaam geht auf Bhagvan zurück) beschreibt dagegen ein feindlich gesinntes Einhorn, das seinerseits einen Mann an den Rand einer Grube gehetzt hat, in der ein wilder Drache nach ihm schnappt. Auch der Heilige Antonius wurde nach dem Zeugnis mancher Künstler von einem Einhorn angefallen, das in der Legenda aurea allerdings nicht ausdrücklich erwähnt ist.


In der frühen Neuzeit stand das Einhorn einerseits für die Tugend der Keuschheit, man sah andererseits aber auch seine Verwandtschaft zu den Wilden Männern (und ebenso Wilden Frauen). Diese stark behaarten Wesen sollten außerhalb der Zivilisation in den Wäldern leben und galten zunächst als roh und gewalttätig, schließlich aber als edle Wilde, unverdorben von einer sündhaften Welt.
Die bis heute zahlreichen Einhorn-Apotheken weisen auf die vermutete Nützlichkeit des einen Horns hin: Daraus angefertigte Trinkbecher – es sollte genügen, wenn nur ein Stück davon eingearbeitet war – neutralisierten angeblich jedes Gift, wie es schon der Physiologus suggeriert hatte. Alternativ zeigte ein Stück Horn auf dem Tisch durch Schwitzen an, wenn einem vergiftete Speisen serviert wurden. Der Naturforscher und Arzt Conrad Gessner zweifelte das 1551 in seiner Historia animalium an, nicht jedoch die entgiftende Wirkung: Wenn man sich unsicher sei, ob ein vermeintliches Einhorn-Horn wirklich echt wäre, solle man einer Taube etwas Arsen mit einer Probe des Horns geben: Bleibe die Taube am Leben, sei das Horn echt. Tatsächlich durchgeführt hat Gessner diesen Tierversuch aber wohl nicht.

Und seit wann sind die Einhörner verschwunden? Die einen sagten, sie seien der Sintflut zum Opfer gefallen; andere wiesen auch den Einhörnern einen Platz auf Noahs Arche zu. Die Maler haben sie sowohl beim Einschiffen wie auch beim Verlassen der Arche dokumentiert. Das Ende der Einhörner müsste demnach ein späteres Ereignis gewesen sein; niemand wusste, wann, wie und warum, und so hielt sich lange die Überzeugung, es könne irgendwo auf der Welt noch lebende Einhörner geben, auch wenn man in der näheren Nachbarschaft keine mehr sah. Rilke hat die Nichtexistenz des Einhorns zu dessen Wesen erklärt – und, ihr zum Trotz, zur Ursache seines Daseins:
O dieses ist das Tier, das es nicht giebt.
Sie wußtens nicht und habens jeden Falls
— sein Wandeln, seine Haltung, seinen Hals,
bis in des stillen Blickes Licht — geliebt.
Zwar war es nicht. Doch weil sie’s liebten, ward
ein reines Tier. Sie ließen immer Raum.
Und in dem Raume, klar und ausgespart,
erhob es leicht sein Haupt und brauchte kaum
zu sein. Sie nährten es mit keinem Korn,
nur immer mit der Möglichkeit, es sei.
Und die gab solche Stärke an das Tier,
daß es aus sich ein Stirnhorn trieb. Ein Horn.
Zu einer Jungfrau kam es weiß herbei —
und war im Silber-Spiegel und in ihr.

Die Symbolik, mit der das Einhorn einst aufgeladen war, ging in den letzten Jahrhunderten zunehmend verloren, aber während nach dem 16. Jahrhundert das Interesse der Künstler weitgehend erloschen war, kehrte es im 19. Jahrhundert wieder zurück. Nun stand es eher unbestimmt für das Geheimnisvolle und Wunderbare, und wann immer die Phantastik in die nüchterne Realität einbrach, waren Einhörner nicht weit. Gerne verband man die Motive Frau und Einhorn, wie es ja schon im Physiologus angelegt war. René Magrittes Einhorn in Der Meteor gleicht einem Pferd, hat aber die Augen und die Haare einer Frau. Auf seinem Kopf steht ein Turm, wie es Rilke in einem anderen seiner Einhorn-Gedichte beschrieben hatte: „und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten, / stand, wie ein Turm im Mond, das Horn so hell“.

Am Ende der Ausstellung steht ein 16-mm-Film, der die Performance Einhorn (1970) von Rebecca Horn dokumentiert: Die Darstellerin (Horn war sie auf der Straße durch den besonderen Gang aufgefallen, während sie ihren Einhorn-Tagträumen nachhing) trägt ein ebenfalls in der Ausstellung zu sehendes Kostüm, das Luc Bessons Das fünfte Element (1997) inspiriert zu haben scheint, und wandert durch ein Weizenfeld. Horns Interesse am Einhorn-Thema geht auch auf die dem Fabeltier zugesprochene heilende Kraft zurück: 1967 hatte sich die Künstlerin während ihres Studiums an der HFBK in Hamburg verletzt, als sie bei der Arbeit mit glasfaserverstärktem Kunststoff giftige Dämpfe einatmete, was einen längeren Krankenhausaufenthalt nach sich zog.

Der im Prestel Verlag erschienene Katalog ist nach dem Ende der Ausstellung weiterhin erhältlich; die 400 Seiten der Hardcover-Ausgabe bringen 2,5 Kilo auf die Waage und erleichtern den Geldbeutel dafür um 45 (Museumspreis) beziehungsweise 49 Euro (im Buchhandel).









