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KI-Ernüchterung: Warum die besten KI-Agenten an der Realität scheitern – und was das für Photoshop-Profis bedeutet

Ist die Party schon vorbei? Der Hype um die allmächtige Kreativ-KI, die uns Fotografen und Bildbearbeiter bald alle in die wohlverdiente oder gefürchtete Rente schicken sollte, bekommt einen Dämpfer – und zwar von der Realität selbst. Eine neue Studie namens „Remote Labor Index“ (RLI) hat die klügsten KI-Agenten nicht im sterilen Labor, sondern auf dem digitalen Arbeitsmarkt getestet: mit echten Aufträgen, echten Kunden und echtem Geld. Das Ergebnis ist eine schallende Ohrfeige für alle Automatisierungs-Propheten. Die Maschinen scheiterten grandios an den einfachsten Aufgaben, die über reines Pixel-Schubsen hinausgehen. Diese Erkenntnis ist keine Randnotiz für Nerds, sondern der vielleicht wichtigste Weckruf für jeden, der sein Geld mit visueller Gestaltung verdient. Sie zwingt uns, die Rolle der KI in unserem Workflow neu zu bewerten – nicht als kommenden Herrscher, sondern als hochbegabten, aber oft kontextblinden Assistenten.

Der digitale Prüfstand: Mehr als nur Pixel schubsen

Was die RLI-Studie so brisant macht, ist ihr Ansatz. Statt synthetischer Benchmarks wurden die KI-Agenten auf reale Freelancer-Plattformen losgelassen. Sie sollten Logos entwerfen, Social-Media-Videos schneiden, Produktfotos retuschieren. Die Resultate entlarven die Achillesferse der aktuellen KI-Generation: ein fundamentales Unvermögen, menschliche Intention und implizites Wissen zu deuten.

Die KI lieferte zwar technisch saubere Ergebnisse, verstand aber den Subtext eines Briefings nicht. Sie produzierte Videos, die zu kurz waren, weil sie die Dramaturgie einer Spannungskurve nicht begriff. Sie schmiedete Illustrationen im falschen Stil, weil ihr das kulturelle Feingefühl für die Zielgruppe fehlte.

Die Konsequenz: eine miserable Erfolgsquote und die ernüchternde Einsicht, dass Kreativarbeit eben doch mehr ist als die Summe ihrer technischen Einzelschritte. Die Argumentation, die Maschine könne den Menschen ersetzen, basiert auf der falschen Annahme, dass sich Kreativität vollständig in explizite Anweisungen fassen lässt.

Vom Werkzeug zum Zerrspiegel: Photoshop, Firefly und die neue Beliebigkeit

Doch genau hier beginnt das eigentliche Dilemma für uns Profis. Während die vollautonome KI noch Zukunftsmusik ist, sind ihre Werkzeuge längst in unserem Alltag angekommen und verändern ihn radikal.

Adobes Firefly in Photoshop ist dafür das beste Beispiel. Mit einer Souveränität, die vor wenigen Jahren noch undenkbar war, entfernt es störende Elemente, erweitert Bildränder oder fügt ganze Szenerien hinzu. Diese Werkzeuge sind unbestreitbar mächtig. Sie beschleunigen Prozesse und eröffnen neue gestalterische Horizonte. Gleichzeitig fungieren sie aber auch als Zerrspiegel unserer Branche. Sie fördern, wenn man sie umfänglich nutzt, eine Ästhetik des Perfekten, des Glatten, des Austauschbaren.

Wenn jeder mit wenigen Klicks makellose Ergebnisse erzielen kann, was unterscheidet dann noch den Profi vom Amateur? Die Gefahr liegt also nicht im Werkzeug selbst, sondern in der Bequemlichkeit, die es anbietet. Die KI wird zum Katalysator für eine visuelle Monokultur, in der die einzigartige Handschrift, der bewusste Stilbruch und der „glückliche Zufall“ immer seltener werden. Die Argumente für den Einsatz müssen daher stets durch eine kritische Reflexion über die Konsequenzen für die eigene Originalität gestützt werden.

Was Menschen besser können

Die Stärke des menschlichen Kreativen liegt exakt dort, wo die Maschine versagt: im Verständnis für Kontext, Ironie und in der Erzeugung des Unperfekten. Die KI kann auf Befehl einen Stil imitieren, aber sie kann nicht aus einem tiefen kulturellen Verständnis heraus einen neuen Stil entwickeln oder einen bestehenden bewusst brechen. Sie kann Daten analysieren, aber keine Anekdoten erzählen, die eine tiefere emotionale Verbindung zum Betrachter aufbauen. Ein guter Bildbearbeiter weiß, wann ein Bild „zu perfekt“ ist, wann eine leichte Unschärfe mehr Atmosphäre schafft als klinische Klarheit oder wann ein absichtlich belassener Makel eine Geschichte erzählt. Diese Fähigkeit zur Kuratierung, zur Abwägung und zur emotionalen Resonanz ist das, was den Meister vom Gesellen – und nun auch vom Algorithmus – trennt. Es ist die Kunst, nicht nur das zu liefern, was der Kunde will, sondern das zu schaffen, von dem er nicht wusste, dass er es braucht. Diese intuitive Ebene der Gestaltung, die auf Erfahrung, Empathie und einem breiten kulturellen Wissen fußt, bleibt die Domäne des Menschen. Zumindest vorerst.

Befreiung durch Begrenzung: Die neue Rolle des Kreativen

Was also bleibt für uns? Die Erkenntnisse des RLI sind keine Einladung zur Schadenfreude, sondern eine Aufforderung zur Neupositionierung. Die Angst vor dem Jobverlust durch die KI weicht der Notwendigkeit, die eigenen Fähigkeiten zu schärfen und zu verlagern. Die Zukunft des Kreativ-Profis liegt weniger in der reinen technischen Ausführung – diese wird zunehmend zur Ware – als vielmehr in der Rolle des Regisseurs, des Kurators und des kritischen Denkers. Es geht darum, die richtigen Fragen zu stellen, die KI als Sparringspartner zu nutzen und ihre Ergebnisse souverän zu bewerten, zu verwerfen oder zu veredeln.

Die Begrenzungen der KI werden so zu unserer größten Chance. Sie befreien uns von repetitiven Routineaufgaben und zwingen uns, uns auf das zu konzentrieren, was unsere Arbeit wirklich wertvoll macht: Konzeption, Ideenfindung, Storytelling und die Entwicklung einer unverwechselbaren visuellen Signatur.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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