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Bildkritik: Perspektive in Dosen

Die Farbdosen in einer Hofer-Werbung kamen unserem Leser Peter Bauer aus Österreich etwas seltsam vor. Irgendetwas schien da nicht zu stimmen – aber was? Doc Baumann hat die Dosen unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Das Bild ist gleichermaßen falsch und richtig.

Peter Bauer schieb dazu: „Lieber Doc Baumann, ich habe hier in einer eMail-Aussendung des in AT bekannten Diskonters Hofer (Aldi … wie ich weiß) ein Bild entdeckt, das mich sehr verwirrt. Stimmt hier die Perspektive wirklich? Es ist doch ein Foto und keine Montage, oder? Irgendwie ist es aber trotzdem „unstimmig“ für mich. Die Biegung der unteren Dosenkanten passt nicht zur Ansicht der Oberseite der vorderen Reihe. Oder lasse ich mich einfach nur optisch täuschen? Die obere Dosenreihe ist abgeschnitten, ok, das kann ich erkennen. Aber trotzdem … Geht es nur mir so oder ist da wirklich etwas faul? Es würde mich interessieren, wie Sie das sehen.“

Schauen wir uns zunächst das Bild genau an. In der Tat wirkt es merkwürdig. Sechs mal die gleiche Farbdose – eigentlich könnte man sogar sagen: dieselbe, sie wurde wohl einfach mehrfach verwendet. Es gibt leichte Abweichugen bei Farbe und Beschriftung. Die zuletzt von ihm genannte Merkwürdigkeit hat Herr Bauer in einer späteren Mail selbst erklärt: Die hinteren Dosen sind oben nicht abgeschnitten, sondern nur am oberen Rand so hell, dass es so aussieht – zumindest eine Ungeschicktheit des Grafikers.

Bildkritik: Perspektive in Dosen

Aber was ist mit der Perspektive? Es sieht in der Tat so aus, als entspräche die untere Rundung (der vorderen Dose links) ziemlich genau der oberen des Deckels. Was eigentlich nicht sein kann (auf das „eigentlich“ kommen wir gleich zurück).

Da man sich leicht täuschen lässt, ist es sicherer, das nachzuprüfen. Dazu nehmen Sie das Auswahl-Oval und passen es so an, dass es dem Deckel entspricht. Füllen Sie auf einer neuen Ebene diese Auswahl mit Weiß und senken Sie die Deckkraft. Duplizieren Sie die Ebene und schieben Sie die Ellipse nach unten, bis sie dem Boden der Dose entspricht, also die unteren Kanten genau übereinanderliegen.

Prima – die beiden Ellipsen stimmen genau überein, beziehungsweise Deckel und Boden tun das. Prima ist das aber nur, wenn man mit einer isometrischen Perspektive arbeitet, wie sie manchmal von Architekten, Archäologen oder Designern angewandt wird. Dabei gibt es keinen Fluchtpunkt, sondern alle parallelen Kanten in die Bildtiefe hinein bleiben auch in ihrer zweidimensionalen Darstellung parallel.

Da die isometrische Perspektive aber nichts mit unserer normalen Wahrnehmung zu tun hat, bei der es immer einen Horizont und einen Fluchtpunkt (oder mehrere) gibt, kann hier etwas nicht stimmen. Für „eine „normale“ Betrachtungssituation ist das Bild also falsch. Vielleicht wurde es mit einem 3D-Programm konstruiert und die falsche Perspektive vorgegeben.

Damit in Zusammenhang steht das dritte Problem: Da alle sechs Dosen gleich sind, aber dennoch die hinteren weiter vom Betrachter entfernt sein müssten, sollten sie eigentlich kleiner erscheinen. Sie sind jedoch genau gleich groß. Daraus schließt unser Gehirn, dass sie größer sein müssten – das ist nach nach Mario Ponzo benannte optische Ponzo-Täuschung.

Bildkritik: Perspektive in Dosen

Aber kommen wir noch einmal auf das „eigentlich“ zurück. Eigentlich kann man eine solche Szene nicht fotografieren – oder? Die Antwort betrifft sowohl die perspektivische Darstellung einer Einzeldose wie auch ihre Tiefenstaffelung, wenn mehrere hintereinander stehen. Ist die hintere beispielsweise 1,5 mal weiter vom Betrachter entfernt als die vordere, muss sie 1,5 mal kleiner erscheinen.

Wir gehen davon aus, dass die Dosen irgendwo vor uns – oder dem Fotografen – auf einem Tisch stehen, quasi in Reichweite. Ist die vordere zum Beispiel 1,50 Meter entfernt und die hintere 1,70 Meter, muss die hintere ungefähr ein Zehntel kleiner erscheinen (1,50/1,70 = 0,88).

Die beiden von mir zur Probe fotografierten Dosen – genau genommen ist es ein Farbeimer, weil ich ein etwas größeres Objekt benötigte – links im folgenden Bild sind etwa 1,5 Meter entfernt; die linke flacher, die mittlere weiter von oben aufgenommen. Die  dritte, wie man sieht, noch ein wenig mehr von oben. Aber seltsamerweise sieht die nun so aus wie die Farbdosen aus der Werbung. Warum?

Bildkritik: Perspektive in Dosen

Machen wir auch hier die Ellipsen-Probe: Bei der linken ist der nach oben duplizierte „Boden“ höher als der Deckel (die obere Ellipse musste ein wenig proportional skaliert werden, weil der Deckel breiter ist als der Boden). Dasselbe ist beim mittleren Eimer der Fall. Das ist so auch zu erwarten, weil der Deckel – der Zentralperspektive wegen – aus einem etwas flacheren Winkel betrachtet wird als der Boden und daher einer flacheren Ellipse entspräche. Beim rechten Eimer hingegen sind die Ellipsen für Boden und Deckel gleich, der Deckel ist genauso rund wie der Boden. Wie kann das sein? Ich habe ihn doch nur fotografiert.

Die Lösung: Der rechte Eimer wurde vom Balkon aus in einer horizontalen Entfernung von etwa 12 Metern aufgenommen. (Was man auch an der fehlenden Hintergrundunschärfe merkt.) Der Durchmesser des Eimers ist etwa 40 Zentimeter. Damit ist der nächste Punkt des Eimers 1200 Zentimeter entfernt, der hinterste 1240, der Unterschied beträgt also lediglich 3%, was kaum auffällt. Würde der gleiche Eimer hinter dem ersten stehen, erschiene er ebenfalls nur unwesentlich kleiner. Und hätte ich gar ein Super-Tele verwendet und den Eimer 50 Meter entfernt hingestellt, wäre das Ergebnis von einer isometrischen Perspektive nicht mehr zu unterscheiden gewesen.

Die Aufnahme der Dosen in der Werbung ist also nicht im strengen Sinne falsch, man könnte sie durchaus so aufnehmen – die Darstellung passt aber dennoch nicht zu unseren Wahrnehmungsgewohnheiten und -erwartungen und sieht daher falsch aus.

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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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3 Kommentare

  1. Ich stimme da Doc Baumann zu, die Dosen sehen „falsch“ aus, nur will der Grafiker oder die Grafikerin dem Betrachter augenscheinlich kein Composing unterjubelm, sondern in der zur Verfügung stehenden Fläche möglichst viel Werbeinformation unterbringen. Wäre ein Composing angedacht, so gäbe es zumindest verunglückte Schlagschatten und sonstige Photoshop-Unglücksfälle.
    Für mich eine Grafik vom niedrigsten Niveau. Wobei Grafiker und Grafikerinnen in meiner Beurteilung arme Schweine sind, denen man nicht ausreichend Zeit=Geld gibt um akzeptable Qualität zu liefern. Besonders für solche Flugblätter stehen kaum hohe Mittel seitens der Auftraggeber zur Verfügung. Die meisten davon sind ohnehin nur unnötig verbrauchten Ressourcen (Rohstoffe, Energie und was sie sonst noch alles verbrauchen) und in ein paar Tagen ist die Relevanz abgelaufen, also sind sie dann Müll.

    1. Wie Doc Baumann schon sagte: Die Perspektive ist streng genommen nicht falsch, widerspricht aber unseren Erwartungen.

      Die Perspektive hängt ja vom Betrachtungsstandpunkt und insbesondere von der Entfernung ab, und aus einem hinreichend großen Abstand sehen Dosen tatsächlich so aus. Nur könnten wir aus einer solchen Entfernung nicht viel erkennen, ohne zu einem Fernglas zu greifen. Das ist keine alltägliche Situation; vielmehr schauen wir uns Lackdosen gewöhnlich genauer an, wenn wir direkt davor stehen (oder wir treten näher heran, wenn wir sie näher in Augenschein nehmen wollen). Einem Foto oder dem Rendering eines 3D-Modells sehen wir den Aufnahmestandpunkt und die verwendete Brennweite aber nicht ohne weiteres an; wir bemerken also nicht, wie ungewöhnlich die Perspektive ist, und das ist die Ursache der Irritation – wir setzen einen anderen als den tatsächlichen Betrachtungsstandpunkt voraus und interpretieren die Ansicht daher falsch.

      Diese Wirkung hängt aber auch davon ab, was abgebildet ist. Wildtiere beispielsweise betrachten wir gewöhnlich aus großer Entfernung durch ein Teleobjektiv oder ein Fernglas, womit dieselbe Perspektive, die bei den Lackdosen irritiert, ganz normal wirkte.

      1. Aus der Warte eines Fotografen oder eines Composers stimmen alle Argumente, doch die Realität der Werbung, des schnellen Marketings und vor allem des Webs zeigt uns, dass die ganz andere Werte bevorzugen. Da ist es wichtig, Produktinformation an potenzielle Käufer zu vermitteln. Man kann das ganze Leben damit verbringen, solche schmerzhafte Seiten zu betrachten.
        Ein Beispiel https://www.klemmshop.de/
        Allein über die Bilder dieser Website kann man vermutlich den Blog für ein Jahr füllen.
        Viel Vergnügen!

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