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Pixel, Prompts und Zweifel: Warum 86% der Kreativen mit KI arbeiten

Wer heute noch glaubt, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte, hat vermutlich die letzten Jahre im Funkloch verbracht – oder sich standhaft geweigert, die neuen Möglichkeiten der generativen KI zur Kenntnis zu nehmen. Ein kurzer Textbefehl, ein Klick – und schon erscheint ein Bild, das aussieht, als hätte es ein erfahrener Fotograf mit sicherem Blick und viel Geduld geschaffen. Doch statt Licht, Linse und Labor steckt dahinter nichts als Künstliche Intelligenz und ein paar Worte. Warum 86% der Kreativen mit KI arbeiten, ist längst kein Geheimnis mehr. Willkommen im Zeitalter der Promptografie, in dem nicht mehr der Fotograf, sondern derjenige mit der besten Idee am Keyboard als Künstler durchgeht. Was bedeutet das für Kreativität, Authentizität und den Wert der Fotografie?

Demokratisierung oder Beliebigkeit?

Die Zahlen sind eindeutig: Laut Adobe Creators Toolkit Report 2025 nutzen inzwischen 86 Prozent der Kreativen generative KI. Adobes Firefly hat weltweit bereits über 7 Milliarden KI-Bilder hervorgebracht. Wer da noch von Hand retuschiert, gilt schnell als Exot – oder als jemand, der die Zeichen der Zeit ignoriert. Die Zeiten, in denen man sich mit der eigenen Handschrift oder dem „authentischen Blick“ schmücken konnte, sind vorbei. Authentizität? Ein Begriff, der heute so dehnbar ist wie die Bildrechte bei Social Media.

Die eigentliche Verschiebung ist keine technische, sondern eine konzeptuelle: Nicht mehr die Beherrschung des Werkzeugs entscheidet über die Qualität eines Bildes, sondern die Präzision der Idee dahinter. Prompt Engineering ersetzt die Dunkelkammer. Die alte Frage „Kannst du fotografieren?“ weicht einer neuen: „Weißt du, was du zeigen willst?“ Das klingt nach Befreiung – und ist es für viele auch. Zugleich entwertet es die jahrelang erworbene Handschrift all jener, die ihre Kreativität an technischer Kontrolle geschult haben.

Der Januskopf der KI: Kreativität und Zweifel

Genau diesen Widerspruch untersucht die Studie „The Janus Effect of Generative AI“ von Susarla, Gopal, Thatcher und Sarker. In Laborexperimenten und Feldstudien mit professionellen Designern zeigte sich: KI-Bilder werden oft als ebenso kreativ und originell wahrgenommen wie menschgemachte, manchmal sogar höher bewertet. Gleichzeitig bleibt ein hartnäckiger Zweifel an ihrer Authentizität bestehen, der sich mit wachsendem Wissen um die Herkunft noch verstärkt. Die Demokratisierung der Kreativität geht Hand in Hand mit dem Verlust traditioneller Marker von Urheberschaft und Verlässlichkeit. Noch nie war es so einfach, ein beeindruckendes Bild vorzuweisen – und noch nie so unklar, was dieses Bild eigentlich über seinen Urheber aussagt.

Wenn der Zweifel Konjunktur hat

Was für die Kreativszene ein ästhetisches Dilemma ist, wird im Journalismus zur handfesten Glaubwürdigkeitskrise. Mitte Februar 2024 zeigte das ZDF-„heute journal“ in einem Bericht über die US-Einwanderungsbehörde ICE und die Abschiebung von Minderjährigen eine KI-generierte Videosequenz – produziert mit Sora –, die nicht als solche gekennzeichnet war. Das ZDF verstrickte sich zunächst in widersprüchliche Aussagen, entfernte den Beitrag aus der Mediathek und lud ihn später ohne die betreffende Szene neu hoch. Am 20. Februar 2024 entschuldigte sich Chefredakteurin Anne Gellinek öffentlich im Programm, der New-York-Korrespondent Nicola Albrecht wurde abberufen. Der Vorfall illustriert, was als Lügenprämieneffekt bekannt ist: Wenn jedes Bild gefälscht sein könnte, sinkt die Beweislast für alle, die ohnehin zweifeln wollen. Nicht das gefälschte Bild allein richtet Schaden an – sondern die diffuse Unsicherheit, die sich ausbreitet, sobald die Grenze zwischen Aufnahme und Simulation verschwimmt.

Was das Gesetz regelt – und was nicht

Ab dem 2. August 2026 greift Artikel 50 des EU AI Act mit einer Kennzeichnungspflicht: Anbieter generativer KI-Systeme müssen Inhalte maschinell markieren – etwa über Metadaten oder Wasserzeichen –, während Verbreiter sichtbar kennzeichnen müssen, wenn es sich um Deepfakes oder KI-generierte Inhalte zu Themen von öffentlichem Interesse handelt. Die Regelung ist kein Allheilmittel: Sie erfasst nicht jedes KI-Bild, sondern zielt auf jene Fälle, in denen Täuschungsabsicht oder gesellschaftliche Relevanz auf dem Spiel stehen. Ob die kleinen Kennzeichnungen im Alltag tatsächlich wahrgenommen werden, ist eine andere Frage. Wer heute AGB-Texte überfliegt, wird morgen vermutlich auch Herkunftshinweise übersehen. Der rechtliche Rahmen schafft Verbindlichkeit – das Bewusstsein dafür muss die Gesellschaft selbst entwickeln.

Pseudomnesia und die Kunst des Provozierens

Kein Vorgang hat die Debatte schärfer zugespitzt als der Auftritt von Boris Eldagsen bei den Sony World Photography Awards 2023. Sein Bild „Pseudomnesia: The Electrician“ – mit DALL-E 2 gefertigt – gewann die Creative Open Category. Am 14. März 2023 wurde Eldagsen als Sieger verkündet; am 13. April 2023 lehnte er den Preis bei der Galaveranstaltung in London öffentlich ab. Seine Begründung war programmatisch: „AI is not photography. It is PROMPTOGRAPHY!“ Den Begriff Promptografie hat Eldagsen selbst geprägt – ein Wort, das den Produktionsprozess benennt und zugleich die Grenze zur klassischen Fotografie zieht. Was Eldagsen provoziert hat, ist keine Randnotiz der Fotogeschichte, sondern eine Sollbruchstelle: der Moment, in dem eine Branche gezwungen wurde, ihre eigenen Kategorien zu hinterfragen. Ist Promptografie Fotografie? Oder ist sie eine eigenständige Bildsprache, die neue Bewertungsmaßstäbe verlangt? Die Antwort ist nicht entschieden – und das aus gutem Grund. Wer die Grenze zu früh zieht, riskiert, das Falsche einzuschließen.

Was bleibt?

Die eigentliche Revolution liegt nicht in der Technik, sondern in der Frage, die sie aufwirft: Was wollen wir noch glauben – und warum? Kreativität war nie identisch mit Handarbeit. Aber sie war immer an Entscheidungen geknüpft: welches Licht, welcher Moment, welcher Ausschnitt. Generative KI verschiebt diese Entscheidungen auf die Ebene der Sprache. Wer die richtigen Worte findet, bekommt das richtige Bild. Wer nicht, bekommt eine Ahnung davon. Die Profis, die heute in der Branche bestehen, haben das verstanden: Ihre neue Währung heißt Konzeptstärke, kuratorisches Urteil und die Fähigkeit, aus dem Bilderstrom die eine Arbeit herauszufiltern, die noch niemand so gesehen hat. Die alten Türsteher sind weg. Die neue Freiheit bringt neue Verantwortung – und neue Beliebigkeit. Beides gleichzeitig. Das ist kein Widerspruch. Das ist die Lage.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

2 Kommentare

  1. „AI is not photography. It is PROMPTOGRAPHY!“

    Das ist der elementare Satz! KI ersetzt kein Handwerk. Auch ich nutze KI. Warum? Da kann ich meine Bilder, ob Fotografie oder Paintings, zum Leben erwecken. Aber ich produziere keine Deepfakes! Es ist ein anderes Genre, es ist kaum Handwerk, es ist Geduld, Ausdauer, es ist unbegrenzte Freiheit, aber es ist kein Handwerk! Das Handwerk wird immer bestehen bleiben, es wird immer das sein, was in der realen Welt Geltung hat. Es ist zum Anfassen, es ist zum Mitnehmen, es ist unabhängig vom Strom. Es ist kein Konsumgut, es ist auch noch da, wenn ich nicht mehr bin. Kann das auch KI? Ich kann mit KI sehr viel und es macht auch Spaß, neue Ideen, neue Welten zu entdecken, aber ich muss schauen, wie ich das aus meinem Computer in die reale Welt bringe. Auch ich weiß, dass 80 – 90% der heutigen Menschen in ihrem Handy leben und es schwer wird, mit einem realen Menschen zu reden. Langsam komm ich mir vor wie in dem Film „Sourogates“. Die Frage ist nicht, welche Arbeit mehr wert ist, da es zwei ganz verschiedene Arbeiten sind, die Frage ist eher, wo wir leben, in der realen Welt oder in der virtuellen Welt, in der es nur Deepfakes gibt. Ich für meinen Teil liebe das Leben, ich arbeite gerne analog, fasse die Dinge noch an, lass mich erden bei der Arbeit, reagiere mit realen Menschen und lerne in jeder Sekunde meiner Arbeit. Es ist also eine persönliche Entscheidung, leben wie in Sourogates oder mit realen Dingen und mit dem realen Leben verbunden zu sein. Das reale Leben lehnt KI nicht ab, aber es ist nur ein kleiner Teil der Realität und ersetzt nichts, rein gar nichts.

  2. Hallo, war das mit dem ZDF-Artikel nicht erst vor kurzem? Wenn ich zu dem Thema im Internet recherchiere, wird mir Folgendes angezeigt: „Das ZDF-„heute journal“ zeigte die nicht gekennzeichnete KI-generierte Videosequenz am Sonntag, dem 15. Februar 2026.
    In dem Beitrag über die Abschiebepraxis der US-Einwanderungsbehörde ICE war ein mit dem KI-Tool Sora von OpenAI
    erstelltes Video zu sehen, das eine vermeintliche Festnahme zeigte: Eine Frau wird von zwei Einsatzkräften abgeführt,
    während zwei weinende Kinder sich an sie klammern. Die Szene hat sich so niemals abgespielt. Das Wasserzeichen von
    „Sora“ war auf dem Video deutlich sichtbar, wurde vom Publikum jedoch erst im Nachhinein bemerkt.“ Das Gefühl, dass die Zeit immer schneller vergeht, je älter ich werde, kenne ich zu gut, aber dass das schon zwei Jahre her sein soll, glaube ich nicht. Gerne lasse ich mich eines Besseren belehren, ansonsten freue ich mich über eine Korrektur. Liebe Grüße und danke für die vielen tollen, zum Nachdenken anregenden Artikel.

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