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Panorama der Städte

Mit diesem Riesenband hat Rezensent Doc Baumann so seine Probleme. Da werden auf knapp 200 Seiten Panorama-Fotos von Städten weltweit präsentiert, in eindrucksvoller Doppelseitenbreite von fast 90 Zentimetern. Das haut die Betrachter erst mal um – auf den Bildern gibt es zahllose Details zu entdecken. Und doch: Je tiefer man hier gräbt, um so weniger findet man.

Panorama der Städte
Advancing Horizons, published by teNeues Verlag 2020, www.teneues.com, Australia, Sydney. © HGEsch Photography

Als mir der Verlag teNeues diesen Band zur Rezension anbot, nahm ich das nur zögernd an: Wenn denn auch einiges über die Aufnahmetechnik darin zu finden sei, könne ich mir durchaus vorstellen, dass er für unsere Leserinnen und Leser von Interesse sei. Wenig später kam das Buch – doch ausgerechnet zu diesem Aspekt findet sich keine Zeile. Schade!

Ich hätte ja schon gern gewusst, ob der Fotograf mit einer Kamera und einem Objektiv fotografiert, welche das jeweilige Panorama mit einer einzigen Aufnahme wiedergeben, oder ob er sie zusammengestitcht hat. Als technischen Hintergrund gibt das allzu knappe Vorwort (erwartungsgemäß erst auf Seite 195 zu finden) nur an, dass er mit einer Leica S fotografiert. Davon gibt es ja nun mehrere; wäre es die Leica S3 mit einer Auflösung von 64 Millionen Pixeln, dann ergäben das etwa 9800 × 6500 Pixel – das würde zwar knapp für die Abbildungsbreite von 88 Zentimetern reichen, aber nicht für die Ausschnittvergrößerungen, von denen etliche die Gesamtansichten auf jeweils angehängten Seiten ergänzen. Die könnten zwar auch vom selben Standort aus separat mit Tele aufgenommen worden sein, aber Vergleiche etwa bei fahrenden Autos zeigen, dass sie tatsächlich Ausschnitte aus dem Panorama sind.

Also gestitcht. Das ist ja völlig in Ordnung, es kommt auf das überzeugende Ergebnis an. Nur hätte ich das als Leser auch gern aus dem Buch erfahren, ohne erst selbst rechnen und messen zu müssen.

Das Buch, die Zusammenstellung und die Fotos sind zunächst durchaus eindrucksvoll und vermitteln einen Eindruck von den Anlagen der gezeigten Städte. (Früher hätte man dafür das schöne, seltsame und nicht mehr gebräuchliche Wort „Weichbild“ verwendet, was heutzutage aber sicherlich als Kritik an mangelnder Bildschärfe missverstanden würde.)

Auf den zweiten Blick jedoch ist das alles nicht mehr ganz so überzeugend. Das beginnt schon auf dem Cover beim Sprachlichen: Was bedeutet etwa der Titel „Advancing Horizons“? „Horizonte vorantreiben“, „zunehmende oder fortschreitende Horizonte“, oder etwas ganz anderes? Soll das ein ambivalentes Ratespiel sein? Ein Adjektiv oder ein Verb? Ähnlich rätselhaft bleibt zunächst das unverständliche HGEsch. Wofür soll das stehen? Ein abgekürztes Adjektiv, etwa „hypergigaelephantastisch“? Ein Firmenname? Bis Seite 195 bleibt das ungeklärt – dann kann die kombinationsfreudige Leserin erschließen, dass es sich wohl um die eigenwillig-artifizielle Zusammenziehung der Namensbestandteile von „Hans-Georg Esch“ handelt.

Portrait of HGEsch. © HGEsch Photography

Anderes, was man nicht erfährt, ist die Anzahl der vorgestellten Städte oder wo man sie in diesem Buch findet; dazu gibt’s weder Inhaltsverzeichnis noch Register. Und selbst auf den doppelseitigen Tafeln muss man Giga-Buch oder Kopf um 90 Grad neigen, um am Rande in Mikro-Typo den Ortsnamen zu entdecken. Vor den angehängten Seiten mit sechs 360-Grad-Panoramen steht zwar ein solches Mini-Register, dafür eröffnen sich hier neue Rätsel: So heißt es dort etwa „New York | 17:02 | USA“. 17 Uhr 02, aber wann? Februar 2017 – aber bei Shanghai steht „17:41“, und 41 Monate gibt’s auch in China nicht.

Und wenn man das Pech haben sollte, kein Englisch lesen zu können, ist man ohnehin aufgeschmissen; anders als etwa der Taschen-Verlag, der vergleichbare Werke dreisprachig druckt, gibt’s beim Düsseldorfer teNeues Verlag nur Englisch.

Nun könnte man meinen, angesichts der ohnehin fehlenden oder bescheidenen Textinformationen wäre das verzichtbar. Das ist allerdings nicht richtig, denn die drei angehängten, gut bebilderten Essays zur Geschichte der Städtepanoramen sind durchaus lesenswert.

Ein weiterer Kritikpunkt ist das eigenwillige Format – den Panorama-Bildern sicherlich angemessen, aber weder in der Tiefe noch in der Höhe in einem Bücherregal unterzubringen. Da hätte man also wenigstens beim Preis von 98 Euro einen Schuber erwarten können, der das Werk im Schrank liegend auf seiner Längsseite identifizierbar macht.

Bleiben also die Panorama-Fotos der Städte selbst. Die weltweit aufzunehmen und zusammenzustellen ist fraglos eine beachtliche Leistung. Aber auch hier kommen einem bald Zweifel. Denn kennt man die Orte etwas genauer, dann fallen einem schnell Positionen ein, von denen aus der Charakter dieser Städte besser ins Bild hätte gesetzt werden können. So steht etwa beim Rom-Panorama ausgerechnet ein Gebäude im Bildzentrum, von dem die Römer sagen, die Aussichtsplattform auf seinem Dach sei der schönste Ort der Stadt – eben deswegen, weil man von dort aus diesen Prunkkasten nicht sehen muss: das Monumento a Vittorio Emanuele II an der Piazza Venezia. Ähnliches gilt etwa für Venedig (wo es zugegebenermaßen nicht allzu viele hoch gelegene Aufnahmeorte für Panorama-Fotos gibt), während die entsprechend gewählte Stelle in Florenz ausgerechnet jener Parkplatz ist, wo jeder Touristenbus hält, damit ein solches Foto hundertfach aufgenommen werden kann – ganz davon abgesehen, dass dieses deutlich zu dunkel ist.

Wer in einem Buch viele Städte-Panoramen im Großformat versammelt haben möchte, ist mit diesem Band sicherlich gut bedient, … wenn man bereit ist, die genannten Einschränkungen und Mängel hinzunehmen.

Hans-Georg Esch
advancing horizons
Verlag teNeues, Düsseldorf 2020
248 Seite, gebunden, Leinen, Großformat 47 × 28 cm
98 Euro

Panorama der Städte
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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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5 Kommentare

  1. Ich vermute, dass mit „advancing horizons“ so etwas wie „den Horizont erweitern“ gemeint sein soll, obwohl man da wohl eher von „broadening horizons“ sprechen würde.
    Es ist schon länger her, dass ich H. G. Esch mal interviewt habe – das war 2010 zum Thema seines Salzburg-Panoramas –, und damals arbeitete er vor allem mit einer Leica S2 und einem 35-mm-Weitwinkel. Die neueren Panoramen könnten teilweise mit einer S (Typ 007) entstanden sein, die aber wie die S2 37,5 Megapixel hätte; die S3 mit 64 Megapixeln wurde ja – ein Jahr verspätet – erst im März letzten Jahres eingeführt.

    1. Ehrlich gesagt hat mich die verwendete Kamera weniger interessiert – dafür bin ich im Gegensatz zu Dir auch völlig inkompetent. ich wollte nur wissen, ob die Panoramen zusammengesetzt sind, und angesichts der Ausschnittvergrößerungen bei bewegten Objekten mit identischer Position sehe ich nur diese Möglichkeit, sonst müsste das ein gigantischer Sensor mit einer Superobjektiv sein – oder?

      1. Ja, H. G. Esch hat seine Panoramen immer gestitcht. Damals, als es um das Salzburg-360°-Panorama ging, hatte er mir erzählt, dass er von der Festung aus fotografiert hatte, wobei es sich aber als unmöglich erwies, alle Teile der Stadt und des Umlands von ein und derselben Position zu fotografieren; nicht einmal die Höhe der Aufnahmestandpunkte war immer dieselbe. Es erforderte dann entsprechend viel Mühe, die Einzelbilder zur Deckung zu bringen, ohne dass allzu auffällige Unstimmigkeiten entstanden. Sinn der Übung war, das gemalte Salzburg-Panorama von Johann Michael Sattler (1786–1847) fotografisch nachzuempfinden, weshalb die Festung als Standpunkt und selbst die Tageszeit vorgegeben waren. Bei den Panoramen in diesem Band dürfte er aber freier gewesen sein.

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