RSS

Ausstellung „Wendezeit“ und Leica Erlebnistage

Der Dokumentarfotograf Herbert Piel setzt seit 39 Jahren auf Leica und Ilford. In seiner Ausstellung „Wendezeit“ und auf den Erlebnistagen der Leica Akademie zeigte er vierzig Schwarzweißbilder aus der Zeit nach der Wende in Ostdeutschland, die Piel während mehrerer Aufenthalte aufgenommen hat.

Die Bilder dokumentieren den teilweise tristen Alltag in Ostdeutschland, wobei seine schwarzweiße Aufnahmetechnik diese Stimmung ideal zum Ausdruck bringt. Dazu gehören auch Momentaufnahmen, beispielsweise von Willy Brandt am Fenster des Erfurter Hofs oder von Helmut Kohl – umjubelt auf dem Erfurter Domplatz. Die Vernissagen von Herbert Piel fanden ein enormes Medienecho. So titelten die Zeitungen von: „Unvergessene Momente“ bis hin zu: „Wahnsinn! Wahnsinn! Wahnsinn!“.

herbert_piel

Fotograf Herbert Piel signiert Exemplare seines Buches „Wendezeit“ bei einer Vernissage

 Eine Reise durch die Zeit: Herbert Piel dokumentiert Geschichte

Bei den Vorbereitungs- und Recherche-Arbeiten für seine vier kommenden, parallel stattfindenden Fotoausstellungen „WENDEZEIT“ anläßlich des 25. Jahrestags des Mauerfalls tauchte immer wieder neben dem Namen Leica ein Name auf, der ihn ebenfalls schon sein ganzes Berufsleben seit 1975 begleitet hat: ILFORD. Genau wie seine Kameramarke Leica, ein Begriff, der ihn in seiner fotografischen Laufbahn immer präsent war, ob als Film oder als Papier, als normales Papier, als Multigrade oder heute als Ilford Galerie Inkjet. Die zwei Markennamen haben ihn immer begleitet und seinen persönlichen Stil seit Mitte der 1970er Jahre geprägt.

Knallharte Vergrößerung und Entwicklung der Bilder

Piel ist, wie er sagt, nicht pfleglich mit dem Material umgegangen, es mussten Filme wie der 400er Ilford HP5 auf 1600 ISO gepuscht werden, manchmal auf 3200 ISO, mit fast 30 Grad warmen Entwickler in irgendwelchen zur Verfügung stehenden Kellern oder dunklen Räumen entwickelt werden – Aktualität war alles in der schnellen Presse-Agentur-Zeit z.B. für Associated Press.

Er erinnert sich daran, dass er selbst mal geprüft hat, sieben Minuten, vom belichteten Negativ bis zum nassen Print auf dem transportablen analogen Bildfunkgerät, das er, wenn es möglich war und er irgendwo eine Telefonbuchse gefunden hat, mit Krokodilklemmen an eine analoge Telefonleitung geklemmt habe.

Zu der Zeit war Piel zum Beispiel bei der Großdemo 1981 gegen das AKW Brokdorf mit mehreren Koffern unterwegs, in einem das transportable Labor, ein kleiner Durst Vergrößerer mit toller Schneider Optik und diversen Flaschen für Entwickler, Fixier- und Stoppbad, sowie diverse Kleinteile, Zangen, Klammern, Schere und Filmabstreifer, in der anderen Kiste das Hell Bildfunkgerät TS 1086.

003Brockdorf_piel (1)

Vertreibung der Demonstranten mit CH53-Hubschraubern bei der größten Anti-AKW-Demo gegen den Bau des AKWs Brokdorf, 1981 © Herbert Piel

Das Brokdorf-Foto: Die Drucke der heutigen Scans haben das gleiche Look & Feel der Kellerproduktionen

So ausgerüstet, konnte er das bekannte „Brokdorf-Foto“ aus dem Keller eines Bauernhofes, deren Anwohner die Gegend wegen der Demo verlassen hatten, aktuell auf den Bildtisch zur AP nach Frankfurt senden. Dort wurde es aufbereitet und dann international in alle Welt verschickt: belichtet auf Ilford-Film und -Papier. So ging Bildübertragung damals, ohne iPhone, iPad oder Laptop.

Zunächst wurde das Gerät ans Netz und an eine analoge Telefonleitung geklemmt, bevor man das Foto auf die Bildrolle aufspannte. Die ausnutzbare Bildfläche hat ein Format von 355 mm x 200 mm, bzw. 355 mm x 260 mm.

004Tschernobyl_piel (1)

Verstrahltes Kind, Tschernobyl-Region, Minsk, 1992 / © Herbert Piel

Beim Abtasten des Fotos wurde ein Lichtpunkt auf die Bildoberfläche des auf der Walze rotierenden Fotos projiziert. Das von dieser Oberfläche reflektierte Licht gelangte über das Objektiv zum Fotoelement. Hier wurde aus dem optischen ein entsprechendes elektrisches Signal gewonnen und anschließend verstärkt. Weiße Bildteile reflektieren bekanntlich sehr viel Licht, schwarze sehr wenig. Alle Halbtöne im Bild reflektieren darum je nach hellerem oder dunklerem Grauwert mal mehr, mal weniger Licht. Das Fotoelement im Abtastsystem des Senders gab dabei ein Signal ab, das dem abgetasteten reflektierten Licht vollkommen entsprach. Auf der Empfangsseite entstand aus dem elektrischen Signal ein Telebild, ein Faksimile des Originalfotos. Durch den kontinuierlichen Vorschub des Abtastsystems bedingt, wurde das auf der rotierenden Walze befindliche Foto schraubenlinienförmig bis zum Bildende abgetastet.

Dadurch, das bereits die Filme und danach auch das Papier im Entwicklungsprozess fast „gekocht“ wurden, gab es natürlich einen starken Aufriss des Filmkorns und des Gesamtkontrastes. Aber das war zu der Zeit für die aktuellen Tageszeitungs- und Magazin-Produktionen unwichtig – die Hauptsache war, dass die Bildvorlage schnell in den Redaktionen ankam.

Und sein Lieblingsfilm kristallisierte sich dabei sehr schnell heraus: zunächst noch für kurze Zeit der HP4 dann ab 1976 der Ilford HP5. Er verzieh manch Unachtsamkeit in der Belichtung und Entwicklung. Genutzt hat Piel sowohl konfektionierte Ware als auch Rollenware. Ebenso wie das Papier: Ilfospeed. Und damit natürlich auch den legendären ILFORD ILFOSPEED 4250 TROCKNER.

Digital trifft auf analog: Herausforderung und Lösung

Diese damalige Arbeitsweise sollte ihm fast 35 Jahre später noch größeres Kopfzerbrechen bereiten. Denn als er vor ein paar Jahren damit begann, die besten Fotos aus seiner News-Zeit für Ausstellungen vorzubereiten, kaufte er modernes Papier und Entwickler und mietete sich in einem Labor eines befreundeten Kollegen ein. Nach den ersten 20 Prints gab er ernüchtert auf: Das waren nicht „seine“ Bilder, die er von den alten Negativen vergrößerte: „Alle Graustufen und feinste Abstufungen dieser Welt hatte ich in den Prints, ich erkannte meine Bilder nicht wieder – das war nicht ICH!“, so Herbert Piel.

Da kam ihm eine Idee – hatte er doch fast alle von ihm jemals gefunkten Fotos in einer Kiste verwahrt – diese auf einem High-res-Scanner professionell einzuscannen. Davon wurden dann – nach fast 25 Jahren – auf bestem Ilford- Inkjetpapier Fotos und Großdrucke von 30x45cm bis 50x70cm erstellt, die genau seine damaligen Intuitionen widerspiegelten: „Es wird damals Gründe gegeben haben, warum ich welchen Bereich aufgehellt oder abgedunkelt habe, welchen Ausschnitt ich genommen habe, alles bildwichtige Punkte, an die ich mich heute nicht mehr erinnere, die aber „meine“ Bilder, so wie ich sie in Erinnerung habe, ausmachten,“ sagt Piel, „Es ist schon selten, wenn man 39 Jahre seines Berufslebens mit zwei großen Traditionsmarken treu und verläßlich bis heute verbunden ist: Ilford und Leica.“

002Beuys_piel (1)

Joseph Beuys in der Eiffel, 1984 / © Herbert Piel

Related Posts

Mitdiskutieren