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Restaurierung: Wenn sich der Schleier der Geschichte hebt …

Vor kurzem – vermutlich genau zwischen zwei Lockdowns – war ich im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, dessen Besuch ich nur empfehlen kann. Neben den ägyptischen Grabungsfunden und den wie moderne Kunst wirkenden Fossilien aus der Grube Messel beeindruckten mich vor allem die bis zu 500 Jahre alten Gemälde. Das Meiste kann man hier aus größter Nähe inspizieren, was bei Da Vincis Mona Lisa im Louvre schon aufgrund der Menschenmassen, dann der Glasscheibe und auch dem Mindestabstand ein Ding der Unmöglichkeit ist.

So sieht man jeden einzelnen Pinselstrich (sofern die Maltechnik diese sichtbar ließ) und hat einen ganz anderen Zugang zu Gemälden, die man sonst nur aus Abdrucken kennt.

Restaurierung: Wenn sich der Schleier der Geschichte hebt …
Hochauflösende (Makro-) Fotos von Gemälden der alten Meister helfen nicht nur bei der Analyse des Entstehungsprozesses sondern mir zum Beispiel auch dabei, mich an bestimmte Momente und Aha-Erlebnisse im Museum zu erinnern.

Frischer Glanz für alte Gemälde

Restaurierung: Wenn sich der Schleier der Geschichte hebt …
Erstaunlich, was sich mit behutsamer Restaurierung aus einem alten Gemälde herauskitzeln lässt, ohne die originale Substanz zu verändern. Foto: Philip Mould

Was vielen Betrachtern aber vielleicht nicht bewusst ist: Die Gemälde sahen zur Zeit ihrer Entstehung nicht so aus, wie wir sie heute sehen. Schmutz, Oxidation und Trocknung veränderten die Oberfläche, bildeten eine Patina, verblassten und verdunkelten die Farben. Genau das gibt vielen alten Gemälden natürlich das gewisse Etwas.

Wie es der Zufall so will, bin ich wenige Tage nach meinem Museumsbesuch über diesen Blog-Beitrag gestolpert:

Watch as 200 Years of Varnish Is Wiped Away From a 17th Century Oil Painting

Gezeigt wird die Restauration eines alten Gemäldes durch gekonntes Entfernen der alten Lackierung. Es ist faszinierend, es wieder so sehen zu dürfen, wie der Maler es auf die Leinwand brachte und seine Zeitgenossen es sahen.

Als Zeitreise- und Sci-Fi-Fan würde mich natürlich auch die Meinung des Malers zu seinem um Jahrhunderte gealterten Werk interessieren, also zu dem Zustand, in dem es hunderte Jahre lang ausschließlich zu betrachten war.

Aber das bleibt leider genauso ein Gedankenspiel wie jenes, wie die Geschichte wohl verlaufen wäre, wenn Hitler mit seinen gar nicht mal so schlechten Zeichenkünsten zu seinem gewünschten Kunststudium in Wien zugelassen worden wäre …

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Olaf Giermann

Sein Erstkontakt mit Photoshop erfolgte 2003 an der Uni, an der das Programm als reine Scanner-Software eingesetzt wurde. Inzwischen gilt Giermann sprichwörtlich als das »Photoshop-Lexikon« im deutschsprachigen Raum und teilt sein Wissen in DOCMA, in Video­kursen und in Seminaren.

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