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Der 100-Megapixel-Schwanzvergleich

55 Schwanzvergleich

Montage: Doc Baumann

 

Vor einiger Zeit hatte mein Kollege Christoph Künne an dieser Stelle eine 100-MP-Mittelformatkamera vorgestellt. Wie in anderen Fällen gab es neben viel Interesse auch Kritik. Braucht das jemand? Warum sollten wir für DOCMA-Leser über eine Kamera berichten, die sich bei einem Preis von 50 000 € sowieso kaum jemand leisten kann?

Ich bin schrecklich uninteressiert an Technik. Mein Handy ist fast zehn Jahre alt und kann nur telefonieren, mein Auto fahre ich seit 18 Jahren, meine letzte Spiegelreflex-Kamera habe ich vor sechs Jahren gekauft. Alle erfüllen ihren Zweck, so dass ich einstweilen keinen Grund sehe, sie zu ersetzen. Für mich sind das Werkzeuge, die funktionieren müssen; für meine Zwecke reicht’s. Ich gebe mein Geld lieber für alte Bücher aus, aber ein e-book-Reader kommt mir nicht ins Haus. Mit anderen Worten: Ich bin unter dem Gesichtspunkt der Technikbegeisterung der ideale Herausgeber einer Zeitschrift für digitale Bildbearbeitung.

Insofern sollte ich eigentlich großes Verständnis für einen Kommentar wie den folgenden haben. Zur Vorstellung der 100-MP-Kamera schrieb K.P.: „Ihr wollt ein Publikums-Medium sein, werbt aber für eine Kamera, die sich nur Millionäre oder die oberen 300 Großverdiener unter den Profis leisten können. Was soll das? Ich muss nicht unbedingt den längeren Schwanz meines Nachbarn verglichen haben.“

Nun bin ich nicht nur an Technik relativ gering interessiert, sondern auch an der Schwanzlänge meines Nachbarn – im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne. Wenn ich etwas unbedingt erwerben will, dann deswegen, weil ich es brauche oder seines ästhetischen Wertes wegen gern besitzen möchte – ob das nun mein Nachbar (oder sonst jemand) hat oder nicht, ist mir egal.

Dennoch kann ich die Kritik von K.P. nicht teilen. Nicht, weil wir hier informieren und nicht werben. Nicht, dass er grundlegend Unrecht hätte: 50 000 € für eine Kamera kann sich in der Tat kaum jemand leisten. Doch wenn ein Fotograf in einem Segment tätig ist, in dem er eine solche Kamera sinnvoll – und irgendwann kostendeckend – einsetzen kann oder muss – warum nicht? Und wenn jemand – in einem anderen Falle – für seine Arbeit oder meinetwegen auch sein Hobby eine Kamera mit ISO 3.280.000 braucht, kann man sich doch freuen, dass es so was zu kaufen gibt. Ob die Funktionen jeweils den Preis wert sind, ist eine andere Sache. Das ist dasselbe wie bei einem alten Buch; ob ich den Preis dafür bezahlen möchte, hängt letztlich nur davon ab, ob es mir das wert ist.

Das ist aber gar nicht der Hauptgrund, weshalb ich die Kritik von K.P. nicht teile. Eine Zeitschrift kann man nicht nur unter den Aspekten persönlicher Vorlieben und Abneigungen machen. Man sollte zwar mit seiner ganzen Persönlichkeit (früher hätte man gesagt: Herzblut) hinter einem solchen Projekt stehen und nichts tun, das man nicht verantworten kann. Aber beim Zeitschriftenmachen geht es natürlich nicht primär um die eigenen Interessen, sondern um die der Leser/innen. Und DOCMA-Leser sind – im Unterschied zu mir – von Technik in hohem Maße fasziniert.

Ich hatte den Kommentar von K.P. sarkastisch mit den Worten beantwortet: „Beim nächsten Mal dann also ein Sechs-Seiter in der DOCMA zur neuesten Medion-Kamera bei Aldi – Okay?“ Nichts gegen Billig-Kameras, wenn sie die Bedürfnisse ihrer Käufer befriedigen! Eine Medion-Kamera mit 20 MP gibt’s für 100 €, also kriegen Sie dort für lediglich 500 € quasi auch 100 MP. Aber im Ernst: Wen von unseren Leser/innen würde es interessieren, wenn wir diese Kamera ausführlich vorstellten? Im Gegensatz zum 100-MP-Giganten könnte sie sich jeder leisten, das spricht für sie. Sie glänzt aber nicht mit technischen Innovationen, die über das hinausgehen, was bisher angeboten wurde und damit ästhetische Umsetzungen ermöglicht, die so zuvor nicht oder weniger gut realisierbar waren.

Nach der Logik unseres Kritikers müssen wir in DOCMA überwiegend Tutorials zu Themen wie Lasso, Gradationskurven oder „Datei öffnen“ bringen, denn damit beschäftigen sich Bildbearbeiter besonders häufig. Wie man hingegen digitalen Schnee fallen lässt oder Flammen entfacht, kommt vergleichsweise so selten vor, so dass wir solche Beiträge, orientiert an der Nutzungshäufigkeit, getrost wegfallen lassen könnten. Dennoch sind es gerade solche Spezialthemen, die in die Tiefe gehen und auch Fortgeschrittenen noch Anregungen vermitteln können, von denen ein Magazin wie DOCMA lebt. Und darum gehören auch Informationen zu extrem teuren, innovativen technischen Lösungen zu unserer Aufgabe – selbst dann, wenn sich kein einziger DOCMA-Leser ein solches Gerät leisten könnte.

  1. OttoHeinz

    Ja, solche Berichte finde ich prima, zeigen sie doch das Mögliche des Machbaren. Leider sind einige Zeitgenossen der Meinung alles was ihnen vorgehalten wird auch besitzen zu müssen. Wer kauft sich schon eine Kuh, wenn er am Tag nur einen Liter Milch braucht ?
    Wenn der Nachbar aber schon eine Kuh hat, so müßte ich vielleicht noch einmal darüber nachdenken ;-).

  2. rollpu

    Es mag schon sein, dass Berichte über sehr teure Technik ihre Berechtigung haben. Für mich sind aber genau diese Berichte der Grund warum ich weder die „Docma“ noch eine Fotozeitschrift abonniere. Ich schau mir online die Inhaltsverzeichnisse der aktuellen Ausgaben an und entscheide dann ob ich kaufen will oder nicht. So spare ich Geld und muss mich nicht über Artikel aufregen, die die für mich nicht interessant sind. Deshalb muss ich auch nicht über den Nachbarn nachdenken 😉

  3. Michael J. Hußmann

    Nur um den Kontext klarzustellen: Der Beitrag, um den es geht, war kein Artikel, sondern eine kurze News-Meldung von sechs Sätzen auf der Website. Wenn es um die Heftplanung geht, überlegen wir uns natürlich, welche Themen DOCMA-tauglich sind und wie viel Platz ein Artikel dazu beanspruchen kann und soll. News sind eine ganz andere Geschichte – damit bilden wir schlicht ab, was sich auf den für unsere Leser relevanten Märkten tut. Eine neue Mittelformatkamera wird natürlich gemeldet; darüber gibt es nicht erst eine redaktionsinterne Debatte. Ob wir diese Kamera dann in Artikellänge vorstellen sollten, wäre eine ganz andere Frage – aber die hat sich bislang gar nicht gestellt.

  4. geka

    Ist wohl auch eine Frage der Lebenseinstellung. Wieso kritisiert jemand ein an die interessierte Allgemeinheit gerichtetes Magazin dafür, das ihn persönlich ein Thema nicht interessiert? -Wirkt irgendwie frustriert, sich etwas nicht leisten zu können, was man dann trotzig natürlich auch gar nicht haben will.
    Docma ist, Gottseidank! kein Shopping-Guide, wie etwa die „ProfiFoto“.
    Um so interessanter finde ich die kundigen Artikel auch zu Themen, die zuvor nicht unbedingt im Zentrum meines persönlichen Interesses lagen.

    Und noch etwas: aktuelles State-of-Art Equipment liegt preislich seit Jahrzehnten jeweils im Bereich von 25.00-60.000 Euro, nach 5-7 Jahren kann man aber für gute Gebrauchtware, getrost eine Null streichen.
    Ggf. 5-7 Jahre Vorfreude statt Verdruss:-)

  5. jwitzsch

    Gehen wir’s doch mal rein nach redaktionellen Kriterien an:
    – ist das Thema reine „Selbstbefriedigung“ a la „wir haben weltexklusiv die neue XYZ zum Test“. Das ist nicht DOCMA, also nein
    – setzt die Kamera in einem Bereich Maßstäbe, die es lohnt zu schildern? Auf jeden Fall ein Pluspunkt
    – hat die Kamera Funktionen oder Detaillösungen, die interessant sind, die neue Perspektiven eröffnen? Dann ja
    – Kann ein Artikel zeigen, daß das, was die Kamera bietet, auch von anderen Kameras zu deutlich geringerem Preis bereits geleistet wird? Dann ja
    – Kann ein Artikel zeigen, wo eine technische Entwicklung hinläuft und diese auch einordnen? Dann ja
    – Kann ein Artikel zeigen, daß die Kamera zwar technische Maßstäbe setzt, mit heutiger Objektivtechnik aber gar nicht annähernd ausgereizt werden kann? Dann ja (war da z.B. nicht etwas in DOCMA, Zitat „um solche Auflösungen überhaupt ausnutzen zu können, kann man nicht mehr aus der Hand fotografieren, braucht zwingend ein Stativ“)
    – Bringt ein Artikel dem Leser, auch wenn er sich die Kamera nicht leisten können wird, einen Mehrwert, einen Wissenstransfer auf seine eigene Ausrüstung (viele Leser werden auch keine Magazin-Cover-Modefotos machen, aber die Technik dahinter und die Herangehensweise lehrt in etwas für seine eigenen Fotos). Dann ja
    – Ein Gedanke: ich schätze DOCMA, weil es keine Test&Technik-Zeitschrift ist, die Messwert-Fetischismus und Pixelpeeping betreibt, sondern Kreativität und anwenderbezogene Themen in den Mittelpunkt stellt. Könnte da DOCMA nicht genau das tun, was den Test&Technik-Zeitschriften fehlt, nämlich die Technik auf den Prüfstand der Anwender und der Kreativen zu stellen?
    – und letztlich: wie viel „träumen“ gestatten wir dem „(Spiel)Kind“ in uns? DOCMA ist kein Automagazin mit Hochglanz-Ferraris und -Bugattis, aber so ein bißchen „emotionales“ in einem Umfeld, das viel von Kreativität lebt, darf vielleicht auch mal sein (ohne jetzt gleich zum Hochglanz-Magazin zu werden).

    In diesem Sinne: solange DOCMA nicht zum selbstbefriedigenden Hochglanz-Pixelpeeper-Magazin wird, solange die 100 Megapixel-Kamera nicht als Centerfold oder Starschnitt im Heft erscheint….

  6. hofstaedter-pictures

    Ich kann mir einen Flug zum Mond nicht leisten, dennoch sehe ich mir mit Vergnügen eine 90 minütige Docu an. Auch die 100 Megapixel von Phase One kann ich mir nicht leisten. Trotzdem finde ich es interessant darüber zu lesen. Man findet leider viel zu wenig solche Berichte weil man sich stets nach den Nörgler orientiert. Man kann es eben nicht jedem Recht machen, nicht zu 100 Prozent. Derartige Entwicklungen zu ignorieren ist fatal den es zeigt auch was vielleicht in 7 bis 10 Jahren dann im Consumer Bereich möglich sein wird.

  7. platti

    Die ganze Aufregung wegen eines kleinen Sechszeilers?

  8. Anton Klocker

    Mir gefällt diese Diskussion! Nicht weil ich beruflich mit der Phase One, zwar nur mit dem IQ250 Rückteil zu tun habe, aber eines kann ich euch versichern die Qualität ist sensationell!! ich hatte vorher ein namhaftes System aber kein Vergleich!!

  9. olivermengedoht

    Testkommentar. *g*

    100% Zustimmung, obwohl ich inzwischen ein „Smartphone“ und seit 2009 auch moderne Autos statt meines alten Käfer Cabrios habe (was deutlich älter als die 18 Jahre war *g*).
    Und Berichte über das technisch Machbare gehören selbstverständlich zur Zeitschrift. Ob mit Nachbar oder ohne 😉

  10. Ramive

    Das Wissen über das technisch Machbare, sowohl in der Fotografie, als auch in der Bildbearbeitung – wie auch mit anderen Dingen – kann uns helfen, kreative Lösungen zu finden. Wir sollten uns im Bedarfsfall fragen, ob wir diese Lösungen durch Kauf-, Mietgeräte oder externe Dienstleistungen in Anspruch nehmen können. Das DOCMA-Team geht den richtigen Weg und erweitert mein Wissen.

  11. webmichele

    Jeder muss wissen was er mit seinem Geräteaufwand an Einkommen realisieren kann. Deswegen find ich diese Diskussion über den Pixel Boliden ein wenig strange. Ich muss mit meiner großen Hasselblad auch ein Rückteil benutzen und je neuer diese Dinger umso fantastischer ist die Qualität. Wenn jemand diese Auflösung in einer Aufnahme benötigt, muss er sich das Teil halt leasen, mieten oder kaufen. Das ist zumindest mein normaler Berufsalltag. Aber das hat doch nichts mit Befindlichkeiten zu tun. Freundlich gesagt ist das ganze Geheule ziemlich peinlich.

  12. kifo

    Allein auf den Kaufpreis solch eines Produkts zu starren,wie das Kaninchen auf die Schlange, trübt den Blick für andere Nutzungsformen. Rent-Services bieten hochwertige Hardware im Bedarfsfall für überschaubares Geld. So kann es durchaus wirtschaftlich sein, eine 50.000 € Kamera oder ein 5.000 € Objektiv für ein Projekt zu nutzen, wenn der Auftrag es denn erfordert. Deshalb sind informative Beiträge auch aus Grenzbereichen des technisch machbaren für mich interessant.

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