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Die verbotene Stadt Wünsdorf

Rund um Berlin

Wünsdorf ist ein Ortsteil der Stadt Zossen in Brandenburg, eine knappe Autostunde südlich von Berlin. Heute bekannt als Bücher- und Bunkerstadt, blickt der Ort auf gut 100 Jahre Militärgeschichte zurück. Die weitläufigen Bunkeranlagen aus den 1930er Jahren wurden bis 1994 genutzt und können im Rahmen von Führungen und Fotoexkursionen begangen werden.

Bunker in Wünsdorf. Die verbotene Stadt Wünsdorf
Verbotene Stadt Wünsdorf: Die Überreste von 12 Bunkern der Anlage Maybach I stehen heute unter Denkmalschutz. Jeder Bunker hat die Größe eines stattlichen Einfamilienhauses und sich der Sprengung widersetzt.

Die Bunkeranlagen Maybach und Zeppelin dienten dem Oberkommando der deutschen Wehrmacht als Planungs- und Kommunikationszentrale im Zweiten Weltkrieg. Nach 1945 wurde Wünsdorf Sitz des Oberkommandos der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) und erst im August 1994 verlassen. Bis zu 70.000 Menschen lebten hier von der Öffentlichkeit abgeschlossen, daher der Beiname „Die verbotene Stadt“. Spiegel-Online veröffentlichte 2011 eine längere Bilderstrecke.

Neue Anziehungspunkte sind die von der Bücherstadt-Tourismus GmbH übernommenen Bunker. Die Bücherstadt-Idee wird auf der Website erklärt, ganz erschlossen hat sie sich mir nicht. Wie auch immer: Drei Antiquariate bieten 350.000 Bücher und die Bunker-Führungen suchen ihresgleichen. 

Eingang zum Bunker. Die verbotene Stadt Wünsdorf
Die tonnenschwere Eingangstür zur unterirdischen Bunkeranlage ist überraschend leicht beweglich.
Bunker Wünsdorf. Die verbotene Stadt Wünsdorf
Breit genug für ein Auto: Ein fast 200 m langer Tunnel führt 20 m tief unter der Erde vom Bunker Maybach zum Ausgang der Bunkeranlage Zeppelin.

Eindrücke einer Anreise

Im FAZ-Feuilleton beschrieb Niklas Maak 2015 seine Eindrücke der Anreise von Berlin in die Bücherstadt. Sie lassen sich heute noch nacherleben. Die damals frische Wärmedämmung der Straßendörfer mag gealtert sein, die postwendeübliche „Mischung aus überdimensionierten Tankstellen und Autohäusern am Ortsrand“ scheint hingegen zeitlos. Nur die Musikberieselung an der Tanke ist anders. Dennoch war ich froh, sie auf dem letzten Tropfen Sprit zu erreichen.

Führungen und Ausrüstung

Angeboten werden verschiedene Bunker-Führungen, die sich nach Dauer und historischem Fokus unterscheiden. Lohnenswert ist die Suche auf der Website nach besonderen Events im Veranstaltungskalender. Warme Kleidung ist auch im Sommer ein Muss: In den Bunkern herrschen konstant 10° Grad Celsius. Trotz aller Affinität zu manuellen Objektiven ist ein Autofokus-Zoom erwägenswert, während einer Führung ist die Zeit zum Fotografieren begrenzt.

Bunker Wünsdorf. Die verbotene Stadt Wünsdorf
Eine Rohrpostanlage verband die Bunkeranlagen. Licht ist Mangelware, die Auto-ISO-Funktion wandert gerne auf 6400 und höher – sofern man sie lässt.

Auf eigene Faust

Zu Fuß entlang der Zehrensdorfer Straße bieten sich einige Motive und die Maschen des Bauzauns sind groß genug, um ein Objektiv durchzustecken. Von allen weiteren Übergriffen, hier und anderswo, ist abzuraten. Die Objekte sind in der Regel videoüberwacht und das Sicherheitspersonal macht nicht den Eindruck, auf Hausfriedensbruch mit Humor zu reagieren.

Wünsdorf
Verbotene Stadt Wünsdorf: Entlang der Zehrensdorfer Straße bieten sich Motive für Teleobjektive, die legal erreichbar sind. Auch der Aufmacher zu diesem Beitrag ist so entstanden.

Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Deutschland

Über 500.000 Menschen samt Kriegsgerät wurden innerhalb von vier Jahren aus Deutschland in die ehemalige UdSSR zurückverlegt. Einen Teil des Abzugs begleitete Oberstleutnant Günter Pätz, der mit der Übergabe alter Liegenschaften haarsträubende Dinge entdecken musste. Fehlende Fußböden, Waschbecken und Wasserhähne waren die kleinsten Probleme. In einem MDR-Interview berichtet er von seinen Erfahrungen.

Wünsdorf
Diese Zeitzeugin mit Seltenheitswert ragt immer noch über den Zaun. Viele möglicherweise nützliche Gegenstände wurden beim Truppenabzug in die im Zerfall begriffene UdSSR abtransportiert.
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Bernd Kieckhöfel

Bernd Kieckhöfel hat einige Jahre für eine lokale Zeitung gearbeitet und eine Reihe von Fachartikeln zur Mitarbeiterführung veröffentlicht. Seit 2014 schreibt er für Fotoespresso, DOCMA, FotoMagazin sowie c't Digitale Fotografie.

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