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KI-Skepsis trifft Alltag: Warum wir der Künstlichen Intelligenz nicht trauen – und sie trotzdem nutzen

Manchmal frage ich mich, ob mein Smartphone mehr über mich weiß, als mir lieb ist. Neulich schlug mir eine Bildbearbeitungs-App vor, meine Stirn zu glätten und die Augen größer zu machen. Ich lehnte ab. Weniger aus Eitelkeit, viel mehr aus Trotz. Vielleicht war das der Moment, in dem ich mich selbst dabei ertappte, wie ich der Technik misstraue, obwohl sie längst ein nicht unerheblicher Teil meines Alltags ist. Genau diese Ambivalenz beschreibt die aktuelle Gallup-Studie zur Nutzung von Generativer KI – wenn auch nicht für meine Kohorte: Je selbstverständlicher KI-Tools wie ChatGPT oder Midjourney für die Generation Z werden, desto kritischer wird ihr Blick auf die Möglichkeiten und Risiken der Künstlichen Intelligenz. Für alle, die sich mit Fotografie, Bildbearbeitung und kreativen Prozessen beschäftigen, ist das im Grunde mehr als eine Randnotiz, es ist ein Signal, das den Umgang mit KI grundlegend prägt.

Zwischen Neugier und Skepsis: Generation Z im KI-Spannungsfeld

Die Zahlen der Gallup-Studie sprechen eine klare Sprache: Über die Hälfte der Generation Z in den USA nutzt Generative KI mindestens einmal pro Woche. Bei Schülerinnen und Schülern sind es 56 Prozent, bei jungen Erwachsenen 48 Prozent. Die Nutzung bleibt hoch, doch die Begeisterung schwindet. Innerhalb eines Jahres ist die Zahl derer, die sich über KI freuen, um 14 Prozentpunkte gesunken. Hoffnung macht Platz für Unbehagen und Ärger – und das quer durch alle Nutzergruppen.

Auffällig bleibt: Neugier ist die häufigste Reaktion auf KI. Knapp die Hälfte der jungen Nutzer gibt an, neugierig zu sein. Doch Neugier ersetzt kein Vertrauen. Die Mehrheit, 78 Prozent, ist überzeugt, dass KI das Lernen erschwert. Jeweils nennenswerte Anteile sehen auch Kreativität (38 Prozent) und kritisches Denken (42 Prozent) in Gefahr. Besonders deutlich wird das Misstrauen beim Blick auf die Arbeitswelt: 69 Prozent der befragten Gen-Z-Beschäftigten vertrauen ausschließlich menschlich erbrachter Arbeit, nur 28 Prozent zeigen Vertrauen in KI-gestützte Ergebnisse. Der Mensch bleibt für sie das Maß der Dinge.

Europa: Zwischen Pragmatismus und Vorbehalt

Wer glaubt, diese Skepsis sei ein amerikanisches Phänomen, irrt. Auch in Deutschland und Europa zeigt sich ein ähnliches Bild – oft sogar noch ausgeprägter. 66 Prozent der Deutschen haben im vergangenen Jahr ein KI-Tool genutzt; mehr als 60 Prozent sehen KI am Arbeitsplatz positiv (Eurobarometer). Gleichzeitig äußern laut Ipsos bis zu 67 Prozent der Europäer erhebliche Bedenken gegenüber KI-Systemen. Männer nutzen KI häufiger als Frauen, doch Skepsis ist keine Frage des Geschlechts. 84 Prozent der EU-Bürger fordern strenge Regeln, Datenschutz und Transparenz. Europa gilt laut Ipsos als die skeptischste Region weltweit, wenn es um Künstliche Intelligenz geht. Die Technik wird genutzt, aber nicht geliebt. Sie bleibt Werkzeug und Schreckgespenst zugleich.

Von Frankenstein bis HAL 9000: Die kulturelle Tiefenstruktur der KI-Angst

Das Misstrauen gegenüber KI reicht tiefer, als es Umfragen erfassen. Die Angst vor neuen Technologien ist ein wiederkehrendes Motiv: Der Buchdruck galt als Gefahr für das Erinnerungsvermögen, die Fotografie als Totengräberin der Malerei, das Fernsehen als Verderber der Jugend. Immer folgt auf die Angst der Widerstand, dann die Gewöhnung. In der Popkultur ist KI fast immer der Antagonist, von Frankensteins Monster über HAL 9000 bis zum Terminator. Die überlegene Maschine bleibt ein kollektiver Albtraum, der sich in jeder Generation neu inszeniert.

Moralpanik als Dauerzustand

Was wir heute erleben, ist eine moralische Panik in Echtzeit. Medien berichten über Deepfakes, Jobverluste und Kontrollverlust. Politiker fordern Ethikräte, Künstler warnen vor dem Ende der Kreativität. Gleichzeitig wächst die Zahl derer, die KI im Alltag nutzen – für die Steuererklärung, die schnelle Bildbearbeitung oder den ersten Entwurf eines Textes. Die Gallup-Zahlen zeigen: Selbst die Generation, die mit KI aufgewachsen ist, traut ihr nicht über den Weg. Das ist kein Widerspruch, sondern ein gesellschaftliches Grundmuster. Wir nutzen, was wir fürchten. Und fürchten, was wir nutzen.

Die Kunst, mit Widersprüchen zu leben

Für Kreative, Medienprofis und Entscheider ist das eine unbequeme, aber produktive Ausgangslage. KI ist weder Heilsbringer noch Untergangsprophet. Sie verändert die Arbeit – manchmal zum Besseren, manchmal zum Schlechteren. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die Widersprüche auszuhalten: Generation Z ist die erste Generation, die mit KI aufgewachsen ist und zugleich strukturell misstraut. In Deutschland und Europa wird KI gleichzeitig als Chance und Risiko verhandelt. Kreative nutzen KI für Routineaufgaben, lehnen sie aber als kreativen Partner ab. Während die einen nach mehr Regulierung rufen, experimentieren die anderen längst mit neuen Ausdrucksformen.

Was bleibt: Fragen, Zweifel und die Notwendigkeit der Haltung

Vielleicht ist das Misstrauen der beste Schutz gegen die Hybris des Fortschritts. Vielleicht zeigt es auch, dass wir noch nicht wissen, was wir mit den neuen Möglichkeiten anfangen sollen. Die Gallup-Studie macht deutlich: Die Debatte um KI ist weniger eine Frage der Technik als eine Frage der Haltung. Wer heute mit KI arbeitet, muss lernen, mit Unsicherheit umzugehen – und mit der Erkenntnis, dass die Antworten auf die großen Fragen oft erst dann sichtbar werden, wenn man aufhört, sie zu erzwingen.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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