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Synthetische Wahrheit: Wenn die KI den perfekten Schein baut – und an der Logik scheitert

Es gibt diese Morgen, an denen man beim Lesen der News den Kaffee etwas vorsichtiger umrührt. Nicht aus Angst vor dem Überlaufen, sondern weil angesichts der KI-Fortschritte mal wieder die Frage im Raum steht, ob der eigene Beruf bald überflüssig wird. Die Debatte um die Zukunft der Wahrheit ist dabei aktueller denn je. Die KI, so heißt es, kann jetzt alles: Sie komponiert, retuschiert, generiert Bilder, die so makellos sind, dass selbst der erfahrenste Kollege zweimal hinschauen muss um sie zu erkennen.

Während das Handwerk an Wert verliert, rückt etwas anderes ins Zentrum: Haltung und strategische Autorschaft. Ich nenne das in meinem neuen Buch „Synthetische Wahrheit“ die neue Währung. Die Maschine rekombiniert, der Mensch stiftet Sinn. Und genau darin liegt der Unterschied, der in Zukunft immer mehr über Austauschbarkeit und Unverwechselbarkeit entscheidet.

Denn oft reicht ein einziger Blick auf das neueste KI-Bild nicht aus. Da sitzt man am Monitor und betrachtet ein Motiv, das so makellos wirkt, als hätte die Technik endgültig gewonnen. Doch dann, beim zweiten Hinsehen, tauchen Details auf, die alles kippen: winzige Fehler, die die ganze Szene ad absurdum führen. Das sind immer noch keine Einzelfälle. Sondern Symptome, die auch von der neusten Generation der Bild-KI-Modelle nicht beherrscht werden. Schwierig wird es immer noch, wenn es um funktionale Maschinen, vergangene, also vor-digitale Zeiten und/oder um Physik geht.

Die Logikfehler der KI

Prompt : Erzeuge ein realistisches dokumentarisches Foto einer analogen Dunkelkammer. Zu sehen sind ein Vergrößerer, ein Arbeitstisch, Entwicklerschalen, Zangen, Fotopapier, ein Timer, Rotlicht und einige Negative. Die Szene soll benutzt und glaubwürdig wirken, nicht museal, nicht dekorativ.

Neulich wollte ich ein dokumentarisches Bild einer analogen Dunkelkammer rechnen lassen. Alles war da: Entwicklerwannen, rote Sicherheitsbeleuchtung (vielleicht etwas zu hell), Kontaktbögen an der Wand. Eine Uhr, die eine Stoppuhr sein müsste. Zu wenig Entwickler in der Schale links, unsinnige Tropfenkreise im Stoppbad, keine Flüssigkeit, dafür aber drei Küchenzangen in der Fixierschale. Eine völlig unsinnige Anordnung der Objekte, so dass man in der Dunkelkammer nicht ansatzweise ergonomisch sinnvoll arbeiten könnte. Und dann thront mittendrin ein wissenschaftliches Mikroskop – als hätte jemand die Chemie-AG mit dem Fotokurs verwechselt. Wer je in einer echten Dunkelkammer gearbeitet hat, weiß: Auch wenn Mikroskope und Vergrößerer eine gewisse optische und funktionale Ähnlichkeit haben, sind sie deswegen nicht austauschbar. Die KI hat offenbar gelernt, dass beides mit „genau hinschauen“ zu tun hat, aber nicht, dass das eine in den Biologieunterricht gehört, das andere in die Fotografie. Fehler, so absurd wie ein Stethoskop in der Werkzeugkiste des Schreiners.

Überlaufender Wein: Ursache ohne Wirkung

Prompt: Erzeuge ein realistisches dokumentarisches Foto einer Person, die in einer Küche Wein aus einer gläsernen Karaffe in ein bis zum Rand gefülltes Weinglas gießt. Der Wein soll überlaufen und sich auf dem Tisch verteilen. Die Szene soll natürlich und unbeobachtet wirken, mit Tageslicht, echten Reflexionen auf Glas und Tisch, sichtbarer Hand, Tropfen und einem halb gefüllten Glas. Keine Studioästhetik, sondern ein glaubwürdiger Alltagsmoment.

Noch absurder wird es, wenn die KI den Moment einfängt, in dem Rotwein über den Rand eines Glases schwappt und sich großzügig über den Tisch ergießt. Die Person, die augenscheinlich vorsichtig einschenkt, bleibt dabei völlig ungerührt – kein Innehalten, kein Griff zum Tuch, kein Anflug von Überraschung. Die KI hat die Physik des Überlaufens verstanden, aber weder die Psychologie des Moments noch die Physik, denn es müsste für die Bildlogik einen viel mehr Wein aus der Karaffe fehlen. Die KI weiß, wie Flüssigkeit aussieht, wenn sie sich ausbreitet, aber nicht, dass Menschen auf Missgeschicke reagieren. Das Bild zeigt: Die Maschine kann den Ablauf simulieren, aber nicht den Sinn erfassen. Sie bleibt im Standbild gefangen, unfähig, Ursache, Wirkung und physikalische Zusammenhänge zu verknüpfen.

Vom Handwerk zur Haltung: Was bleibt, wenn die Maschine alles kann?

Man könnteimmer so weitermachen, denn diese Beispiele sind keine technischen Ausrutscher, sondern Symptome eines grundlegenden Missverständnisses. Die KI kann alles, was sich in Pixel und Oberfläche übersetzen lässt. Aber sie versteht nicht, was sie da eigentlich tut. Sie ist wie ein Kind, das Wörter kennt, aber noch keine Geschichten erzählen kann. Oder wie ein Koch, der Zutaten hat, aber das Rezept nicht versteht. Für Bildprofis bedeutet das: Wer nur noch reproduziert, was die Maschine kann, wird austauschbar. Das Handwerk, das jahrzehntelang die Eintrittskarte ins kreative Geschäft war, verliert an Wert. Was bleibt, ist die Haltung, die Auswahl aufgrund des besseren Wissens, die strategische Autorschaft. Wer entscheidet, was gezeigt wird? Wer gibt dem Bild einen Sinn? Wer übernimmt Verantwortung für das, was sichtbar wird – und für das, was verborgen bleibt?

Die neue Elite: Kuratoren, Erzähler, Sinnstifter

Die Zukunft gehört nicht den besten Technikern, sondern den klügsten Kuratoren, den mutigsten Erzählern, den souveränsten Sinnstiftern. Sie verhandeln mit der algorithmischen Muse, lassen sich inspirieren, aber nicht ersetzen. Sie wissen: Die Maschine kann alles – außer entscheiden, was zählt. In meinem neue Buch versuche ich es auf den Punkt zu bringen: „Die algorithmische Muse beschleunigt den Kreativitäts-Prozess lediglich ins Extreme und macht ihn transparent. Die Frage ist nicht mehr, ob eine Maschine kreativ sein kann, sondern wie wir unsere Menschlichkeit im Dialog mit ihr neu definieren und zur Geltung bringen.“

Im Grunde entlarvt die KI eine Wahrheit, die schon immer für Prozesse der Kreativität galt: Schöpfung ist selten ein Akt der creatio ex nihilo, sondern fast immer ein intelligentes Rekombinieren, Kuratieren und Weiterentwickeln des Vorhandenen. Die Maschine ist ein Meister der Rekombination, aber unfähig zur Sinnstiftung. Genau hier beginnt die neue Währung im kreativen Geschäft: Nicht mehr das Handwerk, das jeder Algorithmus nachahmen kann, sondern die Haltung, die Auswahl, die strategische Urheberschaft.

Existenzangst als Chance: Wer Bedeutung schafft, bleibt unersetzbar

Natürlich ist die Existenzangst, die viele von uns aktuell verspüren, real. Wer heute nur noch reproduziert, was andere vorgeben, sei es Mensch oder Maschine, wird bald überflüssig. Doch genau darin liegt auch die Chance: Noch nie war es so einfach, das Handwerk zu delegieren und sich auf das zu konzentrieren, was jetzt mehr den je zählt: Haltung, Auswahl, Bedeutung. Wer den Mut hat, Neues zu schaffen, wer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, wird unersetzbar. Vielleicht ist das die eigentliche Revolution: Nicht die Technik, sondern die Rückkehr zur Autorschaft. Nicht die Perfektion der Form, sondern die Kraft des Sinns. Die KI zwingt uns, uns neu zu erfinden. Aber eben nicht als bessere Handwerker, sondern als klügere Sinngeber.

Die Verhandlung mit der algorithmischen Muse

Die Verhandlung mit der ‚algorithmischen Muse‘ verändert unseren Beruf radikal. Welche 7 Regeln wir jetzt brauchen, beschreibe ich in ‚Synthetische Wahrheit‘. Wenn Sie wissen wollen, wie ich bei der Produktion des Buches selbst mit der KI verhandelt habe, wo sie half und wo sie scheiterte, registrieren Sie sich für das Buch das Mitt Juni erschient und holen Sie sich schon jetzt das kostenlose Bonus-Kapitel.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

2 Kommentare

  1. Wie so oft, sitzt das größte Problem vor dem PC😉. Ich habe ihren Prompt nur ganz gering abgeändert und ein durchaus akzeptables Foto von ChatGPT erhalten.
    Mein Prompt: Erzeuge ein realistisches dokumentarisches Foto einer analogen Dunkelkammer. Zu sehen sind ein Negativvergrößerungsgerät, ein Arbeitstisch, Entwicklerschalen, Zangen, Fotopapier, ein Timer, Rotlicht und einige Negative. Die Szene soll benutzt und glaubwürdig wirken, nicht museal, nicht dekorativ.

    1. Wenn ich es mehrfach versuche, bekomme ich auch manchmal eine „richtige“ Dunkelkammer heraus. Aber darum geht es in dem Artikel nicht. Es geht um etwas Grundsätzliches, nämlich das Nichtvorhandensein eines echten Weltmodells, das sich in solchen Generaten, wie dem oben gezeigten, in aller Deutlichkeit offenbart.

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