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Wünsch Dir was

Es ist ein undankbarer Job, den Spielverderber zu geben, aber einer muss es tun. Ich habe immerhin ein gewisses Talent dazu, und wenn mir auffällt, dass viele etwas zu sehen meinen, das tatsächlich gar nicht da ist, dann kann ich nicht anders, als in den Luftballon zu pieksen.

Nein, ich spreche jetzt nicht von jenem vermaledeiten Kleid, das letzte Woche die Runde durch das Netz machte. Aus dieser Nummer bin ich ’raus, denn ich kann in diesem überbelichteten Bild leider weder ein blau-schwarzes noch ein weiß-goldenes Kleid erkennen. Für mich ist es hellblau-braun (wie übrigens auch die RGB-Werte nahelegen), und obwohl ich weiß, dass es tatsächlich blau-schwarz ist, weigert sich mein Gehirn, es in diesem Bild so zu sehen.

Ein Mock-up der Konost – so schlank wird sie jedoch nicht bleiben, wenn sie M-kompatibel sein soll.

Ein Mock-up der Konost – so schlank wird sie jedoch nicht bleiben, wenn sie M-kompatibel sein soll.

Nein, ich rede hier von Konost, dem Projekt einer Leica-M-kompatiblen Kamera mit optisch-elektronischem Messsucher, das in der Fotoszene Aufsehen erregte. Bislang kann das Konost-Team nur einen weit vom geplanten Produkt entfernten Prototypen und eine funktionslose Designstudie vorweisen; zudem wird noch ein Investor gesucht, der die ehrgeizigen Pläne finanziert – neben einer Kleinbildkamera ist eine Version mit APS-C-Sensor sowie eine Kompaktkamera geplant. Das puristische Konzept der Konost bildet aber gerade deshalb eine perfekte Projektionsfläche, auf der jeder sehen kann, was er sehen will.

Eine Kamera wie die Leica M soll sie sein, nur noch puristischer, moderner, schlanker, dabei auch noch deutlich preisgünstiger – so zumindest kam die Botschaft im Netz an. Tatsächlich versprochen wird immerhin ein zu vergleichbaren Kameras konkurrenzfähiger Preis, was bei 6520 Euro für eine Leica M (Typ 240) viele Interpretationen zulässt. Und wie nahe ist das Konost-Team seinem Traum gekommen?

Bisher haben sie ein Evaluation-Board für einen handelsüblichen CMOS-Sensor der belgischen Firma CMOSIS erworben, die auch den speziell für Leica entwickelten Sensor der M (Typ 240) liefert. Es handelt sich allerdings um ein für technisch-wissenschaftliche Anwendungen statt für die bildmäßige Fotografie konzipiertes 20-MP-Modell, das nicht das vertraute 36×24-mm-Format hat; stattdessen misst der Sensor etwa 33×25 mm (Seitenverhältnis 4:3). Die vom Sensor ausgelesenen 12 Bit pro Pixel entsprechen nicht dem Stand der Technik; außer bei Einsteigermodellen erwartet man heutzutage 14 Bit. Die Sensorplatine haben die Entwickler mit einem Zedboard-Einplatinencomputer verbunden, mit dem sie Live-View-Bilder auslesen und anzeigen sowie Raw-Bilder speichern können. Dieser Prototyp bewegt sich auf dem Niveau von Selbstbauprojekten, wie ich sie in DOCMA 62 (Seite 90ff.) beschrieben hatte. Irgendwelche Neuerungen findet man hier nicht; jeder kompetente Bastler mit Programmierkenntnissen könnte sich eine solche Kamera aus fertigen Komponenten bauen.

Es war aber auch die elegante Designstudie, die den nachhaltigsten Eindruck hinterlies. Leider ist dieses an die Leica T erinnernde Mock-up nicht sehr realistisch. Das schlanke Design gefiel, sind die digitalen Leicas doch vielen zu dick. Bei einer M-kompatiblen Kamera müssen Sensor und Bajonett aber 27,8 mm entfernt sein, und dafür bietet das Konost-Design keinen Platz. Offenbar hatte niemand dem Designer verraten, dass das scharfe Bild besser in als hinter der Kamera entstehen sollte.

Digitale M-Modelle haben damit zu kämpfen, dass kurzbrennweitige M-Objektive in flachem Winkel einfallende Randstrahlen erzeugen, was zu Farbverschiebungen am Bildrand führen kann – das Problem ist als Italian-Flag-Syndrome bekannt. Leica begegnet dem mit besonders flachen Sensorpixeln, kombiniert mit Mikrolinsen einer sehr kurzen Brennweite, womit auch flach einfallende Lichtstrahlen das richtige Pixel treffen sollen (zusätzlich sind noch objektivspezifische Korrekturen in der Firmware nötig), aber diese Sensor-Technologie steht Konost nicht zur Verfügung. Ihre Kamera wird auch nicht das verwendete Objektiv erkennen, denn die dazu herangezogene 6-Bit-Kodierung ist durch ein Leica-Patent geschützt.

Der interessanteste Aspekt des Konost-Projekts ist der optisch-elektronische Messsucher, mit dem man die Objektive manuell fokussieren soll. Statt des aufwendigen und kostspieligen optomechanischen Messsuchers, den Leica für die M (Typ 240) noch einmal perfektioniert hatte, der die Kamera aber auch verteuert, setzt das Konost-Team auf eine Kamera-in-der-Kamera. Ein Kameramodul rechts des Objektivs erzeugt ein digitales Bild, das in den optischen Sucher auf der linken Seite eingespiegelt wird. Je nach der Fokusposition des Objektivs wird das eingespiegelte Mischbild verschoben, und wenn es mit dem optischen Bild zur Deckung kommt, erzeugt das Objektiv ein scharfes Bild. Dieses Konzept, das anders als ein herkömmlicher Messsucher ohne bewegliche Teile auskommt, ist durchaus praktikabel, es zu verwirklichen aber alles andere als trivial. Beispielsweise müsste dazu die Fokusposition des Objektivs mit hoher Präzision abgetastet und digitalisiert werden. Leider lässt nichts erkennen, dass sich die Konost-Entwickler der Probleme bewusst wären, ganz zu schweigen davon, dass sie Lösungsansätze zumindest angedeutet hätten. Der funktionsfähige Prototyp hat noch gar keinen Sucher. Die Randstrahlenproblematik, mit der man sich beispielsweise auch herumschlagen muss, wenn man M-Objektive an eine Sony A7 adaptiert, wird ebenso wenig erwähnt. So erweckt die Präsentation bisher nicht den Eindruck, als wäre das Team seiner selbst gesetzten Aufgabe gewachsen.

Es tut mir ja leid, aber ich bin mir sicher, dass die Konost niemals Realität werden wird. Wer sollte ihre Entwicklung auch finanzieren, verfügen ihre Entwickler doch über keine neue Technologie, um eine bessere Leica als Leica zu bauen. Es fehlt dem Projekt schlicht an Substanz; halbgare Ideen alleine tun es nicht, auch wenn man sich ganz fest wünscht, dass es anders wäre.

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  1. Pingback: 10. März 2015 › kwerfeldein - Fotografie Magazin | Fotocommunity

  2. hubertus0

    Ich hatte ehrlich gesagt noch nie von dem Konost-Projekt gehört, fühlte mich aber nach dem Lesen des Artikels spontan an den „Cargolifter“ erinnert. -Dort wurde zuerst Geld eingesammelt und eine riesige Halle errichtet, um so läppische Details wie Naturgesetze und grundsätzliche Durchführbarkeit wollte man sich später kümmern.
    Die Halle dient jetzt, soviel ich weiß, als Spaßbad.

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